Ich fühle mich wie eine Wurst. Und ­meine Knie schlottern. Ersteres rührt daher, dass mich der hautenge Neoprenanzug kaum atmen lässt. Das Zweite liegt weniger am kalten Wasser als am acht ­Meter tiefen Abgrund, der mich von ihm trennt. Vor mir lauert die Ungewissheit der Tiefe, hinter mir die Schande.

Eine Stunde zuvor, in der Zivilschutzanlage von Blatten VS, fröstelt mich schon. Doch noch ahne ich nichts von meinem Dilemma. Ich zwänge mich in den Anzug, streife Neoprensocken über, schlüpfe in die Trekkingschuhe und zurre den Klettergurt fest, der mit seiner Plastikblache, die das Hinterteil des Anzugs schonen soll, wie eine Kletterwindel aussieht. Ein orange­farbener Helm und ein gelber Rucksack – durchlöchert, damit das Wasser abläuft – komplettieren das Outfit. Philipp Zehnder, Bergführer und Leiter des Belalp Alpin Center, und Fotograf Stefan Walter haben sich ähnlich gewandet.

Quelle: Stefan Walter
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Was wir vorhaben, nennt man auf Deutsch «schluchteln». Das klingt laut­malerisch nach einem gurgelnden Bach, aber zu gemütlich. Dabei wollen wir die Schlucht der Massa, immerhin der Abfluss des Aletschgletschers, zu Fuss begehen. Und watend, schwimmend, kletternd, am Seil und im freien Fall. Das englische «Canyoning» verspricht ein solches Abenteuer.

Wir wandern über eine Bergwiese – Pinguine können in der Wüste nicht deplatzierter aussehen – und über ein steiles Bord zum Grund der Schlucht. Die Massa tost hier nicht, sie plätschert nur. Seit 1964 hält die Gibidum-Staumauer das Schmelzwasser zur Stromgewinnung zurück. Nur im Frühling werden jeweils die Schleusen geöffnet, um den Sand aus dem Stausee zu spülen. «Dann ist die Schlucht nicht begehbar», sagt Philipp. Heute speisen nur kleinere Bäche die Massa. «Zuerst kamen nur Jäger und Strahler hierhin», erinnert sich Philipp. Seit 1993 werden zwischen Mai und Oktober Touristen durch die Schlucht geführt.

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Bizarre Felsen, eisiges Wasser

Das Wasser ist eiskalt. Nach zehn Sekunden fühlt sich die testende Hand an, als würde sie in einem Schraubstock zerquetscht. Philipp gibt letzte Anweisungen – «nicht auf die gelben Steine stehen, die sind glitschig» –, dann marschieren wir los. Links und rechts ragen Felswände auf, 50 Meter und höher. Gneis und Granit zeigen sich von ihrer schönsten Seite. Wasser und Sand haben sie in Jahrtausenden zu bizarren Formen abgeschliffen und bunte Marmorierungen freigelegt. An einigen Stellen ädert dunkelblauer Serpentin den Fels. Er ist gut zu bearbeiten und bei Bildhauern beliebt.

Langsam dringt Wasser durch das Neopren, erst kalt, dann wärme ich es auf eine Temperatur, die ich ertragen kann – oder besser: muss. Doch als die ersten Sonnenstrahlen in die Schlucht dringen, ver­fliegen die Bedenken, und schon bald schwimme ich auch mal, wo ich waten könnte, zu­versichtlich durch die Massa.

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«Jetzt kommen wir bald zum Sprung», sagt Philipp, «acht Meter tief.» Nun dräut Unheil. Als ob er meine Panik nähren möchte, kündigt Philipp den Sprung noch zweimal an. Dann schauen wir hinab auf grünes Wasser. Das wird gehen, rede ich mir ein. Wenn ich mich festhalte, traue ich mich, über den Abgrund zu lehnen.

Die Rucksäcke fliegen verdächtig lange und landen mit lautem Klatschen. Dann springt Philipp, alle Muskeln gespannt, wie aus dem Lehrbuch. Diesmal kommt das Klatschen verdächtig schnell. Nun stehe ich alleine oben, und die acht Meter scheinen höher als zuvor. Das Herz rast, der Magen will sich verknoten, der Bewegungs­apparat verweigert den Dienst.

Wie soll man denn springen, wenn einem so viele Gedanken durch den Kopf rasen? «Du musst, du musst!» – «Du musst nicht!» Man kann die Stelle nämlich um­gehen, wie es Stefan seiner Fotoausrüstung zuliebe getan hat. «Aber ich will!» – nicht unbedingt springen, aber gesprungen sein. Wenn nur meine Beine auch möchten.

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Als ich mich schon zum Aufgeben motivieren will, beginnen Philipp und Stefan, einen Countdown hochzuschreien. «Fünf! Vier!» Hätten sie nicht bei zehn beginnen können? «Drei! Zwei!» Oder zählen sie mich aus wie einen zu Boden gegangenen Boxer? Bei «Eins!» taumle ich ins Leere, die Zeit dehnt sich, ich rudere in der Luft und versuche, der Schwerkraft die Kontrolle über meinen Körper abzuringen. Endlich umschliesst mich erfrischendes Nass. Ich bin doch eher Fisch als Vogel.

