Es träumt sich leicht in der Naturwanne des Crestasees. Rundum nur Nadelwald, Farne, Holundersträucher, der Blick aufs kleine Hotel über der Badewiese und weiter bis zum Flimserstein. Einer der Träume geht so: Am frühen Morgen, wenn der See noch Dampf ausatmet und drunten im Tal lärmend der Tag beginnt, bricht man mit Rucksack, Entschlossenheit und Wagemut auf zum Pinut, dem ältesten Klettersteig der Schweiz.

Nach einer guten Stunde Aufstieg über den Weiler Fidaz erreicht man bald die Wand des Flimsersteins. 400 Meter tiefer funkelt der Crestasee wie ein Versprechen. Senkrecht über einem droht der Plan: 700 Meter hochklettern über furchterregende Stahlleitern bis hinauf aufs Plateau des Pinut, von dort über Bargis in einer sanften Schlaufe wieder zurück. Und abends der erfrischende Sprung in den kühlenden See.

Die ersten imposanten Stufen werden mit kühnem Respekt bewältigt. Auf der zweiten Leiter schwitzen die Hände auf Stufe Alarm, auf der dritten spielt der Kopf schon Karussell, die vierte Leiter – sie führt in einem leichten Winkel in die Luft hinaus – entlarvt den Kletterer als Badetouristen: Stopp, Ende, Umkehr.

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Der Pinut ist technisch zwar nicht sehr anspruchsvoll, trotzdem ist er nichts für Memmen, und selbst Schwindelfreie sollten ihn nicht ohne Seil, Helm und Handschuhe in Angriff nehmen. Aber für ein bisschen Gänsehaut und als Abwechslung zum kontemplativen Nichtstun am Crestasee tuts ja auch ein Ausflug bis zum Einstieg in die Wand.

Es bleibt auch so genügend für ein wunderbares Wochenende. Sonnenbaden am daunenweichen Ufer. Neugierige Schmetterlinge auf der Haut. Die Grillstelle für den sorgsam eingeschnittenen Cervelat. Das traumhafte Jugendstilhotel. Der Blick auf den Flimserstein und der Traum, den Pinut irgendwann vielleicht doch noch mal zu schaffen.

Infografik: Beobachter/md

Quelle: Andres Büchi
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