Angelika Bandli weiss genau, wer am besten zu mir passt. Moreno ist etwas grösser als ich, hat schwarz glänzende Kulleraugen, lange Wimpern, einen stolzen Hals, und sein dunkelbraunes Fell schimmert rötlich im Licht. Er ist eines von elf Lamas, die im Safiental auf dem Hof der Familie Bandli leben, der mit der hohen Scheune und dem kargen, umzäunten Vorplatz an eine amerikanische Ranch erinnert.

Sieben Lamas dürfen heute mit zum Wintertrekking, eines für jeden von uns. «Mia, du kannst ­mit Amigo vorausgehen, Adrian nimmt ­Guerro, Matteo Valor, dann folgt Denise mit Moreno, Flavia führt ­Mono, Nina ­Sedoso, und Clara macht mit ­Lanudo den Schluss.» Einer nach dem anderen erhält von Angelika Bandli ein Lama zugeteilt. Auch die Kinder tragen nun die Verantwortung für ein Tier, das sie um fast einen Lamahals überragt. Die «Partnerwahl» steuert Bandli ganz gezielt. Sie kennt die unterschiedlichen Temperamente ihrer Tiere genau, und nach wenigen Minuten hat sie auch ein Gespür für ihre Trekkinggäste. Bandli stellt mir meinen Begleiter für die nächsten drei Stunden vor: «Moreno ist ruhig, zurückhaltend, aber zuverlässig.» Dann reicht sie mir die lange Leine am Ende des grünen Halfters, das ihre Tochter Mia zuvor sachte um den Kopf des Lamas gelegt hat. Die Kinder dürfen das flauschige Winterfell nun mit roten Bürsten striegeln, anfangs noch etwas skeptisch, aber die Tiere lassen sie gewähren, und die Unsicherheit ist bald verflogen.

Gespuckt wird nur von Tier zu Tier

Moreno und ich sollen an vierter Stelle gehen und auf keinen Fall überholen. Lamas leben streng hierarchisch. Fühlt sich ein Tier durch ein rangniedrigeres gestört, spuckt es, und zwar gezielt. «Das Einzige, was die meisten über Lamas zu wissen glauben, ist, dass sie Menschen anspucken. Und ausgerechnet das ist falsch», sagt Angelika Bandli. Menschen bekommen nur dann etwas ab, wenn sie sich zufällig in der Schusslinie befinden, wenn ein Lama seinen Rang demons­triert. Wer zurückspuckt, erntet nur einen verständnislosen Lamablick.

Unsere Karawane setzt sich in Bewegung – Mensch, Lama, Mensch, Lama. Moreno tut unbeteiligt, schaut in die ­Ferne, ein paar Grashalme vom Frühstück hängen noch aus seinem Maul. Vor ein paar Tagen erst hat der Winter die braunen Hänge weiss getüncht. Die Lamas kümmert das nicht, solange sie mit ihren dünnen Beinen nicht durch allzu tiefen Schnee stapfen müssen. Sie stammen aus den Anden, ­Minustemperaturen sind für sie kein Problem.

Route: Safien Platz – Innerzalön – Safien Platz
Charakter: einfacher Spaziergang bei sanfter Steigung
Dauer: Winterschnuppertrekking von insgesamt knapp 2,5 Stunden Marschzeit (rund 6 Kilometer) plus Mittagspause. Im Sommer sind auch Tageswanderungen oder mehrtägige Trekkings mit Übernachtung möglich.
Saison: ganzjährig
Anreise: Mit dem Zug nach Versam und anschliessend mit dem 9.25-Uhr-Postauto nach Safien Platz. Rückreise mit dem Postauto um 15.52 Uhr
Verpflegung: Zum Mittagessen gibts auf dem Biohof der Familie Hunger-Toggweiler in Zalön Gerstensuppe und Tee.
Staunen: Unterwegs hat man eine herrliche Sicht über das Tal und den Piz Beverin, nach dem der Naturpark Beverin benannt ist.
Preis: Erwachsene: 65 Franken, Kinder von 7 bis 14 Jahren: 55 Franken (inkl. Mittagessen)
www.bandli.ch

Quelle: Tanja Demarmels

Fast lautlos schreiten die Tiere neben uns her. Das Geräusch ihrer weichen Sohlen auf dem Boden erinnert an das von Kinderfüsschen; mit unseren Winterschuhen übertönen wir es. Erst geht es kurz der Haupt­strasse entlang durch das Dörfchen ­Safien Platz, bevor unser Weg nach rechts abzweigt und in langgezogenem Zickzack sanft den Hang hinaufführt. Steile Felsen und Berge umklammern das Safiental, das sich unten in ­Versam mit der türkis schimmernden Rheinschlucht vereint. Nur sechs Post­autos schlängeln sich täglich durch die engen Kurven und Tunnels im Tal, um zuhinterst in Thalkirch zu wenden.

Flavia, Matteo, Nina und Mia führen ihre Schützlinge andächtig an der