Meine Beine zitterten, und mein Herz raste wie verrückt, als ich in der St.-Jakobs-Halle den Fuss auf die Stiege setzte. Mit hohen Schuhen auf einem Laufsteg zu präsentieren ist kein Problem. Aber elegant eine wacklige Treppe hinunterzusteigen, auf einem Laufsteg zu gehen, über den wenige Minuten später ein Champion den Ring betreten wird, und dann noch locker unter einer Discokugel zu posieren, das ist etwas anderes. Vor allem vor einem Publikum wie dem in Basel: Tausende Menschen, jede Menge Prominente und Fernsehteams. Der Applaus sollte entscheiden, wer von uns den Titel der «Miss Nummerngirl 2007» tragen durfte. Wir kamen kurz vor dem grossen Kampf zwischen Nikolai Walujew und Jameel McCline zum Einsatz, entsprechend aufgeheizt war die Stimmung. Für dieses Erlebnis hätte ich mich auch im Bikini in den Ring gestellt, aber da die WM öffentlich-rechtlich übertragen wurde, zeigten wir uns in Cocktailkleidern. Der Rahmen sollte stimmen - schliesslich ging es um den ersten WM-Schwergewichtskampf in der Schweiz.

Der Traum von der Modelkarriere
Ich bin sehr stolz darauf, aus über 150 Bewerberinnen als Nummerngirl ausgewählt worden zu sein. Das in meinem Alter: Ich bin 33 und habe eine sechsjährige Tochter. Anfangs hatten sich auf der Website viele Frauen meines Alters angemeldet, also fand ich nichts dabei mitzumachen. Am Ende stellte sich heraus, dass die jüngste Mitbewerberin gerade mal 15 war und ich die älteste. Das hätte mich beinahe bewogen, meine Bewerbung zurückzuziehen. Aber mein Partner unterstützte mich. Zudem reizte mich das Unbekannte. 

Ich kenne Boxanlässe nur vom Fernsehen. Meist sind mir die Kämpfe zu hart, und ich leide mit den Verlierern, die so schlimm aussehen. Ich wollte wissen, ob die Realität wirklich so ist. Die Chance auf einen professionellen Modelvertrag, der der Gewinnerin in Aussicht gestellt wurde, hat mich natürlich auch gelockt. Ich bin Office-Managerin und modelte bisher aus Spass an der Selbstbestätigung. Also bin ich dabeigeblieben.
Gott sei Dank, denn der Abend war eine Erfahrung für sich. Noch während wir uns in den Kabinen vorbereiteten, strömten 9'000 Menschen in die St.-Jakobs-Halle. Ganz normale Leute, aber auch berühmte Gesichter, die ihre Prominenz und ihre Garderoben zur Schau trugen - und ich. Gegen acht Uhr nahmen wir Nummerngirls unsere Plätze ein. In der vierten Reihe, genau hinter all den VIPs wie Tanja Gutmann, Jürg Marquard, Baschi, Xenia Tchoumitcheva und Murat Yakin. Es ist schon ein erhebendes Gefühl, zu denen zu gehören, die auf den teuersten Sitzen Platz nehmen. Man wird wahrgenommen und spürt die Blicke - sowohl die der Prominenten als auch jene der übrigen Anwesenden.

Bei der Hauptprobe war die riesige Halle noch leer gewesen. Jetzt lebte sie. Bunte Lichter überall, ein irrer Sound, und bereits während der Vorkämpfe zum WM-Schwergewichtsfight sprangen die Leute immer wieder auf, riefen, klatschten, johlten, schüttelten die Fäuste. Da war der Unterschied zwischen den sozialen Schichten verschwunden. Ich hoffte insgeheim ständig, dass im Ring keiner ohnmächtig werden würde oder Schlimmeres. Trotzdem liess ich mich mitreissen, obwohl ich gar kein Boxfan bin. Man konnte sich diesem Brodeln nicht entziehen.

Dann kam unser Einsatz, und jeder in der Halle wusste, was das bedeutete. Der grosse Kampf stand an, schliesslich hatte sich Champion Walujew zwölf hübsche Nummerngirls im Vorfeld gewünscht. Alles klappte bestens, trotzdem endete die Wahl für fast alle Kandidatinnen mit einer Enttäuschung. Das einzige Profimodel unter uns, das noch dazu nachnominiert worden war, wurde ohne Absprache als 13. auf den Laufsteg geschickt. Wir Newcomerinnen hatten keine Chance - der Modelvertrag ging in Profihände. Als wir anderen protestierten, mussten wir lernen, dass nicht nur im Ring harte Bandagen zum Geschäft gehören.

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Doppelte Enttäuschung
Die Zuschauer bekamen davon nichts mit. Sie jubelten der gekürten Miss zu, dann nahmen wir wieder unsere Plätze ein, um die Schwergewichte später als Nummerngirls durch die Runden zu begleiten. Als die Musik anhob und Walujew die Treppe herab- und über den Laufsteg schritt, stockte einem der Atem. Für die Boxfans ist er wohl Gott. Die Menge tobte, der Lärmpegel stieg ohrenbetäubend an. Er ist gewaltig, verzieht keine Miene und hat etwas im Blick, das sagt: Ich bin der Riese, der die Zwerge aus der Welt schafft. Ich fand das gleichermassen faszinierend wie unheimlich. Mir tat vor allem sein Herausforderer leid. In der Halle schienen fast alle nur Walujew zu unterstützen.

Als McCline nach zehn Minuten am Boden lag, riss es uns alle von den Stühlen. Jeder wollte sehen, was passiert war. Trotz der plötzlich spürbaren Spannung blieb alles recht gesittet, dafür sorgte die Anwesenheit von unzähligen Securitas-Leuten. Erst als der Ringrichter entschied, der Kampf sei vorbei, weil die Kniescheibe von McCline herausgesprungen war, brach Ärger los. Die Leute waren sauer, so viel Geld für nur drei Runden bezahlt zu haben, und unterstellten McCline, er habe Angst gehabt und wolle sich so aus der Affäre ziehen. Von Skandal war die Rede. Ich konnte die Enttäuschung verstehen - meine wog an diesem Abend doppelt.

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