Noch in meiner Jugend sahen sie ­allesamt aus, als wären sie gerade der einschlägigen «Sport und ­Freizeit»-Vitrine im Landesmuseum entsprungen: ausgebeulte, formlose Hosen aus schwerem, sackähnlichem Tuch, nass geschwitzte Flanellhemden, auf dem Kopf ein verknotetes Taschentuch und an den Füssen diese grässlichen roten Socken als nationales Spottobjekt. Die reinsten Bergzombies, die 100 Meter gegen den Wind nach kaltem Schweiss rochen.

Kreuze ich heute eine Gruppe von Wanderern, fühle ich mich auf den Laufsteg einer trendigen Modeschau versetzt: In leichte, luftige, farbenfrohe Stoffe gekleidet, schreiten sie locker aus, so elegant wie die Models in den Katalogen von Mammut, The North Face und Jack Wolfskin, den führenden Labels der Outdoorfans. In solcher Aufmachung kann man selbst nach einer sechsstündigen Bergtour getrost einen Apéro in der angesagtesten Bar am Ort nehmen, ohne dort das modische Bild nachhaltig zu beeinträchtigen.

Wandern war schon immer ein Volkssport. Doch in den letzten zehn Jahren wurde er zum Lifestylesport. Die Medien sind schnell auf den Trend aufgesprungen. Im «Tages-Anzeiger» empfiehlt der rührige Thomas Widmer wöchentlich eine Ausflugstour zu Fuss. Das Schweizer Fern­sehen schickt Moderator Nik Hartmann mit seiner Hündin Jabba «Über Stock und Stein» quer durch die Schweiz, dieses Jahr von Basel auf den Piz Bernina. Und die Zeitschrift «Schweizer Familie» erklärte letztes Jahr unter reger Anteilnahme ihrer Leserschaft den dritten Samstag im September zum «Nationalen Wandertag».

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Wandern ist populär wie nie – und kann zu Popularität verhelfen. Kein Prominenter landauf, landab, der nicht liebend gern für die «Schweizer Illustrierte» auf einen Gipfel oder doch wenigstens einen Hügel kraxeln würde, notfalls auch in Begleitung des unverwüstlichen Bergführers und Selbstdarstellers Art Furrer von der Riederalp. Längst haben auch Bundesräte die PR-Tauglichkeit des Wanderns entdeckt. Schon Adolf Ogi kletterte auf jeden erreichbaren Gipfel und brachte stets eine Handvoll Bergkristalle zurück, und selbst eine eher flache Figur wie der einstige Aussenminister Flavio Cotti beorderte ­seinerzeit die Medien zu einer stotzigen Bergwanderung ins heimatliche Maggiatal. Und der abtretende Bundesrat Pascal Couchepin lud die Journalistenmeute ­traditionell zu einem Spaziergang über die St.-Peters-Insel oder hinauf nach Zimmerwald. Hans-Rudolf Merz schwärmt weiterhin bei jeder Gelegenheit von seinen ­grünen Appenzeller Hügeln.

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Wandern hat eindeutig Suchtpotential. Wer einmal damit begonnen hat, hört freiwillig nicht auf. Und da die Gesamtpopulation immer länger gesund bleibt und folglich statistisch immer älter wird, sind Umfang und Ausmass der Landplage prognostizierbar. Alle scheinen es dem Kabarettisten und Schriftsteller Franz Hohler gleichtun zu wollen, der in seinem 61. Lebensjahr jede Woche eine Wanderung absolvierte – und sein Unternehmen im Buch «52 Wanderungen» beschrieb. Wandern ist nicht nur zum Lifestyle geworden, sondern auch zum Lifetimesport.

Doch wie jede Massenbewegung kennt auch die Wanderei ihre Dissidentengruppen. Da sind einmal die Nordic Walker, ­allesamt sanft motorisch gestört, die mit ihren Stöcken einigen Flurschaden an­richten und sich beim Abstieg gerne selber ein Bein stellen; dann die Gourmets, die von Bergbeiz zu Bergbeiz pilgern und ihre breitspurigen Verdauungsspaziergänge unbeirrt mit Wandern verwechseln; und schliesslich – als numerisch und ökonomisch abschreckendste Gruppe – die ­Golfer, die frech behaupten, sich in der freien Natur zu bewegen, und dabei ­keinen Meter Landschaft begehen, der nicht extra für sie planiert wurde.

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In exakt umgekehrtem Sinne demonstriert eine neue Spezies ihre Naturverbundenheit: die Nacktwanderer, die selbst auf minimalste Bedeckung verzichten. Das in der letzten Saison rund um den Säntis beobachtete Phänomen, ein voralpiner Nachläufer der urbanen Flitzerbewegung, beweist schlagend, dass das Wandern ­endgültig in der Neuzeit angelangt ist.

Nur dass sich jetzt der Wanderer, der bisher in der Landschaft Stille und meditative Einkehr suchte, nach einem neuen Hobby umsehen muss.

Journalist und Bergwanderer Roger Anderegg

Quelle: Rahel Nicole Eisenring
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