Der ältere Herr betritt die Bauernstube und seufzt beglückt. «Endlich wieder einmal hier oben. Wie habe ich diese Stube vermisst.» Näselndes Baslerdeutsch. Zweifellos gehört der Mann zur kleinen, aber treuen Unterländer-Fangemeinde der Casa Fausta Capaul, einem Gourmet-Restaurant mit 14-Gault-Millau-Punkten im bündnerischen Brigels. Und zweifellos hat er recht. Denn was gibt es Schöneres für den nebel­geplagten Städter, als an einem kalten Wintermorgen in den Zug Richtung Graubünden zu steigen, um wenige Stunden später in eine sonnendurchflutete Stube zu schlüpfen?

Im «Fausta Capaul» wird einem warm ums Herz. Das liegt weniger an der Punkte-Küche als an der Bauernstube mit Specksteinofen und harten Holzbänken. Hier ist jeder willkommen, auch Wandersleute in Jeans und Bergschuhen. Auch die Familien mit Kleinkindern, die sich hier zu Kaffee und selbstgebackenem Kuchen treffen.

Kein Koch passt besser in diese rustikale Atmosphäre als Linus Arpagaus. Nach der Vorspeise – eine Kombination aus Blattsalat und lauwarmem Siedfleisch mit Trüffelölvinaigrette, bei deren Genuss vor Wonne die Augendeckel zufallen – kommt er zur Be­grüssung an den Tisch. Kerniger Naturbursche: Keine anderen zwei Worte würden den Koch besser beschreiben. Ebenso schnörkellos wie sein Wesen ist Arpagaus’ Küche. «Experimente mit waghalsigen Kombinationen sind nicht mein Ding», sagt er. Lieber lasse er die Produkte einfach sich selbst sein. Beim Gedanken an einen Rüebliflan schüttelt es ihn richtig. «Ein gedünstetes Rüebli schmeckt doch viel besser als ein verkochtes, mit Rahm und Eiern vermischtes.»

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Familiäre Atmosphäre: Wirtepaar Therese und Linus Arpagaus mit Giannina und Gino

Quelle: Gian-Marco Castelberg

Wenn das Leben plötzlich stimmt

Spätestens nach dem Kalbsfilettatar (eine für 48 Franken zu kleine Portion) und einem paradiesischen Stück Birnen-Streusel-Kuchen hört das Wünschen auf. Wenn das Leben plötzlich stimmt, wenn alles im Lot ist, ist das ein eigenartig schwebender Zustand. Genau richtig, um sich ins benachbarte ­Waltensburg aufzumachen. Der Spaziergang soll, laut Wandertafel, anderthalb Stunden dauern. Schwebend braucht man nur halb so lang. Der Weg führt über die «Senda Sursilvana», die Höhenroute zwischen Oberalppass und Chur, über Schneefelder, die in der grellen Bergsonne wie Spiegel leuchten. Die Augen weichen aus auf die wenigen dunklen Flecken in der Landschaft: windschiefe Ställe, Felsnasen, eine Gruppe immergrüner Fichten, Grasnarben.

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Dafür, dass Waltensburg so winzig ist (rund 400 Einwohner), nimmt es erstaunlich viel Raum in Anspruch. Wie eine Katze auf der Heizung streckt sich der Weiler auf einer leicht abschüssigen Sonnenterrasse aus, dösend, still, regungslos. 15 Minuten dauert der Fussmarsch von ganz oben, wo der Spaziergänger die Schneefelder verlässt, bis ganz unten, wo die mittelalterliche Kirche steht. Ende des 11. Jahrhunderts erbaut, Turm aus gemauertem Rohstein, zwiebelförmige Kuppelhaube – hübsch, aber nichts Besonderes. Wären da nicht die kostbaren hochgotischen Fresken des Waltensburger Meisters, die sich im Innern der Kirche über die gesamte Nordwand des Schiffs erstrecken.

Nach Höhenluft und Gourmet-Schmaus ein Stück Kulturgeschichte: die Fresken in der Waltensburger Kirche, geschaffen um 1330 von einem unbekannten Meister

Quelle: Gian-Marco Castelberg
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Niemand kennt Name und Herkunft des Meisters, der um 1330 ins Dorf kam mit dem Auftrag, die eben vergrösserte Kirche aus­zumalen. Er entschied sich für das Leiden Christi als Thema. Vom Abendmahl über die Gefangennahme, die Geisselung und die Dornenkrönung bis zum Moment, da sie den toten Körper zu Grab tragen. Was die Wandmalerei des Meisters so hervorragend mache, sei seine Gabe, sich mystisch in Christi Leiden zu versenken – jede kunsthistorische Abhandlung über ihn endet so oder so ähnlich. Tief muss der Künstler abgetaucht und versunken sein in die Qualen, davon zeugen die Gesichter, die Gesten der abgebildeten Menschen. Nicht stereotyp, sondern voller Emotionen. Etwa die vor Wut verzerrten Züge jener, die den an einen Pfahl gebundenen Jesus auspeitschen. Oder die Flammen, die anstelle von Haaren jenem aus dem Kopf wachsen, der Christus die Dornenkrone auf den Kopf drückt.

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Quelle: Gian-Marco Castelberg

Zurück in die Wirklichkeit

Noch ganz benommen von der Kraft der Fresken, tritt man hinaus, kehrt wieder zurück in die Wirklichkeit. Das Dorf wirkt jetzt noch stiller. Im Kopf vereint sich der Nachhall der Wandmalereien mit der Erinnerung an den paradiesischen Birnen-Streusel-Kuchen. Dabei kommt eine leichte Gelassenheit heraus, die auch dadurch nicht getrübt wird, dass in Waltensburg am Sonntag das Postauto nur morgens, mittags und abends fährt. Ein paar Stunden mehr Sonne.

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Pizochels Sursilvans von Linus Arpagaus

Rezept für vier Personen:

  • 220 Gramm Magerquark, zwei Eier, einen Deziliter Milch vermengen.
  • Mit Salz, Pfeffer und Muskat abschmecken.
  • 260 Gramm Mehl beigeben.
  • Alles zu einem geschmeidigen Teig verarbeiten.
  • Den Teig von einem Brett in schmalen Streifen in siedendes Wasser schaben.
    Die pochierten Pizochels schichtweise mit Reibkäse und Schnittlauch in einer Gratinform anrichten.
  • Zwei mittelgrosse Zwiebeln in Streifen schneiden und mit Butter in einer Bratpfanne goldgelb rösten. Mit Salz und Pfeffer abschmecken. Die gerösteten Zwiebeln über die Pizochels geben.
  • Dazu passen Kalbskoteletten, Kalbs­milken oder Rindsfilet.

Weitere Infos

Casa Fausta Capaul
Cadruvi 32
7165 Breil/Brigels
Telefon 081 941 13 58
www.faustacapaul.ch

Dienstag und Mittwoch geschlossen.

Für Zugreisende: von Chur Richtung Disentis, in Tavanasa-Breil/Brigels aussteigen, weiter mit dem Postauto ins Dorfzentrum von Brigels.

Die Kirche in Waltensburg ist täglich zwischen 9 Uhr und 17 Uhr geöffnet. Jeden Dienstag um 14 Uhr Führung.

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