Gut möglich, dass sich Vladimir Peralta auch diese Nacht vorgestellt hat, wie sein Fallrückzieher im Netz zappelt. Wie die Stimmung im Stadion explodiert und er in Jubelpose zu den Fans rennt. In der Realität eines gewöhnlichen Freitagnachmittags ist der 16-Jährige zurückhaltend, er spricht nicht viel. Seinen Traum formuliert er im vertrauten Italienisch, schliesslich sind starke Gefühle mit im Spiel. Was treibt dich an, Vladi, alles auf die Karte Fussball zu setzen? «Dass ich einmal in ein grosses Stadion einlaufen kann und alle meinen Namen rufen.» So wie sie das bei Ronaldo tun, seinem Idol, dem er so ähnlich sieht.

Wenn Vladi Peralta morgens aufwacht, gehen seine Träume weiter: Sein Blick fällt unweigerlich auf das Emblem seines Lieblingsvereins Real Madrid, das unübersehbar über dem Bett hängt. Die Fahne hat der gebürtige Dominikaner aus Lugano mitgebracht, von wo er mit 13 auszog, um Fussballprofi zu werden. Dieser Berufswunsch wurde ihm als Kind quasi eingeimpft: «Seit ich am TV mein erstes Champions-League-Spiel gesehen habe, geht mir das nicht mehr aus dem Kopf.»

Konkret wurde das vage Gedankenspiel 2001, als Späher des Zürcher Grasshopper-Clubs auf den technisch versierten Stürmer aus dem Tessin aufmerksam wurden und ihm einen Platz in ihrer Nachwuchsschmiede anboten. Einen solchen Steilpass verschmäht kein Talent. Mit dem Segen der Eltern lebt Vladi seither mit zurzeit sechs weiteren 14- bis 16-jährigen Fussballlehrlingen im Internat von GC: Ein unscheinbares Einfamilienhaus in Fahrweid, irgendwo im Siedlungsbrei westlich von Zürich. Sieht so die Eintrittspforte zur glamourösen Fussballbühne aus?

Respekt und Toleranz sind Bedingung


«Wer hierher kommt, hat noch gar nichts geschafft», sagt Marco Otero, der im Trainerstab der Hoppers für den jüngsten Nachwuchs zuständig ist. «Hier fängt die Herausforderung erst richtig an.» Otero hat viele gesehen, die mit dem Ball, aus dem die Bubenträume sind, virtuos umgehen konnten, die aber trotzdem in keinem Sportteil je für Schlagzeilen sorgten. Zu viel kann dem Durchsetzungswillen in die Quere kommen, wenn aus Buben Männer werden oder das Heimweh stärker ist als das flüchtige Glück eines Volleyschusses ins Lattenkreuz.

Deshalb ist Marco Otero, einem Bären von einem Mann, die Bodenhaftung der hochfliegenden Talente das grösste Anliegen. Im Haus ist er, gemeinsam mit seiner Frau Rosa, Antreiber und Seelentröster zugleich. Er achtet darauf, dass soziale Werte wie Toleranz, Respekt und Hilfsbereitschaft hochgehalten werden. Wer dagegen verstösst, «hat hier nichts zu suchen – und im grossen Fussball gleichfalls nichts».

Extrawürste gibt es für keinen


Die «Jungs», wie Otero sie nennt, beschäftigen sich im schweizweit einzigen Fussballinternat denn auch nicht nur mit raffinierten Aussenristpässen und weitsichtigem Stellungsspiel. Ihr Tag ist straff durchstrukturiert: Vom frühen Morgen an pendeln die Jungkicker zwischen Schule und Trainingsplatz, dazwischen sind die hausinternen Ämtli zu erledigen wie Bettenmachen, Putzen, Waschen oder Kochen. Zweimal täglich wird gemeinsam am grossen Tisch im Aufenthaltsraum gegessen. Extrawürste gibt es keine, weder im Menüplan noch sonst.

Die Videosammlung verrät das Thema in der spärlichen Freizeit: Lehrfilme von italienischen Superstars wie Totti oder Vieri stehen dort, ebenso «Ho visto Maradona». Dann und wann schnappen sich die Jungs einen Ball, um draussen etwas zu kicken. «Vom Fussball kriegen sie nie genug», sagt Marco Otero. Und obwohl er dabei den Kopf schüttelt, merkt man, dass er dafür alles Verständnis der Welt hat.

Auch Leo Romero kann den Fuss nicht vom Ball lassen: kurzes Antippen, rauf auf den Rist des Fusses, hoch aufs Knie, wieder runter. Ganz beiläufig passiert das, während der 17-Jährige in seinem Zimmer in der elterlichen Hochhauswohnung am Stadtrand Zürichs von seinem fussballerischen Werdegang erzählt. Das Gleiche tun Wimpel, Pokale und Medaillen, die den engen Raum ausfüllen. Über dem Bett hängt kein Poster eines Popstars, sondern das, was wirklich wichtig ist: Fotos aus der Juniorenzeit beim Stammklub YF-Juventus. Von diesem Quartierverein folgte vor fünf Jahren der Wechsel zu den Ambitionierten von GC. Dieser Schritt machte aus der Neben- die Hauptsache: «Von da an wusste ich: Ich will alles daransetzen, Profifussballer zu werden.»

