Wenn man ihn endlich zu fassen bekommt, im übertragenen Sinn natürlich, also wenn er sich endlich an den Tisch setzt, statt draussen durch den Garten zu sprinten, muss man schon etwas bieten. Sonst ist er wieder weg. Fragen reichen da nicht. Erzähl mal, wie läuft so ein Start ab? «Hab ich vergessen.» Wie lenkst du den Schlitten? «Mir ist langweilig!» Hundeschlittenrennen sind für Andrin das Normalste auf der Welt. Nicht der Rede wert.

Der Vater sagt: «Er hat die Liebe zu den Huskys mit der Muttermilch aufgesogen.» Familie Luginbühl, das sind Vater Martin, Mutter Esther, Sohn Andrin – und die Hunde. Schon immer. Willst du später mal ein berühmter Schlittenrennfahrer werden? «Nein, Gärtner. In der Erde wühlen.»

Von Skijöring-Fieber gepackt

So wird das nichts. Also übernimmt die Mutter fürs Erste das Erzählen. «Schuld an allem ist eigentlich mein Mann.» Er, der von Huskys spricht, als wären es Menschen. Seelenverwandte. Der sich kaum mehr erinnern kann, wann er mit Skijöring anfing, dieser Sportart, bei der man sich mit angeschnallten Langlaufskiern an einer Leine vom Hund über den Schnee ziehen lässt. So lang ist das schon her. Skijöring, ein Rennsport. Für Familie Luginbühl eine Art Fieber. Die Mutter sagt: «Der Virus hat uns befallen.»

An den Winterwochenenden reisen sie von Rennen zu Rennen, zum Beispiel nach Lenzerheide-Valbella, Splügen oder Kandersteg. Dann tauschen sie das Einfamilienhaus in Wetzikon ZH mit dem Wohnwagen. Und leben Seite an Seite mit all den anderen, die dieselbe fiebrige Begeisterung in sich spüren. Am Samstagabend trifft man sich am Lagerfeuer, über dem eine Suppe oder Risotto kocht. «Es sind immer dieselben, man kennt sich, man fühlt sich wie eine grosse Familie.» Man isst gemeinsam, blickt in den Sternenhimmel. Die Kinder toben im Schnee, die Hunde heulen den Mond an. Dann der Sonntag, der Renntag: Die Hunde sind vor Aufregung kaum mehr zu halten. Früh am Morgen starten die Väter auf Langlaufskiern, mit Schleppleinen an die Huskys geschnallt. Mittags, wenn der Schnee schon weicher ist, findet das Kinderrennen auf den Schlitten statt.

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«Wir haben Andrin nie gedrängt», erzählt der Vater. Mit drei habe er noch Angst gehabt. Mit vier ist alles anders. Andrin, der Nimmersatt. Kein Kinderrennen, das er auslässt. Freunde aus der Szene, die immer mit einem ganzen Rudel anreisen, überlassen dem Jungen für die Rennen jeweils zwei Huskys. Die ältesten und erfahrensten. Beim Start gehen sie trotzdem ab wie Raketen.

«Ich hab mich ja inzwischen an alles gewöhnt», sagt die Mutter. «Aber beim Start krieg ich immer noch Bammel.» Sie hält die Hunde fest, bis zum Startschuss. Der Junge steht hinten auf den Schlittenkufen. Das Schlusslicht bildet der Vater, der sich zur Sicherheit auf den Langlaufskiern mitziehen lässt. Die Kinder starten gestaffelt, im Zwei-Minuten-Takt. Wenn der Schuss fällt, schreit Andrin ein paarmal «Go!», wie die Grossen.

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Plüschtiere als Trophäensammlung

Die Rolle des Helden gefällt ihm irgendwie. Jedenfalls beginnt Andrin zu reden, nicht viel. Die Sätze kommen eher tröpfchenweise. Aber der Enthusiasmus, der sie begleitet, könnte Dämme brechen. Das Schönste am Rennen sei der Schnee, der einem ins Gesicht spritze. Keine Angst vor dem halsbrecherischen Tempo? «Ich mag es, wenn mir die Luft um die Ohren wirbelt.» Und wie lenkst du? Der Junge zuckt mit den Schultern. Die Hunde wüssten, wo durch, hilft der Vater und fragt: «Weisst du noch, als wir in die Schneewehe geflogen sind?» Andrin quietscht vor Vergnügen. Jedenfalls ist er keines dieser Kinder, die einem ehrgeizigen Traum der Eltern zum Durchbruch verhelfen müssen. Der Blondschopf funktioniert nach dem Lust- und Spassprinzip.

Schon mal gewonnen? Gewinnen, was ist das? – so einen Blick setzt der Junge auf. Vater und Mutter schütteln den Kopf. Noch nie. Aber jedes Kind, das an einem Rennen teilnimmt, bekommt einen Husky aus Plüsch. Andrin rennt los – und fünf Minuten später starren einen mindestens ein halbes Dutzend Knopfaugenpaare an, eisblau, wie bei den echten, lebendigen Exemplaren.

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Wie ein kleiner König in der Kutsche

«Ich mag nicht mehr reden. Gehen wir endlich!» Andrin hat sich schon den Helm aufgesetzt. Draussen vor dem Haus steht Tahira, das Husky-Weibchen, eingeschirrt in eine komplizierte Konstruktion mit Wägelchen – der erste Schnee lässt noch auf sich warten. Daneben steht Martin Luginbühl in Joggingmontur. Andrin kniet sich auf den Wagen, Hund und Vater traben los, Mutter und Besuch im Eilschritt hinterher.

Einmal eine Showrunde durch die Wohnquartiere von Wetzikon, und dann, mit mehr Tempo, unter den Buchen am Dorfbach entlang. Die Bewohner sind sich das Schauspiel gewohnt, sie winken aus den Fenstern und über Gartenzäune hinweg. Mindestens zweimal in der Woche ist Familie Luginbühl so unterwegs. Schliesslich muss man sich im Herbst für den Winter fit machen. Nur die Nachbarskinder stehen staunend am Strassenrand, als wäre es das erste Mal, dass Andrin wie ein kleiner König in seiner Kutsche an ihnen vorbeizieht.

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Die Hündin Tahira, ganz Profi, lässt sich nicht ablenken von den Dackeln und Pudeln, die von älteren Damen in Windjacken den Uferweg hoch und runter spazieren geführt werden. Andrin ruft «Go!» und «Allez!», und alles bleibt stehen, tritt zur Seite. «Andrin, halt dich fest!», ruft die Mutter hinterher. Bald ist in der Ferne nur noch ein kleiner Punkt zu sehen. Die älteren Damen klatschen in die Hände, wie junge Mädchen, und sind entzückt: «Jööö!»