Mit nun gestärktem Ego klettere ich über Felsen, krieche durch das «Labyrinth» wie durch eine Höhle, unter Felsbrocken durch und enge Spalten hinab. Der Lauf des Wassers gibt die generelle Richtung vor. Spektakuläre Passagen wechseln sich mit ruhigen ab. Auf wilde Schönheit folgen schmucke Details.

Wie der «Klemmblock», ein grosser Fels, der knapp über dem türkisfarbenen Wasser verkeilt ist. Natürlich führt der Weg unter ihm durch. Später durchschreiten wir, wenn auch gebückt, eine Art Triumphbogen. An steilen Stellen erleichtern fix montierte Seile den Abstieg, an breiteren laden sonnige Sandbänke zum Picknick.

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Beim «Schwittiloch» und in der «Ka­thedrale» steigt der Adrenalinpegel noch einmal. Die erste Abseilstelle ist ein 20 Meter tiefer, überhängender Abgrund. Die zweite stellt, ihrem Namen entsprechend, ein Monument der Schaffenskraft des Wassers dar. Die ausgewaschenen Wände könnten fast den Himmel berühren, wenn sie sich nicht gegenseitig daran hindern würden.

Die Schlucht kann zur Falle werden

Schwimmend gehts Richtung Abgrund, der Wasserspiegel ist mein Horizont. Ich rolle über den Rand der Welt, stemme die Füsse gegen den Fels und lehne mich ins Seil. Unter meinem Hintern ein paar Meter senkrechter Fels, darunter nichts. Stück für Stück lässt mich Philipp hinunter. Der Granit verschwindet aus meiner Reichweite und Philipp aus meinem Blickfeld. Erst nach 30 Metern habe ich wieder festen ­Boden unter den Füssen.

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Es ist kalt, Wassertröpfchen tanzen in der Luft. Hier ist man der Natur ausgeliefert. Vor einer halben Stunde sind wir am Kadaver einer Gämse vorbeigekommen, die vermutlich durch ein Couloir abgestürzt ist. Kaum ein Sommer vergeht ohne Nachrichten von Canyoning-Unfällen. Auch in der Massaschlucht sind orts­unkundige Abenteurer schon in Schwierigkeiten geraten. Aber Philipp geht auf Nummer sicher. Er hat unsere Tour angemeldet und sich bestätigen lassen, dass der Stausee nicht randvoll ist. Sonst würde, falls im Tal eine Turbine ausfiele, das überlaufende Wasser durch die Schlucht rauschen.

Trotz den Gefahren haben hier schon um das Jahr 1600 beherzte Bauern Wasserleitungen gebaut, um die trockenen Hänge über dem Rhonetal fruchtbar zu machen. Die Überreste von Rinnen und Känneln kann man weit oben an den Felswänden sehen. Bau und Unterhalt dieser sogenannten Suonen forderten immer wieder Todesopfer. Erst 1933 begann man, Tunnel zu sprengen, um das Wasser auf sichererem Weg aus der Schlucht zu führen.

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Nach sechs Stunden, sechs Kilometern und 600 Höhenmetern verlassen wir den Wasserlauf und balancieren auf einer gemauerten Suone der Felswand entlang. Der Abgrund links wird immer tiefer, das Bild der verendeten Gämse spukt durch meinen Kopf. Dann verschwindet Philipp vor mir in einem Tunnel. Gebückt tappen wir durch den finsteren Stollen und treten am anderen Ende auf eine grüne Wiese. Trotz Sand in den Socken fühlt sich der Untergrund angenehm weich an. Jetzt bin ich wieder ein Pinguin. Einer, der auf den Bus nach Blatten wartet.

Quelle: Stefan Walter
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Ausgangsort für die Begehung der Massaschlucht ist das Dorf Blatten. Dieses gehört zur Gemeinde Naters, die von der Rhone bis zum Gipfel des Aletschhorns reicht. www.brig-belalp.ch

Anreise: Mit dem Zug bis Brig, dann mit dem Postauto vom Bahnhofplatz über Naters bis Blatten. Von dort fährt eine Seilbahn auf die Belalp.

Canyoning in der Massaschlucht: Mai bis Oktober; ab fünf Personen, 180 Franken pro Person, inklusive Material und Rückfahrt mit dem Post­auto; Voraussetzung: gute körperliche Kondition

Massa light: Den oberen Teil der Massa­schlucht kann man trockenen Fusses ­begehen, über Stock und Stein und am Seil. Dafür sollte man tritt­sicher sein und etwas Kondition mitbringen. Belalp Alpin Center, Telefon 027 921 60 45; www.belalpalpincenter.ch

Massaweg
: Von Blatten führt ein Wander­weg nach Ried-Mörel. Er folgt zum Teil alten Suonen und ermöglicht tiefe Einblicke in die Schlucht.

Schafscheid: Am letzten Wochenende im August (27./28. August 2011) werden die Schafe von den Sommerweiden auf die Belalp getrieben. Am Samstag werden die schönsten Tiere prämiert, am Sonntag findet die «Schafscheid» statt.

Übernachtung: Das Hotel Belalp liegt eine halbe Stunde Fussmarsch von der Bergstation entfernt auf einer Aussichts­kanzel mit Blick auf Aletschgletscher und Rhone­tal. DZ ab 160 Franken. Telefon 027 924 24 22; www.hotel-belalp.ch

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