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IslandSchönes Spektakel – auch im Winter

Die Landschaften Islands gehören zu den eindrücklichsten der Welt. Im Winter ist das Land der Geysire, Vulkane und Wasserfälle noch ein Geheimtipp.

Beim gewaltigen Godafoss-Wasserfall rauschen die Wassermassen zwölf Meter hohe Felsen hinunter.
von aktualisiert am 30. August 2018

Die Natur verwandelt sich über Nacht in eine Furie. Andri Olafsson muss raus, in den Schneesturm. Der Polizist kneift die Augen zu, in seinem Bart bleiben die Schneeflocken hängen, die ihm der Wind horizontal ins Gesicht peitscht. Im Hafen ist eine Leiche angetrieben worden. Die Bewohner des Fischerdorfs, aber auch die Reisenden auf der Fähre, die soeben angelegt hat, und der Dorfpolizist sind wegen des Sturms von der Welt abgeschnitten. Sie sind gefangen. Und wissen, dass unter ihnen ein Mörder ist.

Die extreme Natur spielt in der Erfolgsserie «Trapped – Gefangen in Island», die Anfang Jahr auch im Schweizer Fernsehen zu sehen war, eine Hauptrolle. Sie zeigt den Menschen ihre Grenzen auf, treibt die Handlung voran und prägt nicht zuletzt die coole Ästhetik. Aber stimmt das Bild von Island, das wir da vermittelt bekommen, tatsächlich? Ist die Insel im Nordatlantik im Winter ein garstiges Land, um das man besser einen grossen Bogen macht?

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Die Krimiinsel

Wir sind nach Island gereist, um Antworten zu finden. An einem sonnenhellen Tag im März stehen wir im Naturschutzgebiet Mývatn im Norden Islands und ziehen die Jacken aus. Warm ist es! Okay, wir sind auch fast eine Stunde lang mit den Schneeschuhen gewandert. Zum Leirhnjúkur-Vulkan, der zum Vulkansystem Krafla gehört.

Ragnar – auf Nachnamen kann getrost verzichtet werden, in Island ist sogar das Telefonbuch nach Vornamen geordnet – testet den Schnee mit dem Skistock. «Wir müssen aufpassen», sagt er. «Das heisse Wasser, das unter dem Schnee hindurchfliesst, erwärmt die Schneedecke und macht sie brüchig.» Aus dem Schnee ragen dunkle Felsbrocken, von Eisen und Schwefel rot und gelb gefärbt. Aus der Erde dampft es.

Leirhnjúkur: Gut zum Fotografieren, schlecht zum Baden

Der Krater des Leirhnjúkur
Das heisse Wasser im Leirhnjúkur-Vulkankrater dampft wie in einem Kochtopf.
Quelle: Gabi Vogt

Der Vulkan ist 1984 zum letzten Mal ausgebrochen, aber die Lava wirkt, als sei sie eben erst zum Stehen gekommen. Sie ist immer noch warm, Gase entströmen. Die letzten hundert Meter gehen wir ohne Schneeschuhe. Hier ist der Boden so warm, dass das ganze Jahr über Gras wächst. Auf schwarzem Gestein leuchten fluoreszierend die Flechten und zartgrün das Moos.

Im Krater dampft fahles, türkisfarbenes Wasser vor sich hin. Es riecht nach Schwefel. Wir wollen wissen, ob man darin baden kann. «Auf einer Liste mit Dingen, die ihr noch erleben wollt, sollte dieses Bad ganz am Schluss stehen», lacht uns Ragnar aus. Das Wasser sei kochend heiss. Doch anders als bei den weltbekannten Geysiren und Wasserfällen in der Nähe von Reykjavík stehen hier noch keine Warntafeln herum.
 

«Wir sind an das Leben mit dem Vulkan seit Jahrtausenden gewöhnt.»