Wenn Leo das sagt, hat es nichts schwärmerisch Verklärtes an sich. So tönt auch ein gut geerdeter KV-Schüler, der seine Absicht kundtut, später mal auf einer Bank zu arbeiten. Leo Romeros Realitätssinn schlägt auch durch, wenn er über seine nächsten Karriereschritte spricht: möglichst bald den Sprung ins Profikader der Grasshoppers zu schaffen und sich dort zu etablieren. Und irgendwann vielleicht einmal ins Ausland, am liebsten nach Spanien. Zu Real? «Das ist nur ein Traum. Aber eigentlich denke ich nicht so weit in die Zukunft.» Was zählt, sind die Ziele der Gegenwart: «Ich will jeden Tag besser werden.» So etwas hört jeder Trainer gern.

Der schweizerisch-spanische Doppelbürger spielt im defensiven Mittelfeld, und seine Vorbilder sind Cracks auf dieser Position, von denen sich etwas abschauen lässt: Guardiola, Redondo, Xavi. Mit Ausnahme des Dienstags trainieren die GC-Junioren täglich, am Mittwoch und Donnerstag sogar zweimal. Dazu kommen an den Wochenenden die Spiele in der Meisterschaft sowie die Termine des U-17-Nationalteams, in dem Leo zum Stamm gehört. Ein Programm wie das eines Profis.

Doch während die Grössen der Branche ausgiebig regenerieren können, müssen die Lehrlinge daneben zur Schule: pro Woche gut 20 Lektionen. Leo Romero besucht wie Vladimir Peralta die United School of Sports in Dietikon. Die vor drei Jahren gegründete Privatschule richtet ihr Ausbildungsangebot ganz auf die Bedürfnisse von Sporttalenten aus – und nicht umgekehrt. Die Prioritäten sind gesetzt: «Für unsere Schüler ist der Sport klar die Nummer eins», sagt Schulleiter Tobias Rohner. Daran etwas ändern zu wollen käme dem ehemaligen Handballer aber nicht in den Sinn. Solange die Schule wenigstens an zweiter Stelle stehe, sei ein zentraler Gedanke aus dem United-Leitbild schon erfüllt: «Die Schule stellt eine Verbindung zwischen Realität und Träumen her.»

Leistungsbewusster als andere Schüler


Das Unterrichten empfindet Rohner als angenehm. Verglichen mit gewöhnlichen Schülern seien die Sportler offener, selbstständiger und leistungsbewusster. «Man merkt auch in der Schule, dass sie sich auf ein Ziel fokussieren können», sagt er. Das Schulziel heisst in jedem Fall, einen anerkannten Abschluss zu machen. Denn dass der Weg zum Spitzensport auch ins Offside führen kann, bekommen die Nachwuchsspieler bei jeder Gelegenheit zu hören. Marco Otero vom GC-Internat beispielsweise ruft seinen Jungspunden, wenn sie nach einem Kantersieg abzuheben drohen, jeweils folgende Erfahrung in Erinnerung: Ein Spieler pro Nachwuchsteam schafft effektiv den Durchbruch, bestenfalls zwei.

«Fussballer müssen Streber sein»


Den Willen dazu haben sie alle, die sich gegen Abend auf den Förrlibuck-Plätzen hinter dem Hardturm-Stadion im Zürcher Industriequartier eingefunden haben. Peraltas U-16-Team bereitet sich auf einen Meisterschaftsmatch vor, nebenan trainiert die U-18 von Romero. Die holprigen Plätze liegen an einem Unort, um Sport zu treiben: Der sechsspurige Autobahnzubringer bildet die Lärmkulisse, von der Grosstankstelle wehen Benzinschwaden herüber. Der Kontrast zum schönen Schein eines Vorzeigeanlasses wie der Euro 2004 in Portugal, dutzendfach in Hochglanzbroschüren angekündigt, könnte grösser nicht sein.

Im Innern des Stadions erklärt Markus Frei, der neue Ausbildungschef von GC, was der hoffnungsvolle Nachwuchs da draussen mitbringen muss, um den Zidanes, Nedveds oder Henrys einen Schritt näher zu kommen. «Talent ist gut und recht», sagt er, «aber entscheidend ist: Gelingt der Sprung weg von der schweizerischen Genügsamkeitsmentalität?» Laut Frei, der 2002 als Trainer Europameister mit dem Schweizer U-17-Team wurde, liegt das «goldene Lernalter» zwischen 12 und 15 Jahren. In dieser Phase müssten die Ausbildner beginnen, die Jungfussballer auf und neben dem Platz mit Widerständen zu konfrontieren, um sie dazu zu bringen, konsequent mehr zu leisten, als vermeintlich notwendig sei. «Wer es im Fussball zu etwas bringen will, muss ein Streber sein.»

Draussen üben die aufstrebenden Junioren konzentriert Freistossvarianten, feilen an der Schusstechnik, schulen im «Zwei gegen fünf» das Zweikampfverhalten. Auch einem weniger sachkundigen Beobachter fällt auf: Die können was, die Jungs. Wenn ihnen der Ball beim Stoppen verspringt oder der Pass ungenau gerät, steht ihnen der Ärger ins Gesicht geschrieben. Jene unter ihnen, die nachher wieder zurück ins Internat fahren, werden bei solchen Fehlern an das gerahmte Bild denken, das ihnen jeden Tag die Gebrauchsanweisung auf dem Weg nach oben mitgibt. Zu sehen ist ein Fussball, darunter der Text: «Ich bin deine erste Liebe und deine letzte Hoffnung. Beherrsche mich.»

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