Die Luftseilbahn schwankt, als sie in die Bergstation Engstligenalp schwebt. Wintersportler steigen aus, Ausflügler und auch die Gruppe, die sich vorgenommen hat, das Lebensgefühl der Eskimos zu erkunden: Corinne mit ihrem Sohn Joël, Jacqueline mit ihrem Patenkind Basil - und Beatrice, deren Lebenspartner Bruno die Gruppe unterweisen wird. Hier, auf fast 2000 Metern über Meer, mitten im Winter, wollen sie heute trotz Minustemperaturen im Freien übernachten - im selbst gebauten Iglu.

Auf der Engstligenalp ob Adelboden scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Ein Schlepplift aus der touristischen Frühzeit zieht Skifahrer über die Ebene. Der Schneetöff, der von Zeit zu Zeit vorbeiknattert, will nicht recht ins Bild passen. Aber die beschauliche Ruhe vermag er nicht zu stören. Im Bergrestaurant stehen auf den resopalfurnierten Tischen Maggi und Aromat bereit.

Ein paar hundert Meter weiter ragen an ­einem sanft ansteigenden Hang wie überdimensionierte Maulwurfhaufen die Bauten des letzten Kurses aus dem Schnee. Aus der Distanz sehen die halb verfallenen Iglus am Fuss des 2'735 Meter hohen Tschingellochtighorns aus wie Ruinen. Das wird der Schlafplatz der Gruppe sein. Bis zum Abend sollen die Kursteilnehmer die alten Iglus wieder in Form gebracht und daneben ein neues gebaut haben.

Bruno, der Kursleiter von der Alpinschule Bergfalke, entspricht mit seiner zupackenden Art, den hellen Augen und der braungebrannten Haut dem Klischee des Berglers. Dabei sind ihm die Strassen Europas fast ebenso vertraut wie jene des Berner Oberlands. Als Chauffeur steuerte er einen Sattelschlepper quer durch den Kontinent. Er hat Waschmaschinen nach Gibraltar geliefert, Früchte aus Italien heraufgebracht und Schrauben nach Rumänien gekarrt. Sechs Jahre lang. Dann hatte er genug vom Dauerstress auf der Strasse: «Es ist sagenhaft, wie verantwortungslos sich manche Fahrzeugführer verhalten.» Mit der Strasse ist Schluss. Als Bergführer übt Bruno jetzt seinen Traumberuf aus.

«Feiern wir das jetzt?»
Die Tage sind kurz, die Zeit will genutzt werden an diesem FebruarVormittag. Mit dem Skistock zeichnet Bruno einen Kreis von rund drei Metern Durchmesser in den Schnee: der Grundriss des Schneehauses. Dann zeigt er auf eine Stelle am Rand des Kreises: «Hier müssen wir einen Graben schaufeln, etwa einen halben Meter breit und mehrere Meter lang.» Basil ist voller Vertrauen in Brunos schneebauerische Fähigkeiten: «Das wird schon recht kommen», sagt der Junge und greift entschlossen zur Schaufel.

Unter der dünnen Schicht Pulverschnee wird es bald hart - Bruno hat den Pistendienst gebeten, am Vorabend mit dem Ratrac die Schneedecke zu verdichten. Aus festem Schnee lassen sich die nötigen Ziegel besser herausschneiden.

«Die Sägen sind messerscharf», hatte Bruno vor Arbeitsbeginn gewarnt. Der Eindruck bei der Anwendung ist jetzt aber ein ganz anderer. Es mag merkwürdig klingen, aber Schnee sägen ist richtig anstrengende Arbeit. Vor allem die tieferen Schichten bieten dem Sägeblatt ernst zu nehmenden Widerstand. Am Rand des Grabens scheint Corinne mit leichteren, dafür schnelleren Schnitten eine weniger anstrengende Technik gefunden zu haben. Als drei Klötze bereitstehen, fragt Jacqueline frohgemut: «Feiern wir das jetzt?» 15 Ziegel brauche es für eine Reihe, ein Iglu bestehe aus vier Reihen, informiert Bruno. «Jesses Maria!», entfährt es Jacqueline.

Der Wettergott meint es gut mit den Iglubauern, die Sonne steht hoch und wärmt. Nach und nach werden Goretex-Jacken und Fleece-Pullover abgelegt, die Igluwand wächst Klotz um Klotz. Schon bald verschwinden Joël und ­Basil gänzlich im geschaufelten Graben. Die munteren Sprüche werden seltener mit jedem zusätzlichen Schweisstropfen, der sich auf der Stirn bildet. Schliesslich sind das Knirschen des Schnees und das Schnaufen und Ächzen des wackeren Bautrupps die einzigen Geräusche in der Winterlandschaft.

