Am Tag vor dem ersten Schweizer Spiel mache ich Crema catalana zum Dessert. Ist ja klar: Tags darauf steht Spanien unserer Nationalmannschaft gegen­über. Ich könnte für jeden Tag aufzäh­len, was es für die Nati zu essen gibt – zum Zmorge, zum Zmittag, zum Znacht. Und das theoretisch bis zum Final am 11. Juli. Bei einem solchen Projekt wird nichts dem Zufall überlassen. Der Speiseplan wur­de schon vor Monaten festgelegt, in Ab­sprache mit den Teamärzten. Generell gilt: viel Kohlenhydrate und Vitamine, wenig Fett, leicht verdaulich. Ich bin zuständig für die kalte Küche und die Patisserie.

Seit kurzem sind wir jetzt im Schweizer Quartier, dem Emerald-Hotel in Vanderbijl­park bei Johannesburg. Es blieb nur wenig Zeit, um die Küche einzurichten, dann traf die ganze Delegation ein. Nun be­kochen wir dreimal täglich rund 50 Leute, da sind wir ganz schön am Rotieren. Wenn die Schweiz ein Spiel hat, wechseln wir jeweils für drei Tage in ein Hotel am Spielort, das wird dann wohl noch etwas hektischer. Deshalb bin ich ganz froh, dass im Menüplan bereits alles festgelegt ist – es gibt sonst schon genug zu improvisieren. Dass ich als Köchin wenig kreative Freiheiten habe, stört mich nicht. Ich bin ja nicht hier, um mich selber zu verwirklichen.

Das Birchermüesli darf nicht fehlen

Noch im November hätte ich nicht im Traum daran gedacht, aktiv bei der WM ­dabei zu sein. Doch dann fragte mich mein Va­ter Emil Bolli, der schon seit 1996 für die Nati kocht, ob ich ihn begleiten würde. Er weiss, dass ich das mitbringe, was es für die­se Expedition braucht: Belastbarkeit, gute Englischkenntnisse – und man muss genau wissen, wie er die Gerichte zubereitet haben will. In der Küche ist mein Vater der Chef, keine Frage. Und er ist recht streng. Doch das ist für mich kein Problem. Wir sind gut aufeinander eingespielt, ich bin von klein auf vertraut mit seiner Art, in der Küche zu arbeiten. Erst am Feierabend ist er dann sozusagen mein «richtiger» Vater.

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Ich musste im Frühling Prüfun­gen für die Hotelfachschule ablegen, ehe ich Zeit hatte, mich rich­tig um das WM-Projekt zu kümmern. Mein Va­­ter ist aber schon seit einem hal­ben Jahr am Vorbereiten. Er rekognoszierte vor Ort und organisierte die Beschaffung der Lebensmittel. Der Import von Frisch­wa­ren nach Südafrika ist verboten, deshalb ha­ben wir nur wenig mitgebracht, etwa Schokolade und die vertrau­te Birchermüesli-Mischung. Diese vermeintlichen Details sind nicht zu unterschätzen, schliesslich sollen die Spieler auch in ­Afrika ihre Gewohnheiten wiederfinden.

Das Gleiche gilt für uns Köche. Sicher gibt es einige Umstellungen; so sind hier etwa alle Geräte eine Generation älter als daheim. Aber die innere Logik einer Küche ist überall auf der Welt ähnlich, da findet man sich schnell zurecht. Aus der Schweiz habe ich nur die Röstiraffel mitgenommen. Und natürlich mein eigenes Messer – das ist für einen Koch so etwas wie seine ID.

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Mehr beschäftigt hat mich im Vorfeld die Zusammenarbeit mit den Leuten in der Küche. Die Kü­chenchefin des Hotels ist im Team und je nach Bedarf einhei­mische Hilfs­­kräfte – ein Aspekt, der mich reizt, vor dem ich aber auch Respekt habe: Hier kom­men Leute aus total unterschiedlichen Kulturen und Schichten zusammen. Ich habe mich mit den Büchern von Lotti Latrous in die Afrikathematik eingelesen. Ich will herausfinden, was den Menschen hier wichtig ist, um einen guten Austausch mit ihnen zu ha­ben. So ist mein Einsatz nicht nur beruflich eine Riesenerfahrung, sondern auch eine Herausforderung für mich als Person.

Natürlich: Als besonderer Reiz kommt der Fussball hinzu. Als Tochter des Mannschaftskochs bin ich mit der ­Na­ti gross gewor­den. Näher gekannt habe ich bisher aber nur Tranquillo Barnetta. Ich muss also erst noch herausfinden, welche kuli­nari­schen Vorlieben die Spieler haben. Mein Vater sagt, sie seien gar nicht anspruchsvoll. Hat ihnen etwas nicht geschmeckt, sagen sie nicht «Das war nicht gut», sondern: «Emil, hast du das gekocht?» Mal sehen, wann der Erste damit zu mir kommt.

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Belohnung oder Trösterli – je nach Resultat

Grundsätzlich sehe ich die Fussballstars aber als ganz gewöhnliche Gäste. Für sie gilt wie für alle anderen: Das grösste Kompliment machen sie mir, wenn sie schön aufessen und zufrieden dreinschauen. ­Haben sie dann auch noch ein «Merci» für mich übrig – umso besser!

Sagte ich gerade «ganz gewöhnliche Gäste»? Das stimmt natürlich insofern nicht, als Sportler viel mehr essen, besonders an Spieltagen. Da läuft alles nach dem gleichen Ritual ab, vom Menü wie auch vom zeitlichen Ablauf her – das ist wichtig für den Energiehaushalt der Spieler, die bei einem Match etwa zehn Pro­zent ihres Gewichts verlieren. Um die Ener­gie gezielt wieder aufzubauen, servieren wir ihnen bis zwei Stunden nach dem Schlusspfiff eine warme Mahlzeit. Dann ruhen sie sich aus, be­vor es nochmals ein richtiges Essen mit Rindsfilet und Fisch gibt. Je nach Resultat ist das eine Belohnung oder ein Trösterli. Denn beim Essen geht es ja nicht nur um den Nutzen der Ernährung. Es ist auch eine sinnliche Erfahrung, die Wohlbefinden erzeugen soll. Klar: Damit gewinnt man noch keine Spiele. Aber wer gut isst, hat sicher bessere Chancen, Tore zu schiessen.

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Wie lange mein Abenteuer in Südafrika dauert, hängt davon ab, wie weit die Schweiz kommt. Ich tippe mal: Wir fliegen sicher nicht schon in der Gruppenphase raus. Ich merke gerade, dass ich «wir» sage. Aber irgendwie zähle ich mich schon auch zum Team. Ich bin zwar nur ein kleines Mosaiksteinchen, aber ohne dieses wäre das Bild nicht komplett.