Bilanz eines Wochenendes: 25 Stürze. Blessuren: drei blaue Flecken und Muskelkater in der Halspartie (vom Aufstehen nach dem Umfallen). Erkenntnis nach zweieinhalb Tagen: Ich bin glücklicher als je zuvor, sehen zu können.

Doch alles der Reihe nach. Es ist Freitag, der 9. Januar, sieben Uhr morgens. Ich bin mit dem Auto unterwegs nach Melchsee-Frutt im Kanton Obwalden. Meine Stimmung: nervös – in wenigen Stunden werde ich blind auf den Skiern stehen. Dass ich seit 21 Jahren keine Bretter mehr unter den Füssen hatte und mich nie rühmen konnte, die neue Hoffnung der Schweizer Skinati zu sein, macht das Unterfangen nicht gerade einfacher.

Das Unterfangen heisst: Teilnahme am dreitägigen Kurs «BehindertensportleiterIn 1, Sportmodul Wintersport, Kurs-No. A-3204 Ski Alpin Sehbehinderung» des Verbands Plusport Behindertensport Schweiz. Ziel des Kurses ist der verantwortungsvolle Umgang mit Blinden und deren zuverlässige Begleitung auf der Piste und auf den Bahnen. Dabei simulieren die Kursteilnehmer das Blindsein, um sich zumindest teilweise in die Situation Sehbehinderter einfühlen zu können. Um am eigenen Leib zu erfahren, welche Methoden des Führens in welchen Situationen funktionieren, was verwirrt oder verängstigt.

Rund 200 Skibegleiter für visuell handicapierte Menschen hat Plusport seit den siebziger Jahren ausgebildet. Ein Drittel davon gehören Skischulen oder Institutionen an, der Rest sind Privatpersonen, die in ihrem näheren Umfeld einen Menschen mit Sehbehinderung haben. Schätzungsweise 70'000 bis 80'000 Sehbehinderte leben in der Schweiz. Davon sind 3000 bis 4000 blind.

Frau Holle kennt kein Pardon
Kaum hat die Gondelbahn die Talstation verlassen, wird klar, dass die nächsten drei Tage kein Spaziergang werden – es schneit, bläst und stürmt, was das Zeug hält. Schon der kurze Weg von der Bergstation zum Hotel – mit Gepäck und Skiern beladen – lässt keine Zweifel, dass Frau Holle kein Pardon kennt.

Ankunft im Hotel, gegenseitiges Vorstellen, eine kurze Einleitung in die Materie per Schulungsvideo – und ab gehts auf die Piste. Meine Spannung steigt. Leichte Panik macht sich in mir breit und äussert sich in dummen Sprüchen: «Ihr kommt mich dann ja wohl im Spital besuchen.» Doch Kursleiter Thomas Sigrist nimmt es gelassen: «Wir sehen dann ja, obs ein Problem ist, dass du nicht gut Ski fährst.»

Sechs Personen wollen an diesem Wochenende lernen, wie man Blinde auf der Skipiste sicher begleitet, vier Frauen und zwei Männer. Die Hälfte sind Skilehrer. Zum Beispiel Hans Peter Kleiber aus Liebefeld. Der 39-Jährige hat in Verbier als Skiinstruktor bereits Erfahrungen mit Sehbehinderten gesammelt. «Eine weitere Motivation, die Ausbildung zum Behindertensportleiter für Ski alpin zu machen, war ein Familienmitglied mit Sehbehinderung», erklärt Hans Peter. Allen Kursteilnehmern gemein ist, dass sie, im Gegensatz zu mir, ihre Skier ausgezeichnet beherrschen.

Uff! Die kurze Fahrt vom Hotel hinunter zum Skilift überstehe ich glücklicherweise, ohne umzufallen oder Passanten über den Haufen zu fahren.

Zunächst erhält jede Zweiergruppe eine Spezialbrille, die die Sehfähigkeit einschränkt und so spezielle Behinderungen simuliert – zum Beispiel dunkle Flecken, wie sie bei Netzhautablösung vorkommen, oder einen Tunnelblick, bei dem das Sehfeld auf ein Loch von wenigen Millimetern Durchmesser beschränkt ist.

Und dann heisst es «Brille auf!» und Richtungsangaben und Kommandos üben. Neben Begriffen wie rechts, links, rauf und runter werden feinere Richtungsangaben mit Hilfe der Uhr gemacht. Dabei ist 12 Uhr immer die Richtung, in die der Blinde «schaut». 9 Uhr bedeutet eine Vierteldrehung nach links, 2 Uhr eine Sechsteldrehung nach rechts. Ein gezogenes «Haaalt!» heisst Anhalten ohne Stress, ein kurzes «Halt» steht für einen maximalen Bremsweg von zwei, drei Metern. Dem Befehl «Stopp!» muss sofort Folge geleistet werden: Er bedeutet Gefahr.

