«Zwei Tage nach Drehschluss sass ich in der Schauspielschule in London und realisierte: Hier lebst du jetzt für die nächsten Jahre. Das war ein krasser Moment. Du bist in einem fremden Land, sprichst eine Sprache, die du nicht wirklich beherrschst, lernst Dinge, von denen du noch nie gehört hast, und kommst dir erst einmal ziemlich verloren vor.

Das war im Herbst 2013. Eben war ich zwei Monate auf einer Alp gewesen, wo ich meinen ersten richtigen Film drehte. In «Chrieg» spiele ich ­eine junge, toughe Frau, die versucht, alles Weibliche abzustreifen. Um mich in die Rolle hineinzuversetzen, musste ich mich radikal auf sie einlassen. Deshalb habe ich mir schon Wochen vor Drehbeginn die Haare abrasieren lassen. Davor war ich ein richtiges Mädchen, die lange Mähne gab mir Sicherheit. Nichts mehr zu haben, hinter dem ich mich verstecken kann, ist mir eingefahren. Ich merkte plötzlich, dass ich von gewissen Leuten mehr respektiert wurde. Natürlich lag es nicht nur an den Haaren, sondern wohl eher am Auftreten. Dennoch war es eine schräge Erfahrung, für die ich dankbar bin. Freiwillig hätte ich das nie gemacht

Eine Socke zwischen den Beinen

Wenn ich mich in einen neuen Charak­ter einarbeite, überlege ich, welche Schuhe er trägt. Es macht schliesslich einen Unterschied, ob man in Highheels rumläuft oder in Turnschuhen. Vor dem Dreh zu «Chrieg» ging ich ­boxen, hörte Hip-Hop, trug Kapuzenpullis. Regisseur Simon Jaquemet schickte mich sogar einmal mit einer Socke zwischen den Beinen auf die Strasse. Ich wurde zu Ali, fühlte mich wie neu geboren. Auf dem Set gab man mir den Spitznamen Ellrich. Sozusagen die männliche Form von Ella. Manche haben mich nicht wiedererkannt.

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«Chrieg»: Kinostart am 12. März

Das Schweizer Drama «Chrieg» kommt am 12. März in die Kinos. Er handelt von Jugendlichen, die in ein abgelegenes Bergtal in ein Erziehungscamp geschickt worden sind. Dort haben sie allerdings ihre Aufseher überwältigt und führen einen erbitterten Krieg; gegen die Erwachsenen; gegen die Gesellschaft; gegen alle und alles.

Weitere Informationen: www.chrieg.com

Es ist wie bei einem Musikinstrument

Als dann der Medienrummel losging, schrieben mir Verwandte, ich solle so natürlich bleiben, wie ich bin. Ich musste dann klarstellen, dass ich mich doch nicht verändere, nur weil mein Gesicht jetzt in ein paar Zeitschriften abgedruckt wird. Meine Eltern gaben mir den Rat, aufzupassen, dass man mich nicht zu etwas macht, was ich nicht bin. Das ist auch eine meiner grössten Sorgen. Ich bin ja nun wirklich niemand Besonderes. Ich habe ­einen Film gedreht. That’s it. Letztlich ist es ein normaler Job. Nur dass die Öffentlichkeit daran teilhaben kann.

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Nun bin ich also in London in der Schauspielausbildung. Seit Januar hatte ich genau zwei freie Tage, ansonsten arbeite ich von morgens bis abends. Es ist extrem intensiv, aber Schauspielerei ist meine Leidenschaft. Ich lerne unglaublich viel über mich, meinen Körper, wie ich mich wandeln kann. Wir beschäftigen uns mit Bewegung, Psychologie, Menschentypen, analysieren Stücke und bekommen ein intensives Stimmtraining. Doch letztlich ist es wie bei einem Musikinstrument: Man kann lernen, welche Taste man drücken muss – damit es aber wirklich gut wird, braucht es mehr.

Am meisten fasziniert mich, dass ich durch diese Arbeit in fremde ­Welten eintauchen und mich in ihnen verlieren kann. Ich kann die Welt durch die Augen eines anderen sehen. Dadurch habe ich auch Dinge an mir entdeckt, von denen ich nicht wusste, dass sie in mir steckten.

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Als Ali musste ich aggressiv sein, hatte eine grosse Klappe. Ich bin an dieser Rolle gewachsen. Obwohl ich seither sehr viel dazugelernt habe, bin ich mit meiner Leistung zufrieden. Der Regisseur und die anderen Schauspieler haben mir sehr geholfen. Rückblickend habe ich aber auch instinktiv schon vieles richtig gemacht.

Warum nicht hinter die Kamera?

Viele träumen davon, Schauspielerin zu werden. Ich auch. Natürlich wäre ich enttäuscht, wenn es nicht klappen würde. Doch es gibt nicht nur die ­Arbeit vor der Kamera. Mich interessieren auch die vielen Jobs dahinter. Wichtig ist mir, dass ich auf irgendeine Art beim Film bleiben kann.

Ich würde auch gern etwas Eigenes machen. Meine Schulkollegin und ich haben da schon Ideen. Vielleicht ein eigenes Theaterstück? Es ist mir wichtig, mir Aufgaben zu stellen und zu ­sehen, was in mir steckt. Nur so weiss ich, was ich anderen zu bieten habe.»

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