Fast könnte man meinen, man befände sich in der Toskana. An der sienagelben Schlossfassade im Innenhof des Castel Sallegg rankt üppiges Grün empor. Der Moscato Rosa schmeckt genau richtig: Der rote Dessertwein hat zwar viel Restsüsse, aber auch eine gute Säure, so dass er einem nicht den Mund zuklebt, wie man es von anderen Dessertweinen kennt. Stattdessen nimmt man gern einen zweiten und dritten Schluck. 

Der Wein stammt aus dem Keller von Graf Kuenburg. Dieser baut auf Castel Sallegg bei Kaltern die drei ursprünglichen, im Fachjargon autochthon genannten Rebsorten Südtirols an: Lagrein, Vernatsch und Gewürztraminer. Dazu kommen andere wichtige Weine wie Pinot noir und Merlot.

Doch auf die Frage, welche denn nun seine wichtigste Rebsorte sei, antwortet er, ohne lange zu überlegen: «Obwohl er wirtschaftlich gesehen überhaupt nicht wichtig ist, hat der Rosenmuskateller für mich eine ganz besondere Bedeutung.» Die seltene Rebe wird heute in Südtirol auf nur 15 Hektaren angebaut, ein Stock liefert gerade mal ein halbes Kilo Trauben – was sehr wenig ist, auch wenn man auf geringen Ertrag und bessere Weinqualität setzt. 

Alpines bis mediterranes Klima

Sein Urgrossvater, Fürst von Campofranco, sei 1892 von Sizilien nach Südtirol gekommen, um hier zu heiraten, erzählt er. Den Rosenmuskateller habe er in Sizilien kultiviert. Er habe ihn nicht als Brautgeschenk mitgenommen, eher aus «egoistischen Gründen»: Er wollte nicht auf seinen Lieblingswein, den Moscato Rosa, verzichten. «So wurde die Traubensorte hier heimisch.» 

Damals war Südtirol längst eine blühende Weinregion. Tatsächlich gehört sie zu den ältesten in ganz Europa. Bereits die Römer waren 15 vor Christus beeindruckt. Die Einheimischen füllten den Wein bereits in Holzfässer ab, während man sich am Hof von Kaiser Augustus noch mit ledernen Schläuchen und Amphoren behalf. 

Das besondere Mikroklima Südtirols, der Mix aus alpinem und mediterranem Klima, kommt dem Weinbau seit je zugute. «Bei uns wachsen die Palmen fast wie Unkraut – und im Hintergrund sieht man die Gletscher», sagt Graf Kuenburg. «Dieser Klimamix ist ideal, um strukturierte Weine zu machen. Er gibt unserem Wein das Fruchtige, die Frische und die Mineralität.» 

Dank dem vielseitigen Südtiroler Klima gedeihen hier ganz unterschiedliche Rebsorten. So werden neben den drei ursprünglichen Rebsorten Vernatsch, Gewürztraminer und Lagrein im Eisacktal etwa auch Riesling kultiviert, den man vor allem aus Deutschland kennt, und weiter südlich, im Etschtal, schwere Rotweine wie Cabernet und Merlot. 

DOC-Zertifikat ist fast Standard 

Dass Südtiroler Weine bei den italienischen Weinprämierungen regelmässig obenaus schwingen, sei einer Qualitätsoffensive zu verdanken, die vor 30 Jahren ihren Anfang nahm, sagt Graf Kuenburg. Heute sind 98,8 Prozent aller Südtiroler Weine DOC-zertifiziert, kommen also aus einem kontrollierten Ursprungsgebiet und unterliegen strengen Qualitätskontrollen. Wie viel Ertrag pro Hektare geerntet werden darf, wird beispielsweise genau festgelegt.

Mitten durch diese Weinregion führt die Südtiroler Weinstrasse, die in Nals beginnt und sich über Bozen durch das Überetsch und das Unterland bis Salurn an die Grenze Südtirols zieht. Am besten lässt sich die malerische Landschaft mit dem Velo erkunden: Die drei Genuss-Weinradrouten (siehe oben) weisen keine nennenswerten Steigungen auf und bieten unterwegs viele Möglichkeiten für Besichtigungen von Weingütern und -kellern.

