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Nidal Fadlallah Abdulfatah Fadlalmula ist Mittelstürmerin der sudanesischen Frauen-Nationalmannschaft. Die 22-Jährige, die alle Hinda nennen, trägt ein ärmelloses, schwarz-rotes Shirt und weisse Shorts. Im Sudan würde die Muslimin schon für lange Hosen mit 40 Peitschenhieben bestraft; Frauen verhüllen sich dort mit dem «Tob», einer neun Meter langen Stoffbahn, die nur vom Gesicht ein wenig frei lässt. In Liechtenstein, wo sie mit 24 weiteren Sudanesen im Rahmen eines Projekts der Stiftung Scort zur Trainerin ausgebildet wird (siehe nachfolgende Box «Hintergrund»), darf Hinda sich kleiden, wie sie will.

Sie schmunzelt verlegen, als sich ein Paar am Nebentisch küsst. «Für Intimitäten geht man im Sudan in einen geschlossenen Raum, diese Offenheit erstaunt mich.»

Die Mittagssonne brennt, immer wieder wischt sich Hinda ihre kurz geschnittenen Zöpfe aus dem Gesicht. Sie riecht ein wenig verschwitzt, aber auch nach ihrem selbst hergestellten Parfüm, das an Räucherstäbchen erinnert.

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Ein Leben für den Fussball: Hinda trainiert mit ihren sudanesischen Kollegen in Triesenberg (FL).

Quelle: Nathalie Bissig

Im Sudan gilt Fussballspielen als unweiblich. Hinda verstösst gegen die Sittlichkeit, wenn sie knapp bekleidet oder gar in gemischten Gruppen Sport treibt. Tradition ist, dass Frauen heiraten, sobald sie im gebärfähigen Alter sind; anderseits werden die Universitäten im Land heute mehrheitlich von Studentinnen besucht. Bei ihrem Abschluss sind diese oft schon Ende 20 und damit weit über dem sudanesischen Heiratsalter. Selbstbewusst scheinen sie eine andere Rolle anzustreben, als ihnen die Gesellschaft zubilligen will.

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Ob Frauen studieren oder Sport treiben dürfen, hängt von der Toleranz des Familienoberhaupts ab. «Als Kind rannte ich lieber mit den Buben über das Fussballfeld, als mit den Mädchen herumzuhüpfen», sagt Hinda. Ihr Onkel, der für ihre Erziehung zuständig war, hatte dafür kein Verständnis. «Ich musste meine Leidenschaft heimlich ausüben.»

Quelle: Nathalie Bissig

Ungewohnt: Eine Frau dirigiert die Männer

Noch mehr musste sie für ihr Hobby kämpfen, als sie zur jungen Frau heranwuchs. «Die Jungs schämten sich, mit mir Fussball zu spielen.» Doch sie trainierte weiter, und es lohnte sich: Die Mitspieler erkannten ihr Talent, sie durfte wieder mitkicken.

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Neben dem Spielfeld verstummten die Kritiker nicht. «Mir mein Glaube, dir dein Glaube», entgegnete sie ihnen. Schliesslich sei der Koran Interpretationssache und verbiete Frauen und Mädchen nicht den Fussball. Sie erzählt mit leiser und sanfter Stimme, als hätte sie alle Widerstände locker gemeistert. Breitbeinig sitzt sie auf dem Stuhl, die Hände auf den Tisch gestützt. Auf ihrem schwarzen Gummiarmband sind weisse Totenköpfe abgebildet. «Das ist einfach stylish. Viele Frauen tragen das im Sudan.»

Quelle: Nathalie Bissig
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Zu Hause muss Hinda nach der Pfeife der Familie tanzen – auf dem Fussballplatz im liechtensteinischen Triesenberg gibt sie den Ton an. Sie leitet das Aufwärmen. «Ich lasse Hinda absichtlich dirigieren», sagt der 56-jährige Leverkusener Fussballcoach Peter Quast. Die Jungs sollen lernen, Befehle einer Frau zu befolgen. Hinda klatscht dreimal in die Hände, und schon hüpfen ihre Kollegen auf dem Rasen herum.

In Liechtenstein wird Hinda von den Männern als gleichwertig respektiert. «Wir haben alle das gleiche Ziel», sagt ihr Landsmann Peter Angui. Jeder von ihnen habe die Möglichkeit, sein Leben und die Zukunft vieler Kinder im Sudan zu verbessern. In der Heimat darf Hinda nicht gemeinsam mit den Männern trainieren. Umso mehr geniesst sie, dass es in diesem Projekt keine Geschlechtertrennung gibt. Sie soll in sudanesischen Flüchtlingslagern künftig Mädchen und Buben trainieren können. Im Vordergrund steht dabei die Integration. «Es macht mich traurig, diese Armut zu sehen», sagt Hinda. Sie weiss, was es heisst, auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. «Nun will ich anderen etwas zurückgeben und unbedingt helfen, wo ich kann.»

