Dann passiert «es». Das, was jedem Skifahrer, jeder Snowboarderin als beklemmendes Szenario irgendwo im Hinterkopf sitzt: Der Sessellift bleibt stehen. Einfach so. Die Sitzbänke schwingen noch etwas aus, dann geht nichts mehr. Nicht nach fünf Minuten, auch nicht nach zehn. Und das natürlich an der höchsten Stelle über festem Boden. Man zieht sich die Mütze noch tiefer ins Gesicht und wünscht sich nichts sehnlicher, als bald – bald! – eine ruhige Stimme wie diese zu hören: «Ciao, ich bin der Werner.»

Alles nur simuliert. Ausser Werner, der ist echt: Werner Giger, 47, Rettungschef im Skigebiet Disentis im Bündner Oberland. Zusammen mit etwa 30 Kollegen der örtlichen Bergbahnen nimmt er an diesem Donnerstag, unmittelbar vor der Saisoneröffnung, an einer Bergungsübung teil. Sie dient den Männern dazu, die richtigen Abläufe und Handgriffe zu verinnerlichen, um im Ernstfall das Richtige zu tun, wenn die Bahn nicht mehr richtig tut.

Quelle: Ursula Meisser
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Augen zu und durch

Werner Giger ist ein Retter, der von oben kommt – für die Geretteten gleichsam vom Himmel. Nach dem Stillstand des Lifts klettert er mit anderen Helfern zuoberst auf den Mast Nummer 3. Mit dabei hat er das «Velo», ein Seilbahnfahrgerät: eine stelzenähnliche Vorrichtung, die er ans Transportseil hängt, um damit behutsam abwärtszufahren, gesichert mit Tauen und Karabinerhaken. «Guido, gib mir noch fünf Meter!», ruft er dem auf dem Mast verbliebenen Kollegen zu, der das Sicherungsseil führt. Dann hat er den Sessel mit den Gestrandeten erreicht. «Ciao, ich bin der Werner.»

Ob man Angst habe, will Werner wissen. Banger Blick in die Tiefe, doch man ist ja Mann: «Äh, nein, nein, keine Angst.» «Nur machen, was ich sage», erklärt der Retter in Skischuhen. «Isch khai Sach.» Das heisst konkret: Klettergurt anziehen, festzurren, vorne den Karabiner anhängen. Dann öffnet Werner den Bügel des Sessels – freie Sicht nach unten. «Am Seil halten, Füdli voraus, dann abstossen», weist er an. Augen zu und durch. Das Seil surrt, nur Sekunden später sanftes Eintauchen in den Tiefschnee. Keine Sache.

«Ein bisschen reden, dann kommt es gut»

Im Ernstfall müsste es den Disentiser Bergungsteams gelingen, den gut einen Kilometer langen Lift oberhalb der Zwischenstation Caischavedra innert anderthalb Stunden zu räumen und alle Passagiere abzuseilen. Das wichtigste Gebot dabei, trotz Zeitdruck: Ruhe und Konzentration – und ein Schuss Psychologie. Wenn jemand hoch oben auf dem baumelnden Sessel Angst habe, müsse man ihn beruhigen, ihm gut erklären, was läuft. «Wir reden ein bisschen, dann kommt das schon gut», sagt Rettungschef Giger, der seit 23 Jahren bei den Bergbahnen arbeitet und nebenher bauert, mit der Unerschütterlichkeit des Berglers.

Gigers Gleichmut beruht auch darauf, dass er weiss, dass in Disentis seit der Inbetriebnahme des Skigebiets 1971 noch nie etwas passiert ist mit den Bahnen – der Ernstfall wird jedes Jahr nur fingiert. Alfred Andriuet, 59, seit Beginn weg technischer Betriebsleiter der Bergbahnen Disentis, erklärt die Übungsanlage und legt ein Manual auf den Tisch. Hier ist detailliert festgelegt, wie alles abzulaufen hat, was getestet werden muss. Jährlich die Bergung festsitzender Bahnpassagiere zu üben gehört zum Sicherheitsdispositiv der Seilbahnen; die Kontrolle ist in den Verordnungen des Bundesamts für Verkehr festgeschrieben. Vielleicht hat die Übung deswegen etwas Routinehaftes – alles ist durchorganisiert, die Männer sind bei der Sache, sie kennen es, nur die Jungen riskieren ab und zu einen Witz. Die Schweizer Sicherheitsnormen gelten im internationalen Vergleich als sehr streng.

