«Schweiz. Entdecke das Plus», steht auf dem Bus, der Rosa und mich in Genf vom Flugzeug zum Flughafengebäude bringt. Faszinierend, wie unsere westlichen Nachbarn metaphorisch das Allerletzte aus ihrer Flagge holen. Auf die österreichische Fahne übertragen, müsste es analog heissen: «Österreich. Entdecke das Minus». Gar so schwer zu finden ist es ja nicht, so breit und fett, wie es zwischen den beiden roten Balken liegt. Und da entdecke ich am Kiosk auch schon eine Zeitung mit der Schlagzeile: «Le monstre d’Amstetten!» Mon Dieu! Dabei bin ich doch hierhergekommen, um Schweizer Merkwürdigkeiten aufzustöbern. Uns kenne ich ja. Da wir also in der letzten Eigensinnigkeitsinsel mitten in Europa gelandet sind: Passkontrolle! Geldwechsel! Im Flughafen-Euro-Fanshop sehe ich ein T-Shirt mit dem Aufdruck: «Freude herrscht!» Self-fulfilling prophecy offenbar. Ich bezahle und bekomme als Wechselgeld einen Zehn-Franken-Schein zurück, das Bildnis des Mannes darauf mit der auf die Stirn geschobenen Nickelbrille kommt mir bekannt vor. Ist das Le Corbusier? Der indische Verkäufer zuckt mit den Achseln. Wer? Er hat keine Ahnung.

In der Strassenbahn in die Innenstadt säuselt eine sanfte Frauenstimme: Broschänäräh! Broschänäräh! Immer wieder Broschänäräh. Bald aber ist Rosa hinter das Geheimnis gekommen: Prochain arrêt! Bien! Aber wo aussteigen? Wo umsteigen? Nirgendwo ist auf das Stadion hingewiesen! Wie werden das die Tschechen und die Portugiesen machen? Rosa entdeckt ein Plus nach dem anderen, nach dem weissen Schweizer auch das rote von Henri Dunant, la Croix-Rouge. Ausserdem gibt es eine muslimische Schwesterorganisation, den Roten Halbmond, le Croissant-Rouge.

Das Hotel Ramada Encore liegt praktischerweise direkt im Stadionareal, ist baulich an das Oval angeschlossen und dient als Verbindungsglied zum Einkaufscenter auf der anderen Seite. Das Stade de Genève selbst ist aber verschlossen, verriegelt und verwaist. Ob es eine Möglichkeit gebe, ins Innere zu kommen, fragen wir den Rezeptionisten. Er winkt gleich ab. But we came from Vienna by plane, especially for this reason! Der Rezeptionist denkt nach, blickt argwöhnisch nach links und rechts, dann gibt er uns ein komplizenhaftes Zeichen: Follow me! Das Hotel hat mehrere Konferenzsäle, die heissen «Dunant», «Voltaire», «Rousseau» oder «Calvin». Einer davon hat eine riesige Panoramaglaswand und ist in den VIP-Bereich des Stadions hineingebaut. Hier dürfen wir uns ausnahmsweise umsehen und auch ein paar Erinnerungsfotos schiessen

Ich bin ein wenig stolz. Letzte Woche hat mir ein Redaktor des Bayerischen Rundfunks erzählt, ihm sei es nicht gestattet worden, auch nur für ein paar Augenblicke ins Innere des Stadions zu kommen und ein paar Sekunden zu drehen. Und das trotz der städtischen Genfer Freundlichkeitskurse (say: «Swiss!», say: «Cheese!»). Die Stühle werden wahrscheinlich noch frisch gestrichen, meint der Rezeptionist.

Naturgemäss hat die französische Schweiz viel von Frankreich, wie Frankreich viel von seinen ehemaligen Kolonien hat. In Genève wird zwar die Schweizer Gruppe gespielt, aber ohne Schweiz. Das ist durchaus symbolträchtig. Wir bedanken uns beim Rezeptionisten und fragen: «What do you think? Will the Swiss team succeed?» - «I don’t know! I’m Portuguese!»