Ragnar


Ragnar wohnt nicht weit vom Vulkan entfernt, in Reykjahlíð. «Wir mussten die Koffer packen, das Auto startklar machen und das Radio Tag und Nacht anlassen», erinnert er sich an die Tage vor dem Ausbruch. Doch Reykjahlíð blieb verschont, die Lava floss in eine andere Richtung. Die Natur könnte aber wieder zuschlagen – lebt man da nicht in ständiger Angst? «Wir sind an das Leben mit dem Vulkan seit Jahrtausenden gewöhnt», sagt Ragnar. Heute gebe es zudem ein SMS-Warnsystem, das sei doch komfortabel.

Drehort weltberühmter Fantasyfilme

Heute drohen keine Urgewalten. Wir geniessen die Stille. Die Landschaft mit ihren Kratern, heissen Quellen und mächtigen Wasserfällen ist so anders als alles, was man bisher gesehen hat, dass man sie unwillkürlich mit Begriffen wie «unwirklich» oder «überirdisch» zu beschreiben versucht. Es erstaunt nicht, dass viele Fantasy- und Science-Fiction-Filme hier gedreht worden sind.

Allerdings ist es nicht allein die Natur, die Grossproduktionen wie «Star Wars» oder «Game of Thrones» anlockt. Island ist auch zum Film-Mekka geworden, weil der Staat einen Fünftel der in Island anfallenden Produktionskosten übernimmt. Eine geschickte Werbestrategie – gemäss einer Studie wurde jeder fünfte Tourist wegen eines Films auf das Land aufmerksam.

Erdwärme, gut genutzt

Unweit des Mývatn-Sees machen wir halt neben einer kleinen Fabrik, in der mit heissem Schwefeldampf aus dem Erdinnern Ziegel gebacken werden. In jedem anderen Land würde man weit fahren, um ein solches technisches Wunderwerk zu bestaunen – wir lassen es schnöde links liegen. Elisabeth will uns ihre «Underground Bakery» zeigen. Dabei handelt es sich nicht um eine Szenebäckerei mit den neusten Brottrends, im Gegenteil: Hier wird Brot nach uralter Tradition gebacken.

Elisabeth hebt den Deckel von einem Loch im Boden: In diesem Erdofen bäckt sie ihr Brot. Sie füllt den Teig in Milchkartons und stellt sie ins Loch. Dort wird der Teig 24 Stunden allein mit geothermischer Energie erhitzt. Das Rezept für das Geysir-Brot hat sie von der Grossmutter. «Jede Familie hat ihr eigenes Rezept.» Allen Broten gemeinsam ist, dass sie aus viel Roggen- und wenig Weizenmehl bestehen, dazu Zucker, Salz, Hefe, Wasser. Und dass sie herrlich schmecken: wie Pumpernickel, nur süsser.

Erdwärme ist in Island preisgünstig und wird geradezu verschwenderisch verwendet: Sie wird nicht nur zum Heizen und für Warmwasser genutzt, mit dem «Abwasser» der Fernwärmeheizungen werden Whirlpools und in Reykjavík und Akureyri gar Strassen und Trottoirs geheizt, damit sie im Winter eisfrei bleiben.

Mývatn: Abtauchen in 40 Grad warmem Mineralwasser

Myvatn
Der Dunst hüllt den Mývatn-Badesee in herrliches Schweigen.
Quelle: Gabi Vogt

Keine Touristenströme

Auch das grosse Naturbad beim Mývatn-See wird mit Erdwärme geheizt. Es ist eine gute Alternative zur bekannten Blauen Lagune bei Reykjavík, in der man wegen des grossen Andrangs reservieren muss. Nichts dergleichen im eher unberührten Norden der Insel: Gerade im Winter verlieren sich die Badegäste im Dunst über dem Badesee. Während man sich im 40 Grad warmen Mineralwasser entspannt, schweift der Blick über die mystische Szenerie: Weite, Berge, Schnee.

Die Gegend wirkt nicht nur menschenleer, sie ist es auch. Rund 350'000 Einwohner hat Island, gut zwei Drittel im Grossraum Reykjavík. Es überrascht nicht, dass auf der Insel mehr Schafe als Menschen leben.