Heftige Schwindelgefühle kommen auf
Mehr schlecht als recht stolpern wir auf unseren Skiern durch den Schnee. Dann gehts ab auf den Skilift. Schon die ersten Meter gestalten sich mühsam. Orientierung ist kaum möglich – bis wir oben sind, ist mir leicht schwindlig: Mein Gleichgewichtssinn scheint die Behinderung nicht zu goutieren. Ich bin froh, dass Thomas bei mir ist, dass er kommentiert, was um mich herum geschieht. Und heilfroh, dass ich die Brille jederzeit abnehmen kann.

Oben bläst der Wind noch stärker. Ausser uns wagen sich heute nur wenige Verwegene auf die Piste. Unter dem Wetter hat auch der Fotograf zu leiden. Er kriegt nur trübes Schneerieseln und schemenhafte, von Kopf bis Fuss vermummte Figuren vor die Linse.

Die erste Fahrt überstehe ich mit fünf Stürzen. Schon kleinste Schneeverwehungen werden mir zum Verhängnis. Doch auch den Profis gehts nur wenig besser: Zwar fallen sie weit seltener hin als ich, doch auch sie rutschen wie Anfänger im Pflug die Piste runter. Das Rauschen des Windes macht es zudem schwierig, die Kommandos des Begleiters zu hören, obwohl er immer dicht hinter oder vor einem ist. So landet der eine oder andere von uns schon mal mit einem Plumps neben der Piste im Tiefschnee.

Unten angekommen, ist es mir hundeelend. «Viele Kursteilnehmer machen die Erfahrung, dass Sehbehinderung oder Blindheit zu Übelkeit und Schwindelgefühlen führen», beruhigt mich Thomas. Alles in Ordnung also.

Mit Erstaunen stelle ich am Nachmittag fest, dass es angenehmer ist, völlig blind zu fahren als mit einem Sehrest. Natürlich nehme ich die Blindmaske immer wieder ab – sei es wegen des Schwindelgefühls, leichten Unwohlseins, Beklemmung oder weil mich die Neugierde packt: «Bin ich wirklich dort, wo ich denke?»

Als besonders schwierig gestaltet sich das Skiliftfahren. Schon das Ticket in den Schlitz einführen, durchs Drehkreuz gehen, ohne sich mit den Stöcken zu verheddern, die Handschuhe richtig herum anziehen, ohne sie oder die Stöcke zu Boden fallen zu lassen, ist kein einfaches Unterfangen. Mein Tastsinn ist gefordert. Am unheimlichsten ist das Abbügeln: Aufs Kommando «Drei, zwei, eins» heisst es, vom Skilift ins Ungewisse wegzufahren und nach einigen Metern anzuhalten.

Blindfahren verlangt bedingungsloses Vertrauen in den Führer. Wer seinen Kommandos nicht Folge leistet, wird nur allzu schnell mit einem Sturz bestraft. Als besonders unangenehm und schwierig entpuppt sich das Langsamfahren und Anhalten. Oft weiss ich nicht, ob ich mich noch bewege oder nicht, und falle schliesslich praktisch im Stehen um.

Auf der fast leeren Piste – wenigstens diesen Vorteil hat das Wetter – erschallen die Rufe der Begleiter: «Und links … und fahren … fahren … und rechts … und links», tönt es rund um mich herum. Das Tosen des Sturms macht es für die ungeschulten Ohren einer Sehenden schwierig, den richtigen Führer zu orten und die Kommandos zu verstehen.

Um halb fünf geben wir auf, alle mit roten Gesichtern und Thomas zusätzlich mit Eiszapfen im Schnauz. Nach dem Abendessen falle ich fast ins Wachkoma und verziehe mich zu früher Stunde ins Bett. «Morgen machen wirs mit Stangen und Berühren, bin ja gespannt», ist einer meiner letzten Gedanken, bevor ich ins Land der Träume verreise.

Üben unter realistischen Bedingungen Samstagmorgen, halb neun Uhr, an der Talstation. Ich hole Barbara Rubin von der Postautohaltestelle ab. Barbara ist von Geburt an blind und wird uns als «Trainingsobjekt» zu Verfügung stehen. Die 27-jährige Willisauerin fährt bereits seit 14 Jahren Ski. Und das sehr gut, wie Kursleiter Thomas betont.

Erst nach einigem Suchen finde ich Barbara in der Menschen-, Ski-, Snowboard- und Gepäckmenge – ihr Blindenstock hat sie verraten. «Ich habe nur die Skier dabei, meine Stöcke fuhr ich letzte Saison zu Schrott», klärt sie mich auf. «Aber das macht nichts, ich kann problemlos auch ohne fahren.» Leicht beschämt – sie ist blind und fährt ohne Stöcke, ich kann sehen und bin froh, nicht schon am Skilift umzufallen – schnappe ich ihren Rucksack und die Skier, biete ihr meinen Arm an und führe sie zur Gondel.

Um zehn Uhr stehen wir auf der Piste. Das Wetter ist wieder zum Heulen. Der Wind pfeift, und das Schneetreiben nimmt uns die Sicht. Ich kann nicht mal erahnen, wie das Melchtal eigentlich aussieht.

