Die Sonne scheint an diesem Mittwoch, 20. April 2011, kurz vor Mittag. Nur ein paar Schleierwolken zieren den Himmel. Ein Helikopter kreist um den ­Gipfel des Eigers, ein Touristenflug, die ­Kamera läuft. Auf einmal taucht links im Bild jemand auf, er eilt über den Grat, eine schmale, vorgetretene Spur im Schnee, der sichere Tod zu beiden Seiten, ein Pickel in jeder Hand, Rucksack, keine Sicherung. Der Mann sputet im Laufschritt weiter bis zum Gipfel, wo er in die Knie geht, in seiner Jackentasche fummelt, eine Uhr herausholt. Er schaut darauf, steht auf und reisst jubelnd die Arme in die Höhe.

Der unerwartete Rekord

Für Dani Arnold gibt es ein Leben vor dem Eiger und ein Leben danach. Für das Leben davor hat sich niemand interessiert. Als er den fast senkrechten ­Urner Salbit-Westgrat in einer Stunde und 35 Minuten bezwang, schneller als je einer zuvor, war dies nicht einmal eine Erwähnung auf der Website seines Sponsors wert. Aber dann kam der Eiger. Arnold hatte am Abend zuvor sein gelbes Rucksäcklein gepackt; zwei Eispickel, den Klettergurt, Karabiner, Expressschlingen, Steigeisen, eine Flasche mit Zitronensirup und zwei Schokoriegel. Nur seine Freundin wusste, was er vorhatte. Würde er sich trauen? Schon zweimal zuvor hatte er seinen Rucksack am Abend bereitgestellt. Beim ersten Mal stieg er am Morgen gar nicht erst in sein Auto. Er hatte schlecht geschlafen, war dem Druck nicht gewachsen, den er sich selber auferlegt hatte. Beim zweiten Mal fuhr er mit dem Zug auf die kleine Scheid­egg, sah die rund 1800 Meter hohe Wand und machte kehrt. Er konnte nicht, unmöglich. Es machte ihm nichts aus. «Ob du nun gehst oder nicht: Sobald du dich entscheidest, bist du frei», wird er später sagen.

Ausrüstung

Je nach Gelände und Steigung kommen Eispickel oder die kürzeren Eisgeräte zum Einsatz. Je stärker die Steigung, desto gekrümmter der Schaft. Eisgeräte eignen sich auch für das Klettern im Fels, man spricht dann von Drytooling. Das Seil zum Sichern wird in Eisschrauben eingehängt. Sie sind 10 bis 22 Zenti­meter lang, eine Kurbel dreht sie ins Eis. Steigeisen geben den Füssen Halt, ihre scharfen Zacken wer­den regelmässig gefeilt.

Quelle: Thomas Ulrich, visualimpact.ch

Erst als er oben auf dem Gipfel auf die Uhr blickte, realisierte er, dass er den Eiger in zwei Stunden und 28 Minuten bezwungen hatte. Die Erstbesteiger hatten für die Heckmair-Route drei Tage gebraucht, gut trainierte Alpinisten schaffen sie innerhalb von ein bis zwei Tagen. Aber noch entscheidender: Dani ­Arnold unterbot den bisherigen Rekord seines Vorbilds Ueli Steck um rund 20 Minuten, obwohl er es nicht darauf angelegt hatte. «Ich wollte nur wissen, ob ich den Mut haben würde, allein in die Wand einzusteigen.» Dass unten im Tal ein neues Leben auf ihn warten würde, konnte Dani Arnold nicht ahnen.

Die Unordnung des Kletterers

«Es war krass, was nach dem Eiger alles auf mich zukam», sagt der 31-Jährige dreieinhalb Jahre später in seinem Daheim in Bürglen, ein paar Postauto­stationen oberhalb von Altdorf. In einem der Zimmer im holzverkleideten Dachstock sieht es aus wie in ­einem Bergsportgeschäft: T-Shirts und Pullover in bunten Outdoorfarben liegen akkurat gestapelt in ­einem Setzkastenregal aus Holz, links hängen dicht an dicht Karabiner, Expressschlingen und Pickel, darunter graue Plastikboxen mit Kletterschuhen, in der Dachschräge folgen Kletterseile und Rucksäcke, und in der Ecke rechts daneben sind Liegematten und mehr als ein halbes Dutzend Schlafsäcke aufgetürmt. «Ist ein bisschen unordentlich», sagt Dani Arnold und lächelt. Er trägt ein T-Shirt seines Sponsors, Hauslatschen, seine Haare sind in die Höhe gegelt, eine feine Duschmittelaura umgibt ihn.

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Als Leser von BeobachterNatur finden Sie im Heft 1/2015 auf Seite 24 einen Gutschein, mit dem Sie die Live-Reportage «Der Grenzgänger» von Dani Arnold 5 Franken günstiger besuchen können.

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Der Eidfjord in Norwegen ist ein Treffpunkt der internationalen Kletterszene: Eine nächtliche Eislandschaft in bezauberndem Licht.