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Hinda ist in den Nuba-Bergen geboren. Ihre Mutter starb kurz nach der Geburt, ihr Vater ist spurlos verschwunden. Die Waise wurde über Jahre von Familie zu Familie gereicht. Alle Verwandten sollten einen Beitrag leisten. Hinda lebt noch heute in einem traditionellen Haus aus hellbraunem und rötlichem Lehm. Ein eigenes Zimmer hatte sie nie, aber immerhin ein Bett für sich alleine. Ihre Cousinen dagegen schlafen zu dritt auf einer Matratze. In der Hauptstadt Khartum, wo Hinda zu Hause ist, gibt es überall Sand und keine Bäume. Neidisch auf all den Luxus in der Schweiz ist sie nicht. «Ich bin dankbar für alles, was Allah mir schenkt.» Obwohl sie sich ein Leben hier gut vorstellen könnte, ist ihr der Sudan lieber: «Dort fühle ich mich zu Hause.»

In ihrer Heimat kickt Hinda mittlerweile in Turnschuhen auf einem gepflegten Rasen, das Feld ist professionell eingezeichnet, die Tore haben stabile Netze. Ihre ersten Bälle trat die Nationalspielerin auf sandigen Plätzen, wo man die Tore mit Steinen markieren und das Spielfeld von Geröll befreien musste. Hinda war gerade 19 geworden, als ein Funktionär des sudanesischen Fussballverbands in ihr Dorf kam. Ihm fiel ihr Talent auf. Er redete mit ihrem skeptischen Onkel und wirkte Wunder: «Plötzlich bemerkte er, wie gut ich eigentlich war.»

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Quelle: Nathalie Bissig

Fussballgeheimnisse im Tagebuch

Von da an gehörte Hinda zur sudanesischen Frauen-Nationalmannschaft. Auf dem einzigen Kunstrasen im Land begann sie dreimal in der Woche mit ihrer Mannschaft zu trainieren – im Fussballtrikot. Länderspiele hat sie aber bis heute keine bestritten, für Turniere fehlt das Geld.

Fussballcoach Peter Quast glaubt, dass Hinda eine Zukunft als Fussballerin hat. «Es würde mich nicht wundern, wenn sie Angebote von ausländischen Fussballklubs erhalten würde.» Hinda steht unter enormem Druck: Mittlerweile ist sie der Stolz der ganzen Verwandtschaft. Was, wenn es mit dem Fussball nicht klappt? «Leben kann ich vom Fussballspielen sowieso nicht.» Sie will die Schule abschliessen, sich einen Job suchen. Am liebsten einen, in dem sie Kriegsopfern und anderen bedürftigen Menschen helfen kann.

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Am Abend liegt Hinda auf ihrem Bett in der Jugendherberge Vaduz. Der Trainingstag war anstrengend. Ein Tagebuch aus hellbraunem Leder liegt offen auf ihrem Kopfkissen. «Ich schreibe über Fussball», sagt sie und lächelt verlegen. Was da wohl drinsteht? Vielleicht ihre Eindrücke vom Basler St.-Jakob-Park, den sie ein paar Tage zuvor besucht hat? «Ich habe noch nie ein so grosses Spielfeld gesehen. Es war überwältigend», sagt Hinda. Gerne würde sie selber eines Tages in grossen Stadien spielen. So wie ihr Vorbild, der Kameruner Samuel Etoo bei Inter Mailand. «Etoo spielt mit Herz», schwärmt Hinda. Und andere Männer? «Ja, ich möchte einmal heiraten und Kinder haben.» Das komme aber nur in Frage, wenn sie weiter Fussball spielen könne. Auch ihre Kinder sollen einmal Sport treiben dürfen. «Ein absolutes Muss.» Sonst bleibe sie lieber unverheiratet.

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Hintergrund

Drei Sudanesinnen und 22 Sudanesen zwischen 18 und 25 Jahren werden in fünf Trainingsmodulen im Sudan, in der Schweiz und in Liechtenstein zu Fussballtrainern für Sozialprojekte ausgebil­det. Gecoacht werden sie von Trainern des FC Basel, des FC Liverpool und von Bayer Leverkusen.

«Die künftigen Trainer sollen zunächst ungefähr 500 sudanesischen Kindern und Jugendlichen in Hilfsorganisatio­nen über den Fussball soziale Inhalte vermitteln», sagt Kristina Bohnstedt von der Stiftung Scort. Sie lernen, wie sie sozial und ethnisch gemischte Gruppen führen, Konflikte lösen und auf die Gesundheit der Kinder achten. Die unabhängige Stiftung Scort arbeitet mit dem sudanesischen Fussballverband, Hilfsorganisationen wie dem SOS Kinderdorf Khartum und dem Sudanesischen Roten Halbmond zusammen.