Seilziehen ist auch eine Frage der Beinarbeit: Jasmins Team beim Turnier in Gonten

Quelle: Dominic Büttner
Quelle: Dominic Büttner

Synchron heben sich 16 rechte Füsse und schleudern das monströse Tau hoch. 32 Hände greifen zu. Aus 16 Kehlen ertönt ein Kampfschrei, Füsse in schwarzen Stiefeln stampfen auf, krallen sich in die Bahn aus aufgeworfener Erde, die sich wie eine Wunde über die Wiese zieht. Waden und Oberschenkel, Trizeps, Bizeps und Nackenmuskeln spannen sich unter der erbarmungslosen Sonne, Adern treten hervor. Auf jeder Seite des Seils ziehen 520 Kilogramm Mensch – nationales Seilziehturnier in Gonten AI.

Anzeige

In einem der Mannschaftszelte am Rand des Turnierfelds rüstet sich Jasmin Brülisauer zum Kampf. Montiert die schweren Stiefel mit den metallenen Absätzen. Lässt sich von einer Betreuerin zum Schutz der Bandscheiben ein Tuch straff um die Hüften wickeln und zur Abkühlung Wasser über den Kopf giessen. Die 15-Jährige wird gleich für das Heimteam, die Frauenmannschaft von Gonten, ans Seil gehen, sich mit sieben Teamkolleginnen den ersten der minutenlangen, Schwielen erzeugenden Kämpfe mit einer gegnerischen Mannschaft liefern. Auch gegen ihren Angstgegner, die in der Meisterschaft Erstplatzierten aus dem aargauischen Waltenschwil-Kallern, werden sie antreten müssen. Gonten steht in der Rangliste auf Platz zwei.

Es ist Samstagnachmittag, gegen 15 Uhr. Im grossen, nahezu leeren Festzelt spielt ein Trio über eine Verstärkeranlage Appenzeller Streichmusik. Es gibt «Seilziehkafi», Schnitzelbrot mit Kräuterbutter, sauren Most mit und ohne Alkohol. Drei Kinder tanzen auf der Wiese vor der Bühne. «Me tar d Mannschafte au aafüüre», versucht der Kommentator die spärlichen Besucher des Anlasses zu motivieren. Über die Wiese erschallt aus grossen Boxen Trio Eugsters «Dä söll emal cho» und macht dem Kommentator lautstark Konkurrenz. Es riecht würzig nach Harz, Schweiss und frischer Erde. Am Rand des Felds und in den Teamzelten schweissglänzende Männeroberkörper, deren Muskelpakete nicht im Fitnesscenter, sondern durch ehrliche körperliche Arbeit erworben wurden. Frauen, die ihnen in Sachen Körperkraft nur wenig nachstehen, in Muskelshirts und Radlerhosen, mit burschikosem Gang. Gewogen wurden die Mannschaften bereits, im Feuerwehrdepot von Gonten auf einer mobilen Viehwaage – je nach Kategorie darf ein gewisses Gruppenhöchstgewicht nicht überschritten werden. Auch das Einlaufen haben die Athleten schon hinter sich, im Fall des Frauenteams Gonten barfuss.

Anzeige
Quelle: Dominic Büttner

Man lernt so Land und Leute kennen

Was treibt junge Frauen an, sich einem Seilziehverein anzuschliessen, mit Harz an den Händen und Eisenplatten an den Füssen an einem 10 bis 14 Zentimeter dicken Tau zu ziehen? «Man kommt viel herum. Wir haben schon viel von der Schweiz gesehen und waren auch schon mal in Deutschland», sagt Jasmin Brülisauer. Manuela Dörig, eine zierliche Dunkelhaarige und seit dem Kindergarten Jasmins beste Freundin, nickt. «Dieses Jahr gehts sogar nach England und nach Holland, an internationale Turniere, falls uns die Eltern gehen lassen.» Denn schliesslich kosten solche Reisen, das beansprucht das Sparschwein der Jugendlichen und die Haushaltskasse der Bergbauernfamilien. Manuela und Jasmin stehen beide mit je drei Geschwistern in Konkurrenz, die alle auch Hobbys haben.

