Stefan Eichenberger: Manchmal staune ich immer noch, dass wir die Sache ohne grössere zwischenmenschliche Verluste durchgezogen haben und immer noch miteinander reden.

Es war zugegebenermassen eine verrückte Idee, mit zehn Regisseurinnen und Regisseuren aus zwei Sprachregionen einen Film über den Zustand der Schweiz zu drehen. Die Grundidee zu «Heimatland» stammt von den Regisseuren Jan Gassmann und Michael Krummenacher. Anfang 2012 kam ich als Produzent dazu, und wir bildeten das eigentliche Kernteam, das alles zusammenhielt.

Jan und Michael brachten die Idee für die Rahmenhandlung schon mit: Über der Schweiz zieht eine riesige dunkle Wolke auf, und diese bringt ­einen ungeheuren Sturm mit sich, der das Land zu verwüsten droht. Mit dieser Vorgabe kontaktierten wir zwei Dutzend junge Filmschaffende aus der Deutschschweiz und der Romandie und suchten nach Episoden, die wir zu einer einzigen langen Geschichte ­verweben konnten. Das hat es noch nie gegeben: zehn Regisseure, die ­gemeinsam einen Film drehen.

Wir machen einen Film, aber welchen?

Als wir die neun Beiträge ausgesucht hatten, die jetzt im Film zu sehen sind, luden wir Ende 2012 alle Regisseurinnen und Regisseure für ein Wochenende in eine Alphütte in Elm GL ein. Wir diskutierten stundenlang darüber, was denn eigentlich die Schweiz sei, die wir im Film zeigen wollten, und ­jeder erzählte seine Geschichte, die er sich ausgedacht hatte. Und obwohl wir uns noch kaum kannten, ging es richtig zur Sache. Wir konnten uns nur ­darauf einigen, einen Film zu machen, aber nicht darauf, wie. Am Sonntagabend ging ich völlig demotiviert und verwirrt nach Hause. Es war einer der Momente, in denen ich dachte, dass das niemals etwas werden wird.

Das Wochenende war jedoch nur ein Vorgeschmack auf das, was noch kommen sollte. Wir hatten drei Jahre lang riesige Diskussionen und unzählige Streitereien.

Der Film besteht aus neun Epi­soden, die im Verlauf der Geschichte immer wieder auftauchen und weitergesponnen werden, ohne dass sie sich berühren. Bis wir diese Erzählung beieinander hatten, musste ich mindestens 100 Drehbücher lesen. Von jedem Beitrag gab es zudem unzählige verschiedene Fassungen, und die Autorinnen und Autoren kämpften hart­näckig um jedes Detail und jede Sekunde Leinwandpräsenz.

Das Plakat zum Film.

Quelle: Look Now

Dazu wurde natürlich auch eifersüchtig registriert, wenn wir einem Regisseur wegen einer besonders aufwendigen Szene einen zusätzlichen Drehtag zubilligten.

Weil wir um die verschiedenen Befindlichkeiten wussten, zögerten Jan, Michael und ich die Vorführung des Rohschnitts bewusst weit hinaus. Mit einer ausgereiften Fassung wollten wir das Diskussionspotenzial so klein wie möglich halten. Wir waren eigentlich ganz zufrieden mit unserer Version und dachten, nun hätten wir die Sache einigermassen auf dem Schlitten.

Trailer «Heimatland»

Die Vorführung endete in einem Debakel. Die Regisseure tobten, jeder wollte die Gesamtdramaturgie ändern, jede war der Meinung, ihre ­Episode komme zu schlecht weg. Die Stimmung war am Boden. Am nächsten Morgen kaufte ich eine Flasche Schnaps und ging ins Schnittstudio. Dort sassen Michael und der Cutter, und beide waren völlig verkatert. Sie hatten sich aus lauter Frust bereits in der Nacht zuvor die Kante gegeben.

Wir standen nur noch wenige ­Wochen vor dem Picture-Lock, also dem Moment, ab dem am Schnitt des Films nichts mehr verändert werden kann, weil dann die digitale Nach­bearbeitung und die Arbeiten an der Filmmusik beginnen. Zudem hatten wir bereits die Zusage, dass wir am Filmfestival von Locarno die Welt­premiere feiern konnten, und das gleich im internationalen Wettbewerb.

Am letzten Tag per Express geschickt

Da mussten wir der Demokratie in dem Projekt einfach Grenzen setzen und die Sache nach dem Prinzip der konsultativen Monarchie zu Ende bringen: Wir hörten die Meinung der grossen Gruppe an, entschieden aber im kleinen Kreis. Wir kamen auch so noch zeitlich in Bedrängnis. Die Verantwortlichen in Locarno verzweifelten fast, weil wir die Ablieferung des Films immer weiter hinauszögerten.

Am Tag, an dem die definitive ­Kopie dann unter allen Umständen in Locarno sein musste, kamen wir morgens um vier Uhr aus dem Tonstudio, weil wir technische Probleme gehabt hatten. Um zehn Uhr kontrollierten wir in einem Zürcher Kino ein letztes Mal die fertige Fassung, und um 16 Uhr ging der Film per Express auf die Post.

Wir zoffen uns übrigens weiterhin. Weil das Filmplakat nicht allen gefällt. Aber die meisten Kritiken in Locarno waren gut. Und ich schlafe wieder ­ohne homöopathische Tropfen.

«Heimatland» läuft ab dem 12. November im Kino.