Nachmittags um zwei, früher als geplant, wird die letzte Reihe des Iglus in Angriff genommen. Sie ist die schwierigste. Die Schneesteine müssen nun stark überhängend platziert werden. Langsam und mit grosser Vorsicht legt Bruno den letzten Stein, brummelt beschwörend, «jetzt kommts gut». Es kommt aber nicht gut: die ganze letzte Reihe gerät ins Wanken, und nur die schnelle Reaktion von Jacqueline und Beatrice verhindert, dass der kunstvolle Schneebau ­zusammenkracht. Der zweite Anlauf ist von Erfolg gekrönt. Nach rund fünf Stunden Bauzeit steht es - nicht eben einladend, aber fertig: das Eskimohaus.

Anzeige

Angst vor nächtlichem Harndrang
Abends beim Essen im Bergrestaurant ist die kommende Nacht das grosse Thema. Man fürchtet die Folgen der körperlichen Verdauungsvorgänge. Niemand will sich nächtens aus dem Schlafsack pellen und leise zitternd in den kalten Weiten der nächtlichen Engstligenalp sein Geschäft verrichten müssen. «Trinkt nach halb neun Uhr nichts mehr und geht oft aufs Klo», empfiehlt Anita Rossel. Rossel ist Organisatorin der Alpinschule. Sie ist am Abend zur Gruppe gestossen und weiss viel zu erzählen, Anekdoten aus früheren Iglukursen. Etwa jene von einer Lehrlingsgruppe, der jeglicher Teamgeist fehlte. «Als es dämmerte, hatten sich die Lehrlinge noch nicht geeinigt, wer welche Arbeiten übernehmen sollte. Die Übernachtung im Iglu fiel ins Wasser, übernachtet wurde im Notbiwak», sagt Rossel. In einer anderen Episode spielt Anuk, Rossels Schäferhund, eine zentrale Rolle. Zwei Kursteilnehmer hatten abends dem Alkohol zu stark zugesprochen. Sie sassen sturzbetrunken im Freien - und genau da wollten sie auch bleiben: Die besten Voraussetzungen für einen Erfrierungstod. Als Rossel die beiden aufforderte, ins Iglu zu gehen, wurden sie aggressiv. «Anuk konnte die Situation dann klären», sagt Rossel schmunzelnd.

Anzeige

Ein solider Schluck Pflümli, dann schlafen
Als in der wohlbeheizten, hellen, trockenen und mit einem Mal urgemütlich wirkenden Stube des Bergrestaurants das letzte Geschirr abgeräumt ist, gilt es ernst: Irgendwo draussen wartet die kalte Schlafstätte. «Bitte beim Rüber­laufen die nassen Socken anbehalten und erst im Iglu die trockenen anziehen», beginnt Rossel ­ihre Instruktionen für die Nacht. So blieben die Füsse warm. Verspüre jemand das Bedürfnis, zur Toilette zu gehen, müsse unbedingt der Iglukollege geweckt werden. «Er muss wach bleiben, bis der andere zurückkehrt», sagt Rossel.

Etwas aufgekratzt macht sich der kleine Trupp auf den Weg in die Schneehöhlen. Draussen ist es stockdunkel, zum Glück geht kein Wind. Im Iglu angekommen, befördert ein solider Schluck Pflümli Fotograf und Journalist zuverlässig in Hypnos Arme. Der Schlaf auf der Schneematratze ist tief, gesund und endet erst, als es dämmert. Vor Sonnenaufgang wirkt die Engstligenalp verlassen, als habe nie ein Mensch sie betreten. Kein Laut ist zu hören, der Schnee schluckt jedes Geräusch. In die bewundernden Blicke für die Landschaft mischt sich das Erstaunen, hier draussen übernachtet zu haben, mitten im Schnee.

Auch im Nachbariglu ist man wach geworden. Basil und Joël spielen im Schnee, drinnen ist Jacqueline daran, die Schlafsäcke zusammenzurollen und die Rucksäcke zu packen. Im Familieniglu ist die Nacht etwas turbulenter verlaufen. Corinne zügelte in der Dunkelheit ins Berghaus. Der Platz in den Iglus ist beschränkt. «Ich spürte auf einmal so ein Gefühl der Enge», sagt sie. Auch Jacqueline hat kaum ein Auge ­zugetan, weil Basil sehr unruhig geschlafen hat. «Mir war etwas kalt», sagt er.

Langsam erwachen bei einer warmen Ovomaltine in der Stube des Bergrestaurants die Lebensgeister wieder. Die wärmende Morgensonne verscheucht bei einem Spaziergang die letzten Erinnerungen an die kalte Nacht. Als sich die Kabine der Engstligenalpbahn mit einem Ruck von der Bergstation löst, steht den Abenteurern der Stolz ins Gesicht geschrieben.

Anzeige

Weitere Infos
www.bergfalke.ch