Quelle: Thomas Ulrich, visualimpact.ch

Dani Arnold in der Breitwangflue: «Es erschien mir in jenem Moment unmöglich, dass ich abstürzen könnte.»

Quelle: Thomas Ulrich, visualimpact.ch
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Nachrichtensendungen, Zeitungen, Magazine – alle wollten über den jungen Bergführer berichten, der Ueli Steck «besiegt» hat, den vermeintlich Unbezwingbaren, der den Alpinismus wie einen Spitzensport betreibt – mit Ernährungsplan, gezieltem Training und Physiotherapie. Dani Arnold könnte gegensätzlicher nicht sein. Sein Training ist der Job als Bergführer, Planen nicht seine Stärke. Dafür ist er mental extrem stark. Das muss man sein, wenn man mehrere hundert Meter ungesichert über dem Abgrund hängt. Es gab Anfragen für Fotoshootings und Filmbeiträge, Kurt Aeschbacher lud ihn in seine Sendung ein. In die Bewunderung mischte sich Kritik. Als verantwortungsloser Spinner wurde Arnold in Onlineforen bezeichnet, weil er allein und ungesichert geklettert war; als Betrüger, weil er nicht die exakt gleichen Bedingungen wie Ueli Steck vorgefunden und angeblich nicht am selben Ort die Zeit gestoppt hatte. Eine quälende Erfahrung für den damals 27-Jährigen: «Leistungsmässig ging es bergab. Ich hatte monatelang kein Feuer mehr fürs Bergsteigen.»

«Ein sensationelles Gefühl!»

So viel Rummel war der ruhige Bergler nicht gewohnt. Schon Altdorf mit seinen knapp 9000 Einwohnern sei ihm zu viel, erzählt er bei der Führung durch die Maisonettewohnung, die er mit seiner Frau bewohnt. Wenn man aus dem Fenster in der oberen Etage schaut, sind weit oben am Hang ein, zwei Gebäude zu sehen. Dort im Bergdorf Biel ist Arnold aufgewachsen, im Winter ging es per Seilbahn zur Schule. Sobald es richtig kalt wurde, versuchte er, mit den Pickeln seines Vaters den gefro­renen Bach neben dem Haus hinaufzuklettern.

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Die Faszination für die beeindruckenden Eisformationen, in denen er minuten-, manchmal stundenlang hängt und friert mit seinen zwei Pickeln in den klammen Fingern, hat ihn bis heute nicht losgelassen. Inzwischen bewältigt er schwierigste Routen wie «Crack Baby» in Kandersteg, einen der berühmtesten Eisfälle der Alpen, 340 Meter fast durchweg senkrechtes Eis. Damals stimmte alles. Das Eis war so griffig, dass ein richtig platzierter Schlag ausreichte, um Arnold zu halten. «Ein sensationelles Gefühl!» Er knackte den Rekord in 27 Minuten und 13 Sekunden, ungesichert. Speedrekorde wie dieser begeistern. «Weil es so banal ist. Es geht um die Zeit, alle wissen: Drei Stunden sind schneller als vier. Aber es sind meine Leistungen im Mixed-Klettern, also im Gelände mit Eis und Fels, die mich stolz machen.»

Daniel Arnold: Der Herr des Eises

Quelle: Thomas Ulrich, visualimpact.ch
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Eis ist nicht gleich Eis

An der Farbe des Eises lässt sich erkennen, wie es beschaffen ist:

  • Blaues Eis ist zum Klettern optimal. Es ist relativ dick und griffig.
  • Vorsicht vor weissem Eis! Es ist zu warm geworden und hat seine Festigkeit ­verloren.
  • Graues Eis ist trocken und brüchig.
  • Transparentes Eis ist oft sehr hart.
  • Braunes Eis hat meist eine gute Qualität. Schwemmpartikel im Wasser ­haben es verfärbt und verbessern seine Struktur.

Arnold war Erster bei der Winterbesteigung des Torre Egger, des wohl schwierigsten Bergs in Patagonien. Drei Tage und drei Nächte verbrachte er mit den Begleitern in der Wand. Einmal waren sie 22 Stunden am Stück unterwegs, um die bitterkalte Nacht nicht im Klettergurt hängend verbringen zu müssen. Ein Biwak aufzustellen war unmöglich. Arnold bezwang als erster Nichtschotte die Route «The Hurting XI 11» aus Eis und nacktem Fels im schottischen Cairngorms-Nationalpark, und vor zwei Jahren wagte er sich mit dem österreichischen Jungstar David Lama an die spektakuläre Ostwand des «Moose’s Tooth» in Alaska. Sie waren die Ersten, die es über diese Route zum Gipfel schafften. Ein Flugzeug setzte sie auf einem Gletscher ab, die Temperaturen lagen bei bis zu minus 25 Grad. Endlose Eiscouloirs, blanker Fels, drohende Lawinen, höchste Schwierigkeit. Nach 48 Stunden waren sie oben und wieder zurück im Basislager. «Ich bin keiner, der sich selber super findet. Ich überlege immer, was ich verbessern kann», versucht Dani Arnold zu erklären, was er selbst nicht so genau weiss: warum er besser ist als die anderen.

Fingerschmerz

Jeder Eiskletterer fürchtet ihn – den Aufwärmschmerz, besser bekannt als «Kuhnagel». Wenn die Handschuhe beim Klettern am Eis feucht werden, kühlen die Finger überdurchschnittlich schnell ab. Fliesst das warme Blut anschlies­send in die klammen Finger, kann dies bis zur Ohnmacht schmerzen. Dagegen hilft: Hände über den Kopf halten und schütteln. Das soll den ­Kuhnageleffekt ­abschwächen.

Vorher und nachher: Der riesige Eiszapfen, den Dani Arnold geklettert ist, bricht plötzlich ab – der Extremsportler kann sich im letzten Moment festhalten.

Quelle: Thomas Ulrich, visualimpact.ch

Schon oft hat er «Schwein gehabt»

Von spektakulären Leistungen erzählt er nur, wenn man danach fragt. Er weicht ins Allgemeine aus, spielt Extreme herunter, sagt meist «man» oder «wir» und nicht «ich». «Eigentlich redet man ja nicht über die Dinge, die man gut kann», sagt Dani Arnold. Aber er weiss, dass er muss, weil er als Profialpinist nun auch von der Öffentlichkeit lebt. Wird er Ueli Steck erneut besiegen? Welche Route wird er als Erster oder Schnellster bezwingen? Arnold spürt den Druck, der andere Profibergsteiger das Leben oder den Verstand gekostet hat. Neue Projekte kündigt er nur ungern an, seinen Job als Bergführer hat er bewusst nicht aufgegeben. «Ich will bei Extremprojekten frei entscheiden können. Unter Leistungsdruck würde ich Grenzen überschreiten, statt rechtzeitig kehrt­­-zu­machen.» Letzteres tut er in vier von zehn Fällen. Manchmal reicht ein ungutes Gefühl. Einmal hielt ­er bei einer problematischen Matterhorntour kurz inne, rammte seinen Pickel in den Schnee, einfach so, und erwischte per Zufall einen Stein. Grund ­genug, die Tour abzubrechen. Aber dann gibt es ­Momente, in denen er spürt, dass er es auf die Spitze treiben kann. Dann sind schlagartig alle zermürbenden Gedanken weg – er fühlt sich frei. Wie bei der Route «Crack Baby» in der Breitwangflue bei Kandersteg. «Es ist schwer zu beschreiben, aber es erschien mir in jenem Moment einfach unmöglich, dass ich abstürzen könnte.»

Schneller als ein Lift

1,66 Meter pro Sekunde schnell kletterte der Sieger am Ice Climbing Worldcup 2015 im Parkhaus von Saas Fee. Die 13 Meter legte er schneller ­zurück als der Parkhauslift.

Die Fotos und Filme auf seinem Laptop, aufgenommen von einer GoPro-Kamera am Helm oder am Pickel, lassen nur erahnen, wie gefährlich es oft ist. Mal öffnet sich senkrecht unter ihm ein Abgrund, mal stürmt es, mal ist es offensichtlich bitterkalt. Auf einem der Fotos hängt er mit zwei Pickeln und Steigeisen zuoberst an einem riesigen Eiszapfen, 150 Meter über dem Grund. Auf dem nächsten Bild hängt er immer noch da, bloss baumeln seine Beine nun in der Luft, und er hält sich an seinen Pickeln fest. Der Eiszapfen unter ihm ist weggebrochen, mit Gedonner 150 Meter in die Tiefe geknallt. Schwein gehabt. Danach sei er nach oben geklettert und habe mit dem Fotografen einen Kaffee getrunken. Falsch ins Eis gehauen habe er, eine Fehleinschätzung, die ihm kein zweites Mal passieren werde, zumindest nicht am selben Ort. Eisfälle sind unberechenbar, jedes Mal anders. Aber genau das ist das Faszinierende.

Weitere Informationen zum spektakulären Sport

Wenn Wasserfälle zu Eis erstarren, entstehen einmalige Kletterrouten, faszinierend und unberechenbar zugleich. Die Sportart setzt viel Wissen und Erfahrung voraus. Einsteiger können das Eisklettern in speziellen Kursen lernen, die Alpinbüros und Bergführer, unter anderen Dani Arnold, anbieten.

Eisklettern live gibt es bei folgenden Hotspots:

  • Mit fast 400 ­Klettermetern gelten die Eisfälle der Breitwangflue bei Kandersteg BE als attraktivste der Schweiz. Sie sind über weite Strecken senkrecht, mit teils überhängenden Passagen.
  • Engelberg OW hat längere und kürzere Eisfälle in verschiedenen Schwierigkeitsstufen zu bieten.
  • Gleich fünf Eisfälle können Anfänger bis Fortgeschrit­tene bei Göschenen UR ­erklettern.
  • Sind die Temperaturen zu hoch für Eisbildung, ist der Fels in der Kletterhöhle in Eptingen BS eine Alter­­na­tive. Hier geht es mit Eisgeräten in die Höhe.