Mitten unter Menschen in einem Restaurant einen Krimi zu spielen, das ist nicht vergleichbar mit einem Theaterstück. Oben auf der Bühne, im Lichtkegel, ist der Ausdruck der Gesichter des Publikums nicht relevant, du kannst auch gut vor drei Nasen oder ganz allein für dich spielen. Dinnerkrimis sind ganz anders. Wir bekommen alles ungefiltert und hautnah mit – Positives wie Negatives.

Wir spielen jeden Abend an einem anderen Ort, mal auf der «MS Rigi» auf dem Zugersee, dann in einem Hotel Krone oder im Schloss Rapperswil. Wir mischen uns bereits beim Apéro unter die Gäste, heissen sie beispielsweise willkommen zur Beerdigung, je nach Stück. Gleichzeitig verteilen wir jedem ein Kärtchen. Darauf steht ein Name plus ein Kurzbeschrieb einer Person und ihrer Beziehung zu den Hauptfiguren der Geschichte – jeder Gast hat also theoretisch eine Rolle im Stück.

Allerdings bleiben die allermeisten Statisten. Nur fünf oder sechs beziehen wir wirklich mit ein: einen Gast, der für diesen Abend Arzt spielt und erklären muss, welche gesundheitlichen Probleme der Verstorbene hatte. Oder die Exfreundin des Mordverdächtigen, die pikante Details ausplaudert. Wir wählen für diese aktiven Rollen natürlich nicht Leute, die scheu wirken. Häufig sind unter den Gästen Personen, die selbst hobbymässig schauspielern. Sie machen immer gern mit.

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Fast den Arm ausgerenkt

Das Publikum einzubinden braucht durchaus Fingerspitzengefühl. Wir baten mal einen Zuschauer, den Mordverdächtigen festzuhalten. Der stämmige Mann nahm den schmächtigen Schauspieler in den Polizeigriff und hielt ihm den Mund zu. Erst später konnte uns der Kollege erzählen, der Gast habe ihm fast den Arm ausgerenkt.

Manche machen unaufgefordert mit: Ein Mann stand bei der Aufführung wiederholt auf und rief: «Lisa, ich lieb di!» Ich – die Lisa – war ziemlich irritiert, fragte mich, ob es ein Stalker sei. Später stellte sich heraus: Auf seiner Karte stand, er sei Lisas heimlicher Verehrer und wolle ihr unbedingt seine Liebe gestehen.

Früher an jede Hundsverlochete

Ich stand schon vor den Dinnerkrimis regelmässig nah beim Publikum. Nach meiner Ausbildung an der Schauspielschule in München hatte ich kein festes Engagement und ging mit eigenem Programm an jede Hundsverlochete – Geburtstage, Vereins­abende oder Hochzeiten. Als der türkische Besitzer der Beiz, in der ich damals kellnerte, sagte: «Machsch Programm», schob ich zwei Tische zusammen und trat auf. Ich war immer umringt von Menschen, sah die Reaktionen in ihren Gesichtern. Ich mag das. Einfach ist es trotzdem nicht immer.

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Unser Publikum ist ganz anders als im Theater. Kunstliebhaber bleiben eher fern, dafür kommen Leute, die etwas erleben wollen: ein gutes Abend­essen, miträtseln, wer der Mörder ist, leichte Unterhaltung.

Feinfühligkeiten sind fehl am Platz

Wir treten aber auch an Firmenanlässen auf. Einige schauen sich den Krimi dann nicht unbedingt freiwillig an. Da nimmt schon mal einer während der Vorführung das Handy ab und sagt: «Hallo Kari, jawoll, ja du ich bi da grad i somene komische Theater. Gaat hoffentlich nüme lang.» Und ich steh daneben und spiele. Einer hat mich mal in den Hintern gekniffen. Ich habs ins Stück eingebaut, mich auf seinen Schoss gesetzt und geschaut, dass ihm sein Verhalten peinlich wurde.

Man darf in unserem Job nicht zartbesaitet sein – ist es faktisch aber. Ich kann reden wie ä Puurefrau, wo chäset – aber tief drin sind wir Schauspieler halt alle Sissis, un­sicher, selbstkritisch. Und so tuts ab und zu auch etwas weh, wenn Gäste fragen: «Was mached Si dänn hauptpruefflich?»

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Wir touren jeweils mehrere Monate mit einem Stück: vier Schauspieler, jeder übernimmt zwei bis drei verschiedene Figuren. Da bleiben ab und zu nur zwei Minuten, um das Kostüm zu wechseln, auch mal zwischen Kühlschrank und Tresen.

«Wir wählen nicht Leute, die scheu wirken»

Quelle: Thinkstock Kollektion

«I hob mei Tegscht vergessn»

Krank sein, das gibt es nicht. Die Rollen sind nicht doppelt besetzt, das wäre finanziell nicht machbar. Keiner von uns macht das ganze Jahr über Dinnerkrimis, alle ­haben verschiedene Engagements. Demnächst spiele ich im Sommertheater Baden, zwischendurch gebe ich an Grossanlässen die Hostess für eine Zigarrenfirma. So kann ich mich quersubventionieren und bescheiden, aber gut leben. Und auch lustig.

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Kürzlich ging ich rein in den Saal – und hatte ein Blackout. Wir haben keine Souf­fleuse. I war so a Öschterreicherin und sog halt zu den Leut: «Es isch alles wunderboar, aber, liabs Publikum, i hob mei Tegscht vergessn!» Die Leute und die Kollegen prusteten los – und ich fand den Faden wieder. Es gibt nichts Dankbareres, als Leute zum Lachen zu bringen und dabei selbst Spass zu haben.