Als Erstes wird mit Körperkontakt gefahren. Im Gegensatz zu rein kommandogesteuerten Abfahrten fährt die Begleitperson nicht hinter dem Blinden, sondern neben ihm. Entweder hält man sich an den Händen, oder der Begleiter ergreift den Skistock des Sehbehinderten. Der Vorteil dieser Methode: Ich fühle mich sicherer, denn die Impulse erfolgen viel direkter. Bis zum Schluss des Kurses wird das Hand-in-Hand-Fahren eindeutig meine Lieblingstechnik bleiben.

Ein Nachteil dieser Technik ist, dass sich Unsicherheiten oder Ängstlichkeit der Begleitperson über Körperkontakt noch schneller auf den Sehbehinderten übertragen als via Stimme. Zudem eignet sie sich im Gegensatz zum Hintereinanderfahren nicht für schmale Passagen. Zu den Aufgaben des Begleiters gehört auch, das Terrain richtig einzuschätzen und die angemessene Fahrmethode anzuwenden, um das Sturzrisiko zu minimieren.

Den Übungen mit Stangen als Verbindungselement kann ich nicht viel abgewinnen. Angenehmer, weil direkter, finde ich die Methode, bei welcher der hintere Fahrer den vorderen an der Hüfte hält und so steuert oder Steuersignale empfängt. Diese Technik eignet sich aber nicht für die Fahrt auf unebenen Pisten: Erschütterungen durch Unebenheiten verwischen die Grenze zwischen beabsichtigten Signalen und unabsichtlicher Bewegung.

Es ist Mittag. Ich habe Kohldampf und kann für diesen Tag bereits die stolze Bilanz von sieben Stürzen vorweisen.

«Früher ging ich mit meiner Mutter auf die Piste», erzählt Barbara beim Mittagessen. «Heute begleitet mich mein Bruder oder ein Bekannter.» Gelernt habe sie das Skifahren in einem Schullager der Blindenschule Zollikon. «Seither macht es mir grossen Spass. Am liebsten mag ich Steilhänge und moderate Buckelpisten.»

«Steilhänge, Buckelpisten. Quelle horreur!», denk ich – mit viel Bewunderung für die junge Frau. Barbara will nächstes Jahr sogar an Skirennen teilnehmen. «Eigentlich wollte ich schon dieses Jahr Rennen fahren, aber da ich bald meinen Blindenhund bekomme, werde ich zu wenig Zeit fürs Training haben», erzählt sie.

Ab und an gönne ich mir eine Fahrt sehend. Dass ich die Piste langsam kenne, kommt mir bei den Blindfahrten zugute. Ich kann mich ganz passabel orientieren, weiss häufig, wo wir uns in etwa befinden. Dass Barbara beim Skifahren neben der Harmonie der Bewegung nicht zuletzt das Tempogefühl schätzt, kann ich mittlerweile gut verstehen. Die Schussfahrten am Pistenende machen Spass, auch wenn eine «übersehene» Bodenwelle einem leicht zum Verhängnis werden könnte.

Auch an diesem Abend falle ich voller Eindrücke und von Anstrengung und Konzentration gerädert früh ins Bett.

Auf zur Mutprobe am Steilhang!
Sonntag, der letzte Tag des Kurses. Was gestern bereits in der Vorstellung Angstgefühle auslöste, dräut heute real: ein regelrechter Steilhang. «Da soll ich runter?» Thomas kennt kein Pardon: «Klar. Wenn du magst, machen wir gleich ein freies Fahren.» Freies Fahren heisst, sich blind und mit einem tüchtigen Quentchen Todesverachtung ins Leere zu stürzen – ohne Kommandos und ohne physischen Kontakt zum Begleiter.

Ich versuche mich am erschreckend steilen Hang erst mal sehend. Den Rest der Abfahrt absolviere ich blind.

Wieder oben angelangt, gehts definitiv ans Eingemachte. Thomas erklärt mir die Piste, sagt, ich solle auf zehn Uhr los und anschliessend gleich den ersten Bogen nach links fahren, da wir uns am rechten Rand der Piste befinden. Sollte ich auf Kollisionskurs mit anderen Pistenbenutzern sein oder mich Richtung Tiefschnee bewegen, wird Thomas mich via Kommando korrigieren oder mich notfalls bei der Hand oder beim Stock nehmen.

Vier äusserst unelegante Bögen lang gehts gut, dann fällt mich auch schon ein Högerli wie weiland «Lothar» die Bäume. Hilflos plumpse ich in den Schnee.

«Nicht zaudern und zagen, aufstehen und weiterfahren», heisst die Devise. Doch dann mache ich erneut intime und ziemlich unsanfte Bekanntschaft mit dem Boden. Mein Wagemut und meine Leidensfähigkeit schmelzen dahin wie Schnee in der Frühlingssonne. 25 Stürze in zweieinhalb Tagen sind genug – mir reichts. Eine letzte Abfahrt mit weit offenen Augen – und nichts wie nach Hause.

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