Die kürzeste der drei Routen, die 23 Kilometer lange Rundfahrt Mitte, beginnt in Kaltern, direkt vor der Weinkellerei Kaltern. Von dort führt der Weg zu zwei idyllischen Badeseen, dem Grossen und dem Kleinen Montiggler See, die fast vollständig von Wald umschlossen sind. Als nächste Ortschaft erreicht man das historische Winzerdorf Girlan im Weinbaugebiet Eppan. Die Dorfbewohner behaupten, es sei unter der Erde um einiges grösser als oberhalb – so viele Kellereien besässen sie.

Am Gandberg liegt dann das Winzerdorf Oberplanitzing. Hier hatte das grösste Kloster der bayerischen Geschichte, das Kloster Tegernsee, seine Besitzungen. Die Benediktinermönche, die schon immer gut gegessen und getrunken hatten, kultivierten bereits im 8. Jahrhundert Reben und förderten so den Weinbau in der Region. 

Südtiroler Velotouren

In der wärmeren Jahreszeit eignet sich die Weinregion perfekt für eine Erkundungsreise mit dem Velo. Drei Velorouten führen durch die Region. Im Artikel ist die mittlere Route beschrieben. www.suedtirol.info

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Sonne an 300 Tagen pro Jahr

Auf dem Rückweg Richtung Kaltern schweift der Blick über die grüne mosaikartige Landschaft, die sich aus unzähligen Rebhängen und, direkt am See, aus Apfelplantagen zusammensetzt. Die Sonne scheint, was hier völlig normal ist: Statistisch gesehen tut sie das an 300 Tagen pro Jahr. Über dem Kalterer See thront die pittoreske Ruine der Leuchtenburg. 

Jetzt kommt es darauf an, ob die Lust auf Wein oder auf Wasser überwiegt: Den Weinliebhabern sei ein Abstecher ins Castel Sallegg empfohlen. Wer Abkühlung sucht, der fährt direkt zum Kalterer See. Obwohl dieser, anders als der Name erwarten liesse, eigentlich nicht besonders kalt ist: Da er im Schnitt nur vier Meter tief ist, lockt er bereits ab Mai Schwimmer an. Einen wärmeren Badesee findet man im Alpenraum nicht. Ein Abstecher lohnt sich auch der vielen Vögel wegen, die man vom Naturlehrpfad aus in der Schilflandschaft beobachten kann. 

Wer sich unterwegs in einer Kellerei eine Flasche Wein gekauft hat: Beim Picknick am See schmeckt sie bestimmt doppelt gut.

Weintipps

Wein & Rad: Die Velotouren mit anschliessender Verkostung in einem Weinkeller finden von Mai bis Oktober jeden zweiten Dienstag im Monat statt. 
www.suedtiroler-weinstrasse.it

Winesafari: Besuche in Kellereien und in einer Vinothek, eine Weinbergbegehung, ein Degustationsmenü – die Winesafari bietet in nur einem Tag einen guten Überblick über die Weinbauregion. www.suedtiroler-weinstrasse.it

Vinum Hotels: Unter dem Label Vinum Hotels findet man 30 Gastgeber, die entweder besondere Weinschätze lagern, Degustationen anbieten oder durch das eigene Weingut führen. 
www.vinumhotels.com

Weinakademie:
Das Angebot der Weinakademie reicht von Schnupperstunden für Anfänger bis zur Weiterbildung für Profis. 
www.weinakademie.it

Kellerei Nals Magreid
Quelle: Bruno Klomfar

Wein und Architektur: Südtirols Kellereien sind nicht nur für ihre Weine, sondern auch für ihre Architektur bekannt. Jeden zweiten Donnerstag im Monat findet eine Führung durch herausragende Kellereien statt. Lohnenswerte Ziele für alle, die auf eigene Faust die Weinarchitektur erkunden wollen, sind etwa die Kellereien Tramin, Nals Margreid (Bild), Meran und Bozen. 
www.suedtiroler-weinstrasse.it
www.suedtirol.info/architektur

Öffnungszeiten: Viele Kellereien sind am Samstagnachmittag und am Sonntag geschlossen. Infos: www.suedtiroler-weinstrasse.it 

Ausrüstung: In den Kellern ist es im Sommer um die 15 Grad kühl. Jacke nicht vergessen!