BeobachterNatur: Herr Schneider, was macht den Reiz alter Wege aus?
Hanspeter Schneider: Alte Kulturwege sind untrennbar mit der Geschichte einer Region, mit ihrer Landschaft, mit den Menschen, die dort leben, verbunden. Indem wir sie wiederbeleben, tragen wir zur Erhaltung unserer kulturellen Identität bei.

BeobachterNatur: Warum sollen wir uns langsam durch die Landschaft bewegen?
Schneider: Wer auf der Autobahn durch die Gegend braust, bekommt kaum etwas vom ­Charakter einer Landschaft mit. Dabei ist die Schweiz voller Kulturschätze, die am Wegrand liegen, entlang alter Handelsrouten, Saumpfade oder Pilgerwege. Wir wollen diese Kulturgüter – Kapellen, Herbergen, Markthallen, Susten und ­Zollhäuser – miteinander verbinden, um die historischen Zusammenhänge wieder aufzuzeigen.

BeobachterNatur: Beim Jakobsweg ist das gelungen. Hunderttausende pilgern jährlich nach Santiago de Compostela, Weitwandern ist zu einer Massenbewegung geworden.
Schneider: Die Via Jacobi hat uns viele Türen geöffnet. Als wir vor 30 Jahren anfingen, uns systematisch mit historischen Verkehrswegen zu beschäftigen, interessierte sich kaum jemand dafür. Dann hat der Europarat den Jakobsweg wiederentdeckt; heute gehört der Pilgerweg zum Weltkulturerbe.

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BeobachterNatur: Wie erklären Sie sich diese Renaissance des Wanderns?
Schneider: Weitwandern hat mit Sehnsüchten, mit Sinnsuche, Selbsterfahrung und dem Wunsch nach Entschleunigung zu tun. Dazu kommt der ökologische Aspekt: Der Langsamverkehr – unter anderem die Fortbewegung zu Fuss oder mit dem Rad – trägt dazu bei, die Umwelt zu entlasten. Aufgrund seiner Nachhaltigkeit passt das Thema Kulturwege perfekt in unsere Zeit.

BeobachterNatur: Sie haben die historischen Verkehrswege der Schweiz im Auftrag des Bundes inventarisiert. Auf welche Quellen konnten Sie sich stützen?
Schneider: Wir haben 1981 mit der Wegforschung bei null angefangen. Die historischen Quellen – alte Schriften, Abbildungen, Karten und Pläne – waren oft ungenau. Wir ­haben sie im Gelände den tatsächlichen Befunden gegenübergestellt und traditionelle Wegstücke im Massstab 1:25 000 kartiert. Mittlerweile sind die Daten ­digitalisiert. Die Schweiz ist bisher das einzige Land weltweit, das über ein solches Inventar verfügt.

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BeobachterNatur: Sie haben Pionierarbeit geleistet. Und jetzt vermarkten Sie dieses Wissen ­zusammen mit Schweiz Tourismus. Wieso?
Schneider: Es wäre schade, wenn aus dieser jahrzehntelangen Forschungsarbeit nichts Konkretes hervorginge. Ich habe nichts gegen eine touristische Nutzung – solange sie nachhaltig ist.

BeobachterNatur: Sind Autofahrer auf den Kulturwegen nicht erwünscht?
Schneider: Natürlich kann man die Kulturdenkmäler punktuell und individuell besuchen. Wir haben nichts dagegen, wenn man mit dem Auto hinfährt, um sich eine Schlucht oder eine Brücke anzusehen. Doch der Langsamverkehr liegt unserem Projekt näher.

BeobachterNatur: Kann die Schweiz denn mit exotischen ­Ferienzielen mithalten?
Schneider: Natürlich! Die Schweiz hat kulturell und landschaftlich enorm viel zu bieten. Warum muss es ein Lama-Trekking in den Anden sein? Mit Saumtieren auf der Via Sbrinz unterwegs zu sein ist auch attraktiv. Kommt hinzu, dass wir uns künftig gar nicht mehr leisten können, mehrmals im Jahr Ferien auf einem anderen Kontinent zu machen. Die Energiediskussion, die erst angelaufen ist, wird diese Entwicklung verstärken.

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Hanspeter Schneider auf dem Jakobsweg bei Burgdorf BE. Er hat das Zentrum für Verkehrsgeschichte aufgebaut und von 1984 bis 2003 das Bundesinventar der historischen Verkehrswege der Schweiz (IVS) erarbeitet.

Quelle: Yoshiko Kusano

Die Via Storia im Überblick

Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrössern (PDF, 1,95 mb; je nach Browsereinstellung wird das PDF in einem neuen Fenster angezeigt oder heruntergeladen).

Quelle: Urs Flüeler, Keystone
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