Anzeige

Zudem lerne man viele Leute kennen, zählt Jasmin zwischen zwei Löffeln Coupe Dänemark schmunzelnd ein weiteres Plus des Vereinslebens auf. Leute, das sind nicht zuletzt auch Jungs. Ein weiterer Löffel Glace wandert Richtung Mund. Dann schiebt Jasmin das absolute Killerargument nach: «Wenn der Klub nach den Turnieren in den Ausgang geht, müssen uns die Eltern ja fast mitgehen lassen.» Jetzt grinsen die beiden Mädchen breit.

Jasmin und Manuela wohnen in Eggerstanden, einem kleinen Dorf mit rund 460 Einwohnern, vier Kilometer östlich von Appenzell. Viel los ist hier nie. Es gibt zwar einen Jugendverein, der organisiert aber lediglich jeden dritten Freitag im Monat ein Treffen für die rund 20 Teenager, die in den umliegenden Streusiedlungen leben. Trotzdem gehen die beiden Mädchen mindestens einmal pro Wochenende aus. Zumindest im Sommer, wenn im Gegensatz zum Winter immer irgendwo etwas los ist, seis eine Stubete auf einer Alp, ein Dorffest, ein Hardrock- oder auch Volksmusikfestival. «Wir hören eigentlich so ziemlich alle Musikstile gern. Am besten sind aber Lieder, die alle kennen, bei denen man mitsingen kann», so Jasmin.

Egal, wie spät es wurde, aufgestanden wird zeitig. «Wenn zum Beispiel gheuet wird, muss jeder mithelfen. Ausschlafen wie die Jungen in der Stadt können wir fast nie.» Spät wird es immer wieder mal. Und das Heimkommen will sorgfältig organisiert sein, schliesslich sind die Distanzen beträchtlich, und das öffentliche Verkehrsangebot ist oft so gut wie inexistent. Taxis können sich die Jugendlichen nicht leisten, falls es überhaupt eins gibt. Eine Möglichkeit: die Mutter morgens um drei aus dem Bett klingeln, damit sie die Jungmannschaft einsammeln kommt. Eine andere: zu Fuss gehen. Je nachdem, wo die Kids gefeiert haben, kann das auch mal zwei Stunden dauern. Gefährlich? «Nein, das machen wir nur, wenn wir mehrere sind», beruhigt Manuela.

Quelle: Dominic Büttner

Ferkel schätzen und Nägel versenken

Die Gontner Seilzieher sind seit den frühen Morgenstunden auf den Beinen, da sie als Gastgeber den Anlass zu bestreiten hatten. Um sieben Uhr hiess es: Antreten zum Aufstellen, nach dem anstrengenden Wettkampf muss alles wieder abgebaut werden. Auch eine Möglichkeit, die Freizeit zu füllen. Trotzdem: Für Müdigkeit ist kein Platz. Ausgang heisst an diesem Abend: Oberdorfer Chölbi im zwölf Kilometer entfernten Brülisau. «Dieses Jahr macht Gonten nichts, vielleicht auch, weil betrunkene Junge letztes Jahr einen Hag abgerupft haben im Übermut», erklärt Jonny Dörig, der OK-Präsident der Brülisauer Festivitäten.

Gegen halb zehn trudeln Jasmin und ihre Kollegen in Brülisau ein. Im grossen Festzelt gibt gerade das Duo «Brülljoho» seine Kalauer zum Besten, manche unter der Gürtellinie, alle begleitet von vokaler Geräuschuntermalung – der Joho-Teil des Duos ist das, was man in Hip-Hop-Kreisen eine «human beatbox» nennen würde. Das vorwiegend ältere Publikum johlt, mit glänzenden Augen und roten Wangen vom Heuen, von der Sonne und dem einen oder anderen Bier. Danach erklärt der Conférencier, der durch den Abend führt, die verschiedenen Fahnen, die von der Zeltdecke hängen, und OK-Präsident Jonny Dörig kriegt einen Früchtekorb überreicht. Übers Heimkommen machen sich die Mädchen noch keine Gedanken.