Das Kaufhaus C&A ist total begeistert und bietet jede Menge Suisse-T-Shirts und Suisse-Dessous an, jede Menge España-Leibchen, Italia-Leibchen, natürlich Portugal-Leibchen, seltsamerweise auch jede Menge Brazil-Leibchen für die Autisten unter den Enthusiasmierten, dagegen keine Leibchen für Tschechen und Türken, die hier gleich um die Ecke kicken werden. Plüschzylinderhüte, aus denen Hörner, Zöpfe oder Fussbälle wachsen. Auf allem, wo in Österreich Mozart drauf ist, ist in der Schweiz eine Kuh drauf. Der «Mars»-Riegel heisst hier «Hopp». «Hopp» sagt man in Autriche, wenn man einen Schosshund ermuntern will, aufs Sofa zu springen. Fussballer treibt man dagegen mit «Gemma!» an, auf Deutsch so viel wie «Gehen wir!» - wodurch man das ungemütliche Wort «laufen» vermeidet.

Barfuss wie Peter Handke sitzt Jean-Jacques Rousseau zu Messing erstarrt auf einem Messingbücherstapel auf seiner Insel. Im Genfersee schwimmt ein Riesenfussball, die Fontaine und den Montblanc im Hintergrund, das ist schon einmal sehr begeisternd. Rosa fotografiert mich auf der Uferpromenade, wie ich die Hände seitlich so halte, dass durch die perspektivische Verzerrung der Eindruck entsteht, ich finge den Ball gerade aus dem Wasser. Dieses Motiv gefällt einem Passanten, und wir laden ihn ein, auch von ihm ein solches Bild zu machen. «Where are you from?» - «Palestine. And you?», will er wissen. «Austria.» - «L’Autriche! Le monstre d’Amstetten!» - «Yes. Terrible story. But we live far away from Amstetten.» Immer dieser widerliche Kerl und seine Das-Gesetz-bin-ich-Visage! Bei der Gelegenheit fällt mir ein: Der österreichische Teamchef stammt - aus Amstetten! Aber Josef Hickersberger ist ein ganz, ganz netter Mensch. Man hat ihn seinerzeit extra aus der Trainerkollektion der netten älteren Herren Marke «Köbi Kuhn» genommen. Amstetten braucht ganz dringend einen guten Menschen, steht lokal zusätzlich mächtig unter Druck.

Von Genf nach Basel fährt man wie aus einem Land ins andere: von Nichtganzfrankreich nach Nichtganzdeutschland. An der Innenwand des Zugs fragt Rousseau über dem Panoramafenster: «Heureux, mon jeune ami, le pays où l’on n’a pas besoin d’aller chercher la paix dans un désert! Mais où est ce pays?» Nachdenklich rasen wir an Nyon vorbei, an Neuchâtel und Biel, Moutier und Delémont.

«Sorry, no Carlsberg!», hat der Wirt auf die Tafel vor dem «Zum Schmale Wurf» (was immer das auch bedeuten mag) am Rheinufer geschrieben. Ein allerletzter Rütlischwur, bravo! Man ist ja nicht tausend Jahre neutral, um sich dann Dänenbier vorschreiben zu lassen! Dann schon lieber von der Uefa eingehaust werden. «Schkummt, wiesch kummt», demonstriert Frau Gisela vom Café Spitz Lässigkeit, hier am Rheinufer sei ja das ganze Jahr was los. «Und wenn Basel gegen Zürich spielt...» Sie vollendet den Satz nicht, aber verdreht die Augen.

Auch wenn man das erste Mal in Basel ist, hat man schnell heraussen, dass die Farben des FC Basel Rot-Blau sind wie die von Barcelona - und von Liechtenstein. Der Klub ist im Stadtbild überall präsent. Das Stadion dagegen, der St.-Jakob-Park, ist das unsichtbarste der Euro, an beiden Längsseiten völlig zugebaut von Bürokomplexen, Einkaufszentren und der Eisenbahnlinie. Die grosse Menschenmasse und die mit Vollvisierhelmen, Schilden, Knüppeln bewaffnete Polizeiarmee weisen aber doch auf FCB - FCZ hin: Das könnte ein Fest werden! Oder eine Schlacht.

