Nur wenige wollen in St. Katharinental TG aussteigen. Wer das Kloster aus dem 13. Jahrhundert besichtigen will, muss in der Bahn rechtzeitig den «Halt auf Verlangen»-Knopf drücken. Das lohnt sich, denn die Klosterkirche Katharinental ist eine herausragende Schöpfung des süddeutschen Barocks.

25 Gehminuten entfernt liegt Diessenhofen, wo eine gedeckte Holzbrücke über den Rhein ins deutsche Gailingen führt. Bereits im 17. Jahrhundert liessen sich dort viele jüdische Familien nieder, und noch vor 1800 wurde die erste Synagoge gebaut. Heute erinnert bloss noch eine Gedenkstätte daran, denn während der November­pogrome 1938 sprengten die Nazis das Gotteshaus. Im Oktober 1940 wurden mehr als 200 Gailinger Juden in Konzentrationslager verschleppt.

In den Kriegsjahren waren die Grenzen zu. Trotzdem gelang vielen Verfolgten aus ganz Deutschland die Flucht, nachdem sie bei jüdischen Verwandten an der Grenze Schutz gefunden hatten. Weil sich die Schweizer nicht streng an Verdunkelungsvorschriften hielten, konnten sich Flüchtlinge an den Lichtern in den Schaffhauser Gemeinden orientieren. «Wo es hell ist, ist die Schweiz», wiesen Fluchthelfer den Weg.

Heute ist das Grenzgebiet zwischen Gailingen und Schaffhausen eine Erholungsoase mit offenen Grenzen. Man weiss nicht mehr so richtig, in welchem Land man sich gerade befindet. Doch man erkennt es an den Randsteinen: Auf deutschem Boden sind sie aus gegossenem Beton, in der Schweiz aus Granit. Im Sommer lädt die Gegend zum Baden, Biken und Wandern. Im Winter lohnt sich der Ausflug, weil der Rhein in der kalten Jahreszeit gut sichtbar ist, da er sich nicht hinter ­einem dichten Blätterwald versteckt.

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Quelle: Walter Noser
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Quelle: Walter Noser

  • Wanderung: Von St. Katharinental über Diessenhofen und Gailingen nach Schaff­hausen. Wanderzeit: rund 3 Stunden.
  • Verpflegung: 40 Minuten Fussmarsch hinter Gailingen im Restaurant Waldheim (Montag Ruhetag), das auf deutschem Boden hoch über dem Rhein liegt. Die Grenze verläuft mitten durch den Kastaniengarten.
  • Nicht vergessen: Euro und Ausweispapiere mitnehmen!
  • Buchtipp: Franco Battel: «Wo es hell ist, dort ist die Schweiz – Flüchtlinge und Fluchthilfe an der Schaffhauser Grenze zur Zeit des Nationalsozialismus»; Verlag Chronos, 2001, 336 Seiten, 54 CHF