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Das Skigebiet Disentis, zwischen 1200 und fast 3000 Meter über Meer gelegen, ist mit seinen sechs Anlagen ein mittelgrosser Betrieb mit einem Jahresumsatz von rund sechs Millionen Franken. Im Winter werden täglich zwischen 1000 und 3000 Personen befördert. Und in Disentis steht keine einzige Schneekanone: «Das brauchen wir nicht», sagt Alfred Andriuet und lächelt. «Der Föhn trifft uns zwar manchmal, aber durch die Höhe haben wir oben immer genug Schnee.»

Andriuet ist Disentiser durch und durch. Hier geboren und seither hier wohnhaft, mit nur kurzer Unterbrechung während der Lehrzeit als Werkzeugmacher. Er spricht langsam und bedächtig, aber der Schalk blitzt ab und an in den blauen Augen auf. Die Muttersprache des Oberländers ist Rätoromanisch, und wenn er sich auf Deutsch ausdrücken muss, braucht er halt etwas mehr Zeit. Ganz stolzer Papa, erzählt er, dass seine älteste Tochter aber fliessend fünf Sprachen beherrsche – und kommt sogleich wieder auf sein Lieblingsthema zu sprechen, Technik und Sicherheit: «Auch wenn eine Bergungsübung Routine ist, ist sie dennoch sehr wichtig. Denn im Ernstfall muss jeder Griff sitzen, da gibt es keine Zeit für Unsicherheiten.»

Quelle: Ursula Meisser

«Einfach rückwärts fallen lassen»

Gut 500 Seilbahnunternehmen mit rund 1800 Pendelbahnen, Umlaufbahnen und Schleppliften gibt es in der Schweiz, die meisten im Wallis und in Graubünden. Pro Jahr halten sich rund 34 Millionen Gäste in den Skigebieten auf und lassen sich etwa 357 Millionen Mal befördern. Trotz diesen enormen Zahlen passieren erstaunlich wenig Unfälle. Seilbahnen und Skilifte sind mit Abstand die sichersten Transportmittel: Das Risiko, tödlich zu verunfallen, ist, bezogen auf die Fahrgastzahlen, rund zehnmal kleiner als im Auto. Die Statistik zeigt: Zwischen 1998 und 2008 kamen in der Schweiz bei Seilbahnunfällen zehn Menschen ums Leben, 150 wurden verletzt.

In der Surselva wird derweil «Agnes» beübt. Die eine Kabine der neuen Zubringergondel von Disentis hinauf ins Skigebiet heisst so, wie die Gattin des VR-Präsidenten der Betreibergesellschaft. Betriebsleiter Andriuet schwärmt von «seiner» Anlage: «Die schnellste Pendelbahn der Schweiz. Sie fährt mit elf Metern pro Sekunde», erklärt er stolz. 4,5 Zentimeter dick ist das Tragseil der zwei Kilometer langen Bahn, die 600 Höhenmeter in fünf Minuten bewältigt.

«Agnes» bietet Platz für 90 Personen, jetzt ist aber bloss ein Trüppchen von sieben Angestellten an Bord, um als Figuranten für das Abseilmanöver zu dienen. Auf dem Platz hat Bahnmeister Ludivic Venzin das Sagen, auch er ein Disentiser Bergbähnler der ersten Stunde. Doch Venzin der Ältere überlässt einem jüngeren Namensvetter die Hauptrolle: Otmar Venzin, der oben an der Bergstation das «Velo» ans Tragseil hängt und nun gut gesichert talwärts gleitet. Bald rumpelt es auf dem Kabinendach, eine Luke wird geöffnet, Venzin steigt über eine Leiter hinunter ins Innere. Laut offiziellem Dispositiv müsste er den verängstigten Fahrgästen jetzt etwas Beruhigendes sagen, doch darauf verzichtet er mit einem bedeutungsvollen Grinsen; diese Passagiere hier kennen den Text längst auswendig. Ein paar lockere Sprüche in melodiösem Rumantsch genügen vollauf.

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Der einzige Fahrgast, der nur Bahnhof versteht, beobachtet bang, wie Otmar Venzin die Schiebetür aufstemmt, ihm das «Gstältli» zuwirft und den Karabiner anbringt. Ein guter Tipp auf Deutsch an den teilnehmenden Beobachter: «Mich anschauen, nicht hinunter. Und einfach rückwärts fallen lassen.» An der höchsten Stelle schwebt «Agnes» 140 Meter über Boden, doch zu Übungszwecken reichen schlaffe zehn Meter. Werner hatte schon recht: «khai Sach».

Quelle: Ursula Meisser