In den Fanshop (FCB-Windeln! Schnuller! Wanduhr! Föhn!) ist ein hübsches Vereinsmuseum integriert, das nicht nur den letzten Ziegel des alten Stadions zeigt, sondern auch, dass dieser FCB schon Kontakt mit dem europäischen Spitzenfussball hatte. Hinter Glasvitrinen Dressen und Mitbringsel der Gastteams: ein roter Porzellanteufel von Manchester United, ein Wachskosake von Újpest Dózsa. Innenarchitektonisch ist der St.-Jakob-Park ein höchst prächtiges Ding und eines Euro-Eröffnungsspiels würdig: Sogar die Hinterseiten der Betontribünen sind nightclubartig rot gestrichen - ein Luxus, den man in Stadien selten sieht. Da hängen zudem viele, viele Bildschirme, die nicht nur Spielszenen, sondern auch den Text der Vereinshymne bieten, eine einmalige Gelegenheit, schriftlich zu erfassen, was akustisch durch etliche Lautverschiebungen schwer verständlich ist: «Rotblau isch hüt d Farb... dr Gegner isch grad gschoggt... näggschte Siig!» Aha!

Schriftlich verboten sind im Stadion Aluminiumdosen, Glasflaschen, Springmesser, Pistolen, Regenschirme, Motorradvollvisierhelme, Hakenkreuze. Die Menschenmasse drängt sich über steile Treppen teils bis zum letzten Augenblick dosenbiertrinkend zu den Eingangsschleusen. Sie wird perlustriert, aber nur so, dass Zürcher Hardcore-Fans ihre geliebten Freudenfeuerwerke mit ins Stadion schleppen können. Die Spieler beider Teams kommen wie Mayonnaise aus einer Riesenmayonnaisetube aufs Spielfeld, auf der Brust der Einheimischen findet mein Betablocker Erwähnung (ich trage also ein ganz klein wenig zum Siig des FCB bei!). Nach dem 2:0 wird bei den Zürchern aus dem Freuden- ein Frustfeuerwerk, und sie befehlen ihre Luftwaffe auf friedliche Basler auf der Flucht. 1000 Grad heiss können solche Raketen werden, lese ich später. Auch in einem ordentlichen Land findet man ausserordentliche Deppen. Mehr Rousseau lesen! Immerhin: eine kleine internationale Ablenkung von Amstetten.

Mit mir meint es das Schicksal gut und setzt mich auf die andere Stadionseite. Auch die After-Match-Prügelei verpasse ich: Da sitze ich schon im Tram und mache Platz für eine alte, offenbar an Parkinson erkrankte Dame. Ihr Kopf wackelt, und darauf sitzt eine Schildkappe «FC Basel 1893». Der Klub war vor ihr. Der Klub wird nach ihr sein. Das gilt für alle. Das ist der Sinn des Klubs.

Von Basel nach Zürich, vorbei an den Juchhof-Plätzen am Westende der Stadt, wo sich hinter dem Recyclinghof Werdhölzli und dem Zirkuswagenabstellplatz ein grosser internationaler Schrebergarten erstreckt: Zu jeder Hütte gehört ein fünf Meter hoher Fahnenmast, darauf wehen die Flaggen von Serbien und Kosovo, Kroatien und Palermo, Türkei und Portugal, Portugal, Portugal. Die Schweiz hat ihre Euro-Gegner längst in sich. Barfuss wie Rousseau, nur mit dem Benfica-Lissabon-Leibchen jonglieren die Kinder hier den Ball zwischen den Gemüsebeeten. Manche schaffen es, mit dem Tretroller zu fahren und gleichzeitig den Ball am Tretfussrist zu führen. Aus denen wird noch etwas! Ihre Väter spielen am Juchhof Kosova Zurique gegen Fenerbahce und daneben Benfica Zurique gegen Morava. Alles gute Kicker! Aus den Alpen kommen hier nur die Schiedsrichter und die Betreuer: Attila, luag! Supr, Roger! Bravo, Goran! Hopp, Hakan!

