«Angst ist scheisse. Angst kommt auf, wenn du nur eine Möglichkeit hast – und die schlecht ist. Während des Sturms Lothar sass ich als Linienpilot im Cockpit eines vollbesetzten Airbus, im Anflug auf Genf. Orkanböen aus allen Richtungen und keine Wahl: Der Vogel muss hier runter. Der Schweiss läuft dir in Bächen über den Rücken, du kannst kaum mehr sprechen, die Beine schlottern. Das ist nicht lustig.

An meinem Flügel habe ich nie Angst. Auch nicht, wenn mal etwas schiefgeht, wie kürzlich beim Versuch, die Meerenge von Gibraltar zu überfliegen. Das wäre der erste Interkontinentalflug dieser Art geworden.

Ich wollte durch eine Wolkenschicht aufsteigen, um für mein Begleitflugzeug sichtbar zu bleiben. Dabei wählte ich einen zu steilen Anstellwinkel und verlor an Geschwindigkeit. Über den Wolken kam ich in Turbulenzen, geriet ins Trudeln und fiel in die Wolken zurück. Da ist alles weiss, man hat keine Möglichkeit, sich zu orientieren. Ich habe keine Instrumente.

Als ich auf rund 800 Metern Höhe wieder unter die Wolken tauchte, schoss ich mit 300 Kilometern pro Stunde senkrecht auf das Meer zu. Ich habe noch ein, zwei Sekunden versucht, den Flügel unter Kontrolle zu bringen – dann zog ich die Trennleine und öffnete den Fallschirm. Das ist nichts Besonderes. Im Training habe ich den Flügel schon rund 20 Mal abgeworfen.

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Die anschliessende Rettung klappte perfekt. Wir hatten sie am Tag zuvor durchgespielt. Vielleicht habe ich damit zu viel Energie auf einen möglichen Fehlschlag verschwendet. Wer sich zu viele Gedanken über gewisse Ereignisse macht, zieht sie irgendwie an. Aber ich leide nicht nach Fehlschlägen. Scheitern bringt einen weiter, wenn man daraus lernt.

Kinder machen es genau richtig

Ausserdem habe ich eigentlich schon erreicht, was ich wollte: Ich habe ein Fluggerät entwickelt, das direkt auf Körperbewegungen reagiert – es ist wie bei den Vögeln: Ein Vogel überlegt nicht. Er fliegt. Bei meinem Flügel ist das genauso. Er ist einfach zu fliegen. Kinder, die ein Flugzeug imitieren, machen intuitiv genau die richtigen Bewegungen.

Ein befreundeter Fallschirmspringer hat das Gerät ausprobiert und kam bestens damit zurecht. Es funktioniert also. Irgendwann wird der Flügel in Serie gehen. Aber bis dahin gibt es noch viel zu optimieren. Ich möchte zum Beispiel vom Trägerflugzeug unabhängig werden.

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«Nach dem Grounding der Swissair hatte ich eine grosse Wut auf diese unfähigen, arroganten Leute»: Yves Rossy, Swiss-Pilot und Erfinder

Quelle: Rama (Wikimedia)

Auch die US-Armee wurde neugierig

Ich träume auch davon, mit ein paar Freunden in Norwegen auf einer dieser 1000-Meter-Klippen zu stehen und dann – Gentlemen, start your engines! – zu einem Formationsflug abzutauchen.

Vor einigen Jahren hat mir die US-Army einen Auswertungsbogen zu meinem Flügel zukommen lassen, den ich ausfüllen sollte. Das Ding war dick wie ein Telefonbuch. Ich habe ihnen gesagt, sie sollten doch vorbeikommen und ihn sich ansehen. Aber sie haben sich nie mehr gemeldet. Wir haben unterschiedliche Ziele. Das Militär will lautlos mit möglichst viel Ausrüstung und Waffen möglichst weit hinter feindliche Linien gelangen. Ich will einfach Spass haben. Ein bisschen herumtollen.

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Der aktuelle Flügel wiegt 55 Kilogramm und hat eine Spannweite von 2,5 Metern. Da muss ich 150 Kilometer pro Stunde schnell sein, um nicht an Höhe zu verlieren. Damit kann ich bereits Rollen fliegen, und mit einem neuen Prototyp ist mir auch schon ein Looping gelungen – ein abgekippter allerdings. Das Ziel ist, ihn rund zu fliegen. Dazu brauche ich Speed. Der Flügel muss kleiner, leichter und leistungsfähiger werden. Bisher habe ich einen Gleiter, jetzt will ich einen Fighter. Aviatik ist immer ein Kompromiss zwischen Gewicht, Fläche, Geschwindigkeit. Es geht darum, die perfekte Kombination zu finden.

So weit zu kommen brauchte sehr viel Energie. Nach dem Swissair-Grounding verspürte ich eine grosse Wut auf diese unfähigen, arroganten Leute, die den Schlamassel zu verantworten hatten. Keiner von ihnen wollte dafür geradestehen. Ich habe keinerlei Respekt mehr vor diesen Personen. Aber statt dieser Wut nachzugeben, habe ich die ganze Energie auf die Entwicklung meines Flügels konzentriert. Das war wichtig, sonst hätte ich damals vielleicht etwas sehr Böses getan. Stattdessen habe ich etwas geschaffen, was vorher nicht existierte.

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Heute bin ich einfach nur dankbar. Ich hatte so viel Glück in meinem Leben. Schon nur, dass ich auf der richtigen Seite des Planeten zur Welt gekommen bin und so meine Träume verwirklichen konnte. Natürlich braucht es Durchhaltewillen und Können, aber auch viel, viel Glück.

Nicht beim Fliegen ums Leben kommen

Eines meiner nächsten Projekte ist ein Flug im Grand Canyon. Im Reservat der Hualapai-Indianer steht der Skywalk, eine Plattform mit Glasboden, die über den Abgrund hinausragt. Ein Flug vor dieser Kulisse, das wird extra! Zudem kann ich dort nahe am Publikum vorbeifliegen und habe trotzdem genügend Höhe, um gegebenenfalls ein Notfallprozedere einzuleiten.

Viele Flugpioniere haben ihre Leidenschaft mit dem Leben bezahlt – erst kürzlich der Basejumper Ueli Gegenschatz, den ich sehr gut kannte. Der Mensch ist nicht für diese Geschwindigkeiten und Stürze aus solchen Höhen gemacht.

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Ich bin mir bewusst, dass ich gewisse Risiken eingehe. Aber lieber heute als mit 20. Mein Rucksack ist schon so voll; ich habe so viel erlebt. Und trotzdem will ich nicht beim Fliegen ums Leben kommen. Es gibt noch so viele andere schöne Dinge neben der Fliegerei: Musik, Freunde, Beziehungen, Reisen, Natur Ich habe noch nie einen Eisberg gesehen. Das möchte ich irgendwann.»