Und immerhin fast 100'000 Islandpferde. Ihretwegen verliess Cora vor 19 Jahren Dortmund. In Island habe sie sich sogleich in Land und Leute verliebt, erzählt die Pferdetrainerin. «Die Leute sind offen, entspannt und unkompliziert», schwärmt sie. «Man fühlt sich überall willkommen.»

Heute ist sie für den Reitstall des Pferdehofs Eldhestar verantwortlich. Dessen 360 Isländer ziehen im Sommer und im Herbst in einer riesigen Herde über die Hügel und Berge südlich von Reykjavík, im Winter leben sie auf ausgedehnten Weiden in der Nähe des Hofs. Die Fohlen wachsen in der Herde auf, das Training beginnt mit vier Jahren. «Unsere Pferde verhalten sich noch wie echte Pferde», erklärt Cora die Philosophie. «Deshalb ist es später auch so leicht, mit ihnen zu arbeiten.»

Zähe Zwerge

Die Urahnen der Islandpferde kamen einst mit den Wikingern auf die Insel. Diese nahmen nur kleine, starke Pferde mit, weil sie auf dem Schiff Platz finden und im Kampf bestehen mussten. «Auch zum Arbeiten und Reisen wurden sie gebraucht. Ohne sie hätten die Siedler nicht überlebt», sagt Cora. «Das Leben war hart.»

Am Klima wird es nur bedingt gelegen haben. Island liegt zwar im hohen Norden, doch die Temperaturen im Winter bewegen sich nur gerade um den Nullpunkt. Dafür ist der Golfstrom verantwortlich, der wärmere Luft mit sich führt. Die Sommer sind mit durchschnittlich zwölf Grad zwar nicht gerade warm, doch das hindert die Isländer nicht daran, sie zu feiern: Derzeit eröffnen überall Gelaterias, vor denen die Einheimischen dann Schlange stehen.

Aber wie war das noch mal mit dem Schneesturm, der den Menschen in der Serie «Trapped» das Leben zur Hölle gemacht hat?

Wenn uns das jemand erklären kann, dann Hanna. Die junge Frau lebt in Siglufjörður an der Nordküste Islands und führte einen Beautysalon. Bis ihr Cousin, der in der Filmbranche tätig ist, sie um Hilfe bat: Man wolle drei Monate lang in Siglufjörður drehen – ob sie nicht als Produktionsassistentin einspringen könne? Hanna vertröstete ihre Kundschaft und organisierte die Reisen der rund 80 Crewmitglieder zwischen Reykjavík und Siglufjörður. Was nicht immer einfach war: Das Fischerdorf ist nur durch Tunnel erreichbar – die bei Lawinengefahr geschlossen werden. Die Bewohner sind dann tatsächlich gefangen – wie im Film. «Wenn ein Tunnel gesperrt war, änderten wir den Drehplan und arbeiteten mit den Schauspielern, die da waren.»

Siglufjörður: Keiner will weg von hier

Siglufjoerdur
Wenn es heftig schneit, ist Siglufjörður völlig von der Umwelt abgeschnitten.
Quelle: Gabi Vogt

Bevor wir uns von Hanna verabschieden, wollen wir noch wissen, wie es sich denn anfühlt, wenn man in seinem Dorf eingeschlossen ist. «Wie wenn man Milch einkaufen will und vor einem leeren Regal steht», sagt Hanna. «Man ärgert sich, aber schlimm ist es nicht.»

Die junge Frau ist in der Welt herumgekommen, hat in Italien und Spanien gelebt. Doch sie wollte unbedingt zurück, in ihr Dorf mit den 1200 Einwohnern. Ohne die Berge und das Meer und vor allem die Frische und Klarheit, die man hier oben mit jedem Zug einatmet, wollte sie nicht leben. «Unsere Natur ist gewaltig», schwärmt sie. «Auch wenn sie manchmal zur Naturgewalt wird.»

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Julia Hofer, Redaktorin

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