Die weiteren Attraktionen sind überschaubar: In einem kleinen Verschlag grunzen zwei junge Schweine vor sich hin – wer ihr Gewicht am genauesten schätzt, gewinnt sie. Und in der Bar, einem hölzernen Pavillon Typ Oktaeder-Gartenhaus und an diesem Samstagabend Treffpunkt der Dorf- und Umlandjugend, warten neben Appenzeller Alpenbitter, Bier und sonstigen Getränken ein Hackstock, Nägel und Hammer. Es gilt, mit der schmalen Seite des Hammers den Nagel mit einem Schlag zu versenken. Es ist laut, heiss und gerammelt voll. Pink und Co. röhren aus den Boxen.

Naturverbunden: Jasmin (rechts) und ihre Schwester Sandra vor dem Hof der ­Eltern in Eggerstanden

Quelle: Dominic Büttner

«Schlägereien gibt es kaum»

Es ist ein generationenübergreifender Anlass. Eltern im Zelt, die Jungen in der Bar, jeder kennt jeden. Die Sozialkontrolle spielt. «Darum gibt es auch kaum Schlägereien, auch wenn viel getrunken wird», sagt einer von der Feuerwehr, die an diesem Abend dafür zu sorgen hat, dass die Brülisauer Zäune im Dorf bleiben.

Im Zelt spielen endlich die «Chaschtehöckler» zum Tanz auf. Schnell füllt sich der Tanzboden. Die einen drehen sich schraubstockartig im Kreis, andere üben sich im Discofox. Und keineswegs nur ältere Semester gleiten über die Fläche. Auch die des Tanzes mehr oder weniger kundige Jugend schwingt das Bein zu Hackbrett, Kontrabass und Liedtexten, in denen irgendjemand aufgefordert wird, die Unterhose anzubehalten. Draussen vor dem Zelt steht Jasmin mit ihren Kollegen. Tanzen? Könne sie nicht so gut. Zudem müsste sie ja erst einer auffordern kommen, meint sie. Ein junger Mann mit Kamera gibt den Partyfotografen. Blitzt in die Menge der jungen Leute, die sich, nach dem Vorbild des internationalen Szenevolks, in Pose schmeissen, sich vordrängen, einen ganz bescheidenen Teil Ruhm im Moment suchen. Geraucht wird wenig, stattdessen greifen die Jungen nach Altväter Sitte vermehrt zum Schnupftabak. «Kiffen ist voll doof», finden Jasmin und Manuela. «Das macht von unseren Kollegen niemand.» Dafür trinken sie gerne Alpenbitter. Ebenfalls Altväter Sitte.

Anzeige

Und was tun 15-Jährige, wenn nichts los ist, wenn sie weder im Stall noch im Haushalt helfen müssen und die Uufzgi gemacht sind? «Ich schaue ziemlich viel fern, ausser wenn meine Brüder auch schauen, die wollen immer so doofes Zeug sehen wie die ‹Simpsons› und so», gesteht Jasmin. «Fernsehen verblödet», findet dagegen Manuela. Lesen tun beide nicht, höchstens Zeitung. Und am Computer rumhängen, chatten oder gamen mögen die beiden auch nicht. «Nicht mehr, das war früher», präzisiert Manuela. Telefonieren ist dagegen in. «Vor allem mit dem Schatz», gesteht Manuela. Zum Shoppen, einer Hauptbeschäftigung der urbanen Jungbevölkerung, fehlt ihnen nicht nur die Gelegenheit, sondern auch das Geld. Mehr als ein-, zweimal im Monat liegt nicht drin. «In Appenzell macht es keinen Spass, und wenn wir nach St. Gallen fahren, kostet der Zug ja schon zehn Franken», erklärt Jasmin. Jassen mit den Grosseltern ist eine Alternative, einfach nur rumhängen und Musik hören auch. «Und wenn mir wirklich ganz langweilig ist, spiele ich mit einer unserer Katzen oder gehe zu den Schafen raus», sagt sie. Ihre Schwester reite sogar manchmal auf einer der Kühe.

Anzeige

Irgendwann, viele Kästen Bier später, löst sich die Oberdorfer Chölbi – «s Fescht för Di ond fös Dorf» – auf. Es ist spät geworden. Manuelas Mutter hat lange ausgeharrt und die beiden Mädchen schliesslich um halb vier Uhr morgens nach Hause gefahren. Aber es ist Sommer. Noch liegt Heu, und Gewitterwolken kennen kein Mitleid mit müden Partygängern.