Zum Schluss wollen wir noch den berüchtigten «Geist von Feusisberg» erforschen, auf dessen positiven Einfluss Köbis Kicker auch an der Euro vertrauen. Zunächst aber entdecken wir ein gar sensationelles gesellschaftliches Verhalten: Beim Besteigen des Busses, der uns von Pfäffikon auf den Berg hinaufbringt, begrüsst der Busfahrer seine Fahrgäste überschwänglich. «Grüeziwohl mitnand!» - alle Gäste grüssen zurück, und jeder einzelne, der den Bus bei einer Haltstelle verlässt, bedankt und verabschiedet sich nochmals laut und deutlich und höflich.

Wir steigen vor dem Panorama-Resort aus und atmen tief ein: Es riecht ganz intensiv nach Kuh. Die Tiere mit den gelben Plaketten in den Ohren grasen rundherum: anders als in Genf, Basel oder Zürich ein fast authentisches heidieskes Szenario.

Im Inneren der Supernobelanlage hat es sich dann aber ausgekuht. Was aus einem ehemaligen Wienerwaldrestaurant so alles werden kann: ein Paradies! Aber wer will schon, einmal hier eingekehrt, jemals wieder hinaus in die raue Welt der Stadien? Die prächtige Aussicht auf den kompletten Zürichsee, denke ich lustseufzend am Zimmerbalkon, mag Lust auf alles Mögliche machen, nur auf hartes Training eher nicht. Mehr Traumurlaub als Trainingslager. Also erst einmal hinein in den Indoor-Pool mit dem Kunststofflaubbaum, hinaus in den angeschlossenen Outdoor-Pool, wo man meint, im Zürichsee selbst zu schwimmen. Oder doch lieber ins Edelsteindampfbad, ins Aromadampfbad, ins Tepidarium, Kaldarium, in den Whirlpool oder den Fusswhirlpool?

Abendessen mit Klavierbegleitung: Und was hätten wir denn gern? Feusisberger Heucremesuppe mit gebratener Jakobsmuschel? Lammrückenfilet im Brotmantel mit Morchelpolenta? Schwertfischrückensteak mit sautierten Artischockenböden? Schokoladenmousse-Halbkugel mit Passionsfruchtkern auf zweifarbigem Baby-Ananas-Carpaccio und Malibu-Schaum? Über die Preise reden wir natürlich nicht. Da könnte man ganz Juchhof-Benfica eine Woche lang ernähren! Ein Aufenthalt hier wäre eigentlich der erste Preis, die angemessene Belohnung für die, die schon Europameister geworden sind.

Am Berg gibt es nicht viel Multikulti. Die Gäste sind Schweizer. Im Service arbeiten Österreicher, zum Beispiel die kleine Nicole aus dem Zillertal mit den Sommersprossen. Wer weiss: Vielleicht wird sie der Geist von Feusisberg, wenn sie Senderos oder Barnetta von Sieg zu Sieg bedient. Sie ist allerdings kein Fussballfan, sagt sie.

Dazu passt, was ich tags darauf im Zug auf der Rückfahrt entlang des Zürichsees, wo die ersten Badegäste ihre Zehen ins Wasser tauchen, in der Zeitung lese, dass nämlich die Schweizer Euro-Muffel sind. Und je näher die Euro rückt, desto geringer wird das Interesse an ihr. Das Phänomen gibt es in Österreich genauso. Vielleicht hängt der Überdruss auch mit dem kommerziellen Super-GAU zusammen. In Kloten wuselt es von Menschen, und der Flughafen quillt vor Euro über: Neben einem Käfig mit einer Torschusswand für Kinder steht ein Fernseherausdemfensterwerfkäfig, wo man schon einmal seine grenzenlose Enttäuschung nach Gegentreffern oder Niederlagen anhand eines gewichtsoriginalen Fernseherimitats einstudieren und beim Fernseherweitwerfwettbewerb Eintrittskarten gewinnen kann. Das Flughafengebäude ist überfüllt, dieser Stand aber völlig leer.