Die Frau hat Augen und Mund weit aufgerissen. Ein Schrei: «Iiiiih!» Gebrüll: «Aaaaah!» Nein: Keine Szene aus einem Horrorfilm – so geht es zu, wenn Top-Curlerinnen wie Mirjam Ott oder Binia Feltscher eine der für die Schweiz fast schon obligaten EM-, WM- oder Olympiamedaillen erkämpfen und ihren Mitspielerinnen zu­rufen, ob und wie heftig sie mit dem Besen das Eis vor dem Stein wischen sollen. «Ziiiieh!» bedeutet «wischen» und «haaaard!», dass noch stärker gewischt werden muss. Das will ich selbst mal ausprobieren, dachte ich jedes Mal, wenn ich mir, auf dem Sofa liegend, ein grosses Curling-Turnier im Fernsehen anschaute.

Nun stehe ich auf der Eisbahn in Arosa, gemeinsam mit vier Einheimischen, die alle von sich sagen, sie hätten kaum Curling-­Erfahrung. Der fünfte weiss, wie es geht. ­Roman ist hier der Eismeister und heute unser Instruktor. Er erklärt die Grundregeln: Zwei Teams versuchen, je acht Granitsteine möglichst nahe ans «Tee» zu spielen, an den Mittelpunkt des Zielkreises am anderen ­Ende der rund 45 Meter langen Eisbahn. Gespielt werden acht oder zehn Durchgänge, «Ends» genannt. In jedem End punktet nur das Team, das den besten Stein gesetzt hat: ein Punkt für jeden Stein, der näher beim Tee liegt als der beste gegnerische.

Quelle: Nina Homberger
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Nach 15 Minuten Einführung legen wir los: Frauen gegen Männer. Roman amtet als Skip, sprich: Er ist der Chef des Männerteams und zeigt mir vom anderen Ende der Bahn, wohin ich zielen und in welche Richtung der Stein rotieren soll. Dank des Drehs, des «Curls», kann ich ­bereits gesetzte Steine umspielen.

Mit dem rechten Fuss stosse ich mich vom Startblock ab. Auf den Besen gestützt, rutsche ich über das Eis und lasse den knapp 19 Kilo schweren Stein langsam los. Ich habe erstens schlecht gezielt, zweitens vergessen, den Stein in leichte Rotation zu versetzen. Und drittens kommt er nicht mal über die Mitte der Bahn hinaus. Mein Trost: Im ersten End hat niemand einen Stein ins «Haus» ­gebracht, wie der Zielkreis genannt wird.

Doch nach dem zweiten End führen die Frauen bereits 3:0. Ich verdächtige sie, bezüglich ihrer Erfahrung dreist ge­logen zu haben. Denn im Gegensatz zu ihren Steinen kommen meine nach wie vor kaum dort an, wo sie ankommen sollten. Spass macht es trotzdem, und beschäftigt ist man auch stets: Mal spiele ich den Stein, dann bin ich der Skip, schreie «Zieeeeh!» oder schrubbe selbst wie ein Putzteufel. Das Wischen erwärmt das Eis, was die Reibung verringert und die Laufbahn eines zu kurz gespielten Steins verlängert. Ich komme kaum dazu, das ­schöne Berg­panorama zu geniessen.

Zwei Stunden später: «Aaaaah!» Der Schrei aus meiner Kehle bedeutet diesmal nicht «haaaard!», sondern ist Ausdruck unserer Schmach: Am Schluss steht es 7:0 für die Frauen. Instruktor Roman sagt, er habe zu erwähnen vergessen, dass das Siegerteam den Verlierern eine Runde ausgeben müsse. «Das ist beim Curling Usus.» Das Grinsen der Frauen kippt von genüsslich zu gequält, meins dagegen wird schon wieder breiter.

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Quelle: Nina Homberger

Fazit

Naturerlebnis: Am schönsten ist das Spiel auf einer Eisbahn mit Aussicht, zum Beispiel auf das Bergpanorama in Arosa.

Anstrengung: Ausser Atem kommt man praktisch nur beim Wischen. Ideal für Sportmuffel.

Gemeinschaft: Beim Spiel bleibt immer Zeit für einen Schwatz – und erst recht beim obligaten Drink danach.

Potenzial: Die Regeln sind einfach, und das Spiel macht von Beginn an Spass. Der erste Versuch wird kaum der letzte sein.

Nationalstolz: Die Schweiz zählt zu den besten Curling-Nationen. Wer das Spiel selbst ausprobiert hat, fiebert beim nächsten Turnier begeistert mit.

Curling-Schnupperkurse

Viele Eishallen und offene Eisbahnen bieten Schnupper- und Einführungskurse an. In Arosa finden in der Wintersaison jeweils am Montag- und Mittwoch­abend Schnupperkurse statt (15 Franken pro Person). Gruppen- und Einzellektio­nen auch tagsüber nach Vereinbarung.
www.arosa.ch