Die beiden Zürcher Damen ereifern sich in ihrem Zugabteil über den «Schandfleck». «Dass si das nöd öppe abriissed!», nörgelt die eine, während der Zug gemächlich in den Berner Bahnhof schaukelt. Rotschwarze Transparente lösen bei der Bourgeoisie Unbehagen aus. «Gäll?!», erwidert die andere. «Aber ebe ...»

Aber eben. Man kann sie mögen oder nicht, die Reithalle – sie gehört zu Bern, wie Münster und Bundeshaus. «Reitschule, nicht -halle», sagt Thomas Laube. Reithalle sagen nur die draussen. Die sich hier engagieren, bezeichnen sich als Reitschüler und Reitschülerinnen. «Schliesslich ist das eine Art Lebensschule.» Töml lächelt. Der 47-Jährige ist Koch im «Sous Le Pont».

Tatsächlich unterscheidet sich der Reitschulknigge kaum vom Leitbild einer Volksschule: Keine Diskriminierung aufgrund von Herkunft, Geschlecht oder sexueller Orientierung – verlangt wird einzig ein respektvoller Umgang mit Reitschule und Mitmenschen. Nichts also, wozu sich nicht auch ein gemässigter Bürgerlicher bekennen könnte. Leider hat die Reitschule bei denen aber einen viel zu schlechten Ruf.

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Wer sich ins Innere des Gemäuers wagt, findet neben einem lichten Innenhof, Theater, Bar, Kino und Konzertsaal eben auch ein hübsches Beizli – das «Sous Le Pont». Der nahe Eisenbahnviadukt lässt grüssen.

«Hier waren die Stallungen», sagt Töml. «Als wir die alten Farbschichten ablaugten, roch es auf einmal wieder nach Pferdemist.» Eine hüfthohe Brüstung mit schmiedeisernem Geländer schliesst an eine kleine Bühne. Auf dieser finden regelmässig Lesungen und Konzerte statt. Töml arbeitet seit zwölf Jahren hier. Eigentlich ist er gelernter Musiker; aber irgendwie habe das nie richtig funktioniert. So liess er sich im «Sous Le Pont» zum Koch anlernen.

Zwischen Rentabilität und Prinzipientreue

An den Tischen stehen unterschiedlichste Stühle, die ihre Vorleben in Landgasthöfen, Kasernen, vielleicht gar bürgerlichen Stuben zugebracht haben. Insgesamt finden rund 100 Gäste Platz. «Mittags verkaufen wir so um die 30 Menüs – aber es schwankt sehr von Mal zu Mal», sagt Sara Steiner. Die 22-Jährige arbeitet seit zwei Jahren hier im Service und tanzt routiniert zwischen Tischen und Gästen durch. «Ich bin in einer Genossenschaftskneipe aufgewachsen – ein Beizenkind.» Neben dem Job absolviert sie eine Berufsmatur für Erwachsene.

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Töml und Sara sind Mitglieder eines 15-köpfigen Kollektivs, welches das «Sous Le Pont» betreibt. Chef gibt es keinen: Die Reitschule ist eine Basisdemokratie; auch Kino, Theater und Konzertsaal werden von solchen Gruppen geführt. Im täglichen Betrieb ist von den Mitgliedern vor allem Mitdenken gefragt: Bestellungen machen, Arbeits- und Menüpläne schreiben. Etwas Hierarchie würde das Ganze sicher vereinfachen. «Es ist trotzdem schön zu sehen, dass es auch anders geht», sagt Sara. Und wenns einmal nicht ganz klappt, rennt halt jemand in die Migros und kauft Salat.

Normal kommt das Gemüse aber aus dem Gemüseladen im Lorrainequartier; das Fleisch bringt Metzger Iseli von ennet der Aare – «nicht mehr ‹bio› zwar, das war einfach zu teuer», sagt Sara. «Aber immerhin Schweizer Fleisch.» Das Kollektiv stellt viele Ansprüche an sich. Bezahlbares Essen etwa. Das Menü mit Fleisch kostet am Mittag um die 16, abends 19 Franken; das «Gassenmenü für Leute mit wenig Kohle» – ein sättigendes Mahl mit Reis oder Teigwaren und Gemüse – gibt es schon für acht Franken. Letztlich muss sich auch das «Sous Le Pont» selbst tragen – ein steter Spagat zwischen Rentabilität und Prinzipientreue.

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«Wir kaufen nichts von Multis wie Nestlé oder Kraft», sagt Sara. Was im «Sous Le Pont» auf den Teller kommt, ist entweder regional, fair produziert oder beides. Das Bier ist aus Einsiedeln und der Sirup vom Berner Sirupier, der mit Kreationen wie Rosenblüten, Alpenkräuter oder Zimt aufwartet. Es gibt Fair-Trade-Kaffee, der von nicht ausgebeuteten Bauern angebaut wird, und eine Alternative zur «Imperialistenbrause»: Premium Cola, «von einem Hamburger Kollektiv». Zugleich fair produziert und regional ist das Putzzeug: Es wird in der Blindenwerkstätte Bern gefertigt.

Dass bei so viel Idealismus auch noch gut und abwechslungsreich gekocht wird, ist nicht selbstverständlich, aber Tatsache. Das Kollektiv kocht zusätzlich noch täglich vegetarisch, vegan und ein Fleischmenü. Mittwochs gibt es zudem Spezialitäten aus irgendeinem Winkel der Welt. Der letzte Mittwoch im Monat ist jeweils einer Schweizer Region gewidmet: «Letztes Mal war es Glarus – irgendetwas mit viel Ziger.»

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Obwohl die meisten Kollektivmitglieder Laien sind, ist das «Sous Le Pont» ein professioneller Betrieb. Bei Veranstaltungen in der Reitschule übernimmt es die Funktion einer Kantine. Ein Mitglied stellt das Wirtepatent. «Wir werden auch das Rauchverbot umsetzen», sagt Sara und drückt ihre Zigi aus. Das dürfte zwar einen Aufschrei geben – «aber schon ein paar Monate später wird sich niemand mehr daran erinnern, dass es je anders gewesen ist».

Rezept: Seitan-Pilzragout

1 kg Mehl, 1 TL Provençale-Mischung, 6 dl Wasserkneten, mit warmem Wasser bedecken, 1 Stunde stehen lassen.
1 kleine Dose Tomatenmark, 4 EL Sojasauce, 6 gehackte Knoblauchzehen,
2 geschnittene Zwiebeln
andünsten
2 l Gemüsebouillonablöschen und zum Kochen bringen
Seitanteigwaschen, bis das Wasser klar und der Teig kaugummiartig wird. Dann wie Spätzli in die Marinade schneiden und gut 30 Minuten kochen.
300 g gemischte Pilzeklein schneiden und mit Zwiebel und Knoblauch in Öl anschwitzen.
Abgetropftes Seitan dazugeben und mit Kräutern, Salz und Pfeffer würzen. Ragout mit Nüsslisalat anrichten.
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