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Augenzeuge Fritz Zollinger«Mein Herz schlägt für den Zirkus»

Beruflich befasst sich Kulturingenieur Fritz Zollinger, 55, mit der Landwirtschaft. Privat geht er ganz in der Zirkuswelt auf – wobei Perfektion für ihn nicht alles ist.

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Dieses Jahr habe ich vier Zirkuspremieren besucht – so wenige wie selten zuvor. Zu den besten Zeiten waren es mehr als doppelt so viele. Wenn auch nicht immer ganz freiwillig: Als nebenamtlicher Chefredaktor der Schweizer Zirkuszeitung «Manege» musste ich auch etliche Kritiken schreiben.

Von meinen Eltern kann die Zirkusbegeisterung nicht stammen. Das passt ja kaum zu einem ETH-Professor und einer Pfarrerstochter. Aber bereits beim ersten Besuch des Circus Knie hat es mich gepackt und nicht mehr losgelassen. Zirkusdirektor war fortan mein Berufswunsch.

Faszinierende Welt der Gegensätze
Trotz ihrer Skepsis gegenüber meinen Zirkusträumen ermöglichten mir meine Eltern, nach der Matur einen Teil der Tournee des Circus Knie mitzumachen. Da gingen mir die Augen auf: Im Zirkus denkt der Direktor; vor allem er ist kreativ – der Rest führt aus. Ich aber wollte auch im Beruf denken und begann mein Studium. Der Zirkus blieb Herzenssache.

Was mich am Zirkus fasziniert, kann ich nur umreissen. Es sind die Gegensätze zwischen dem Zauber der Manege und der harten Arbeit hinter den Kulissen, zwischen der Präzision der Akrobaten und der Tollpatschigkeit der Clowns, zwischen dem unsteten Leben der Artisten und dem sesshaften der Zuschauer.

Bereits der Auf- und Abbau des Zelts bringt mich in Stimmung. Das Kernstück der Aufführungen bilden die Akrobatikeinlagen, die Tiernummern und die Spässe der Clowns. Den Nervenkitzel bei den Nummern am Trapez spürte ich auch dieses Jahr wieder – und ich entspannte mich einmal mehr mit herzhaftem Lachen bei den Clownnummern.

Die lustvolle Spannung hat allerdings ihr Ende, wenn Akrobaten mit dem Leben spielen. Richtig geniessen kann ich ihre Präzision nur, wenn sie sich mit einem Netz oder einer Leine sichern. Die Zuschauer halten meist auch die Raubtiernummern für ein ungesichertes Spiel mit dem Leben. Das trifft nicht zu. Die Tiere greifen äusserst selten an. Und wenn sie es tun, sind fast immer Fahrlässigkeit oder technische Pannen im Spiel.

Vor einigen Jahren attackierte ein Tiger den Dompteur in der letzten Vorstellung der Saison. Weil die Derniere lustig sein sollte, verkleidete sich der Dompteur als Frau. Der Tiger respektierte ihn nicht mehr als Alphatier und schlug zu. Verheerend kann sich auch der Ausfall des Lichts auswirken. Das irritiert die Tiere und löst Aggressionen aus.

Den Löwenanteil der Entspannung leisten die Clowns. Da hat der verstorbene Fredy Knie vor fast 20 Jahren eine entscheidende Weiche gestellt, indem er Dimitri engagierte. Mit seinem feinen, poetischen Humor beendete er die Ära der dummen Auguste.

Sind alle Nummern Klasse, so heisst das für mich noch nicht, dass das Programm es auch ist. Dies zeigt das Knie-Repertoire 2004. Die meisten Nummern sind perfekt. Doch ein Programm kann auch zu perfekt sein. Wenn alles reibungslos funktioniert, frage ich mich, ob es wirklich Menschen aus Fleisch und Blut sind, die ihr Können zum Besten geben.

Die echte Weltklasseleistung eines Chinesen realisieren viele Knie-Zuschauer nicht – weil die Ansage fehlt. Der Artist macht Kopfstand auf dem Schlappseil. Das Einmalige an dieser Nummer ist, dass der Mann kein Kissen zwischen Kopf und Seil schiebt. Er balanciert somit auf einer pendelnden, labilen Linie.

Je fantasievoller, desto verzaubernder
Im klassischen Zirkus wies noch der Ansager auf die besondere Schwierigkeit hin. Der ist heute wegrationalisiert, wie auch das Nummerngirl. Ab und zu sehne ich mich nach diesen Personen zurück – und auch nach einem klassischen Zirkusorchester mit Streichern.

Auch dieses Jahr beweist der Circus Monti, dass es Alternativen gibt zur fantasielosen Abfolge teurer und ausgefeilter Kunststücke. Ein Komponist, eine Choreografin und der hervorragende Regisseur Dimitri gestalten jede Nummer. Vielleicht sind diese nicht immer perfekt, aber sie fügen sich zum Gesamtkunstwerk zusammen. Mein Herz schlägt für diesen Zirkus mit Herz.

Begeistert hat mich auch der Circus Conelli. Er inszeniert mit viel Fantasie – und dies in der ohnehin schon festlichen Weihnachtsstimmung. Ich liebe das Verzaubernde, Glitzernde – hier komme ich auf meine Rechnung.

Vorübergehend nochmals Kind sein
Stimmt dagegen die Atmosphäre nicht, kann ich das beste Programm nicht geniessen. Nichts Schrecklicheres als eine Kindervorstellung an einem sonnigen und heissen Nachmittag. Wenn dann noch Popcorn herumfliegt und die Kleinsten plärren, ist für mich das Zirkuserlebnis dahin.

Dabei liebe ich Kinder und leite an meinem Wohnort Otelfingen den Kinderzirkus Otelli. Unsere Programme inszenieren wir aber nicht nur für Kinder – sie sollen auch den Erwachsenen gefallen.

Zwar gilt Zirkus heute allgemein als eine Art mindere Unterhaltung für Kinder, doch das halte ich für falsch. Auch wenn es bei den Zirkusdarbietungen eigentlich um klassische Kinderträume geht – Unmögliches mit seinem Körper zu machen, mit Tieren zu reden, Blödsinn zu treiben. Ich glaube deshalb, dass nur jene den Zirkus geniessen, die zumindest vorübergehend noch Kind sein können.

Veröffentlicht am 07. Juni 2004