Zur Person

Andreas Rigling absolvierte eine Lehre als Forstwart, bevor er an der ETH Forstwissenschaften studierte. Heute leitet er die Abteilung Walddynamik an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf ZH.

Quelle: Thinkstock Kollektion

Beobachter: Sie haben vor 35 Jahren als Forstwart gearbeitet. Wie hat sich der Wald seither unter dem Einfluss des Klimawandels verändert?
Andreas Rigling: Vom Klimawandel sprach man in jener Zeit noch nicht. Damals hat uns das Waldsterben stark beschäftigt, aber die Horrorszenarien dazu sind zum Glück nicht eingetre­ten. Nicht zuletzt deshalb, weil die Umweltsituation sich unterdessen massiv verbessert hat. Die Schadstoff­ belastung ist stark zurückgegangen.

Beobachter: Wie wirkt sich das auf den Wald aus?
Rigling: Der Wald in der Schweiz dehnt sich jedes Jahr massiv aus. Das hat zwei Gründe: Zum einen zieht sich die Landwirtschaft aus den Grenzertrags­ flächen zurück, und der Wald rückt in sein ursprüngliches Gebiet vor. Zum anderen ist die Waldgrenze langsam angestiegen, das Wachstum hat leicht zugenommen. In den Alpen sieht man das nicht so gut, weil der Wald von der menschlichen Bewirtschaftung über­ lagert wird.

Beobachter: Wie sieht der Wald im Jahr 2100 aus?
Rigling: Die Waldgrenze in den Hochlagen wird höher sein als heute, die Wälder werden eher dichter sein. In den Mit­tellagen kommt es ganz darauf an, wie sich der Borkenkäfer entwickelt. Bei vermehrt trockener Witterung werden wir dort durch ihn grosse Schäden an den Fichten haben. Es gibt auch Sze­narien, die besagen, dass es häufiger Stürme geben wird. Das heisst: Es wird mehr geworfenes Holz geben, und davon kann der Borkenkäfer gleich noch einmal profitieren. Man geht auch davon aus, dass die Trockenheit zunehmen wird und es in tieferen La­gen wie im Wallis zu massivem Baum­ sterben kommen wird. Der Wald wird nicht verschwinden, aber er wird sich den neuen Verhältnissen anpassen.

«Wenn es trockener wird, richtet der Borkenkäfer grosse Schäden an.»

Andreas Rigling

Beobachter: Wie sieht es mit der Qualität und der Vielfalt aus?
Rigling: Trotz dieser Veränderungen wird die Vielfalt nicht leiden. Im Mittelland, wo sich die grossen Waldgebiete befinden, werden sich die Buchen in feuchteren Standorten behaupten können. An den trockenen Standorten wird sich die Eiche ausbreiten. Und in den Voralpen wird sich die Buche gegenüber den Nadelbäumen besser durchsetzen können.

Beobachter: Könnte man sich in tiefer gelegenen Regionen auch ein Szenario «Palmen statt Buchen» vorstellen?
Rigling: Wohl kaum. Die Hanfpalme hat sich im Tessin ausgebreitet, das ist aber ein Gartenflüchtling. Der Grund für ihr Vorkommen ist nicht der Klimawandel, sie könnte allerdings vom wärmeren Klima profitieren. Wir finden aber zu­ nehmend fremde Pflanzen im Tessin, die sich massiv ausbreiten, etwa Knö­terich, Springkraut oder Götterbaum.

Beobachter: Und das ist nicht erwünscht?
Rigling: Neue Organismen dringen in unsere natürlichen Wälder vor und verändern die Zusammensetzung. Aus Sicht des Naturschutzes ist das sehr uner­ wünscht, weil man die einheimische Flora und Fauna möglichst erhalten will. Aus Sicht der Waldwirtschaft ist es nicht unbedingt unerwünscht. Da kommt es darauf an, welchen Einfluss die Eindringlinge aufs Ökosystem haben. Wir haben ja nicht nur die Biodiversität, die wichtig ist, sondern beispielsweise auch die Erholungs­ funktion. Der Götterbaum wird, ob­ wohl problematisch, generell als schön empfunden.

Beobachter: Was das Wohlbefinden der Menschen anbelangt: Werden die Veränderungen unter dem Strich eher positiv oder negativ sein?
Rigling: In einem wärmeren Klima wird die Erholungsfunktion des Waldes zuneh­men, weil die Menschen in den Wald flüchten, wenn es heiss ist. Vielleicht ist es zu bedauern, wenn ein Buchen­ wald sich zu einem Eichenwald ent­ wickelt, aber ein Eichenwald ist nicht weniger schön. Bei einem Erholungs­ wald geht es darum, dass die Leute sich wohlfühlen. Wie er zusammen­ gesetzt ist, ist sekundär. Ähnlich ist es bei einem Schutzwald: Hier muss die Schutzfunktion erhalten bleiben. Mit welcher Baumart, ist eher zweitrangig. Die Wertung fällt je nach Waldleistung unterschiedlich aus – und letztlich gilt es, die verschiedenen Ansprüche an den Wald abzuwägen.