Diese Elf ist stark. Lieferte unsere Nati nur annähernd so gute Resultate, würden sich die Prognosen der UBS bewahrheiten und Köbi Kuhns Mannen Deutschland im Halbfinal aus dem EM-Turnier kicken. Doch bekanntlich liegt die Schweizer Grossbank mit ihren Vorhersagen hin und wieder gründlich daneben. Zudem hinkt der Vergleich ohnehin: Die Fussballer, von denen hier die Rede ist, sind erst acht Jahre alt, höchstens neun.

Einige dieser Knaben aber haben das Potential, später ganz oben in der Profiliga mitzutun und - wer weiss - uns den ersehnten «Chübel» heimzubringen, von dem nicht nur Sänger Baschi träumt. Im letzten Sommer wurden sie aus über 60 Knaben ausgewählt, jetzt sind sie die Fa-Junioren, die erste Mannschaft in der jüngsten Kategorie beim SC Kriens, und so gut, dass sie an den Meisterschaftsspielen auch mit älteren Teams (E-Junioren) mithalten können.
Montag, später Nachmittag. Training auf dem Kleinfeldareal des Fussballklubs mit der grössten Juniorenabteilung der Schweiz. Zurzeit spielen rund 520 lizenzierte Junioren in der Luzerner Vorortsgemeinde. Und es könnten sogar noch mehr sein: Jedes Jahr müssen sich Kinder auf die Warteliste setzen lassen oder werden an andere Vereine verwiesen. Doch auch dort ist der Platz knapp. Das zeigt der Blick in die Statistik des Schweizerischen Fussballverbands (SFV): Seit 2003 ist die Zahl der Junioren, die beim SFV gemeldet sind, um rund 14 Prozent auf 144'500 Kinder und Jugendliche gestiegen.

Der Grund für die Fussballbegeisterung liegt für Max Tobler, Juniorenobmann, Vorstandsmitglied des SC Kriens und zudem auch Trainier der Fa-Junioren, auf der Hand: «Es ist die Einfachheit.» Egal, ob auf Asphalt oder Rasen, tschutten könne man überall, da brauche es weder eine komplizierte Infrastruktur noch eine teure Ausrüstung. Für den Fussball spreche zudem, dass der finanzielle Aufwand für den Sport relativ gering sei, sagt der Sekundarlehrer, der den wohl wichtigsten Faktor für die Fussballverrücktheit nicht zu nennen vergisst: «Die aktuellen Spieler der Nationalmannschaft sind zu Sympathieträgern, ja zu Identifikationsfiguren geworden und haben einen grossen Anteil an der Euphorie.»

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Vorne von links: Marco Suter (Verteidigung und Mittelfeld), Linus Krummenacher (Verteidigung und zweiter Goalie), Dario Primus (Goalie), Nevio Inäbnit (Captain, Sturm links).
Hinten von links: Emanuell Sakica (Mittelfeld und Sturm), Remo Sagastume (Captain, Mittelfeld und Sturm links), Marco Troxler (Verteidigung rechts), Veldin Subasic (Verteidigung), Nico Ilic (Sturm rechts), Eyoel Demeke (Sturm rechts)

Fertig geplaudert, jetzt wird trainiert. «Aufstehen, jeder holt sich einen Ball», ordnet Tobler an, in einem Ton, der keine Widerrede duldet und nicht so recht zum väterlich wirkenden Trainer passen will. Die Jungs springen auf und kehren wenige Sekunden später aus dem Materialraum zurück. Motivationsprobleme kennen sie ganz offensichtlich nicht, zuweilen müssen sie jedoch mit altersbedingten Herausforderungen kämpfen. Toblers Trainerkollegin Christa Stergiannis hilft: «Emanuell, komm her, Schuhe binden.» Für viele Kinder sei es eine Art erstes Loslassen von zu Hause, wenn sie im Verein mitmachten, sagt Max Tobler und blickt auf seine Co-Trainerin, wie sie Emanuell die Schuhe bindet. Gerade auch deshalb sei es wichtig, dass sie zu zweit seien. «Im Gegensatz zu den älteren Spielern brauchen die F-Junioren viel mehr Betreuung. Bis zu einem gewissen Grad erziehen wir sie auch», sagt Sprachlehrerin Stergiannis, und Tobler ergänzt: «Ich bin wohl der Härtere von uns beiden. Und wenn ich dann mal ausflippe, fängt Christa die Jungs wieder auf.»

Die sind inzwischen längst auf dem Trainingsplatz, der um halb fünf bereits im Schatten des Hausbergs Pilatus liegt. Die bittere Kälte ignorierend, stellen sich die zehn wie geheissen auf. Zehn? Richtig, Lino Kersting steht etwas abseits. Er darf nicht springen, hüpfen, Bälle schiessen - gar nichts. Der bald Achtjährige hat nach einer Rauferei mit seinem Bruder eine Gehirnerschütterung. Etwas mürrisch beantwortet er stattdessen die Fragen der Journalistin. Ja, Profispieler würde er gerne werden. Bei welchem Klub, das muss Lino in seinem Barcelona-Leibchen mit der 10 (Ronaldinho) nicht erwähnen.

«Jetzt springt ihr mit dem Ball in der Hand von einem Bein auf das andere, immer schön ins richtige Feld, spielt dann den Ball dem Gegenüber zu, schön sauber, und nehmt ihn mit dem anderen Fuss wieder an, wenn er zurückkommt.» Max Tobler erklärt soeben die zweite Übung, bei der es vor allem um Koordination, Geschwindigkeit und Ballführung geht. Nevio, Remo, Marco - einer nach dem anderen beginnt, von einem Bein auf das andere zu springen. «Ja, gut so, noch etwas höher, jawohl.» Natürlich habe er mit den Jungs sportliche Ziele, die er erreichen wolle, sagt Trainer Tobler, während die Knaben mit Eifer weitermachen, dennoch räumt er ein: «Die Leistung steht nicht im Vordergrund. Die Freude am Spiel ist das Entscheidende.» Bei der nächsten Übung feilt er dann mit der einen Hälfte der Mannschaft am Stellungsspiel, während die Trainerin Christa Stergiannis mit den anderen Technik übt.

Immer wieder knallen die Spieler der U16-Mannschaft von nebenan Bälle ans Gitter, das die Trainingsbereiche trennt. Noch fehlt den Fa-Junioren die Kraft für solche Schüsse, noch ist alles etwas bescheidener. Sie trainieren zweimal die Woche, tragen zu siebt auf der Hälfte eines normalen Feldes ihre Spiele aus. Kleine Spielerpersönlichkeiten sind sie jetzt schon, selbst wenn einige von ihnen seit noch nicht mal einem Jahr regelmässig trainieren.

Der eine oder andere könnte es weit bringen, schätzt Stergiannis. Und wenn es sein muss, beantworten die Knaben - ganz Profis - auch Fragen der Presse, obwohl sie wohl lieber unter ihresgleichen diskutieren, wer Europameister wird. Ihresgleichen, das heisst mit echten Fans, die sich mit Fussball nicht erst beschäftigen, seit alle von der Euro 08 reden. Europameister wird nicht Tschechien, wie die UBS tippt, sondern Portugal, davon sind Dario und Nevio überzeugt. Lino glaubt, Deutschland werde siegen. Und was ist mit der Schweiz? Bei allem Fussballfieber bleiben die Jungs auf dem Boden der Tatsachen. Die Schweiz gehört für sie, wenn überhaupt, erst zum erweiterten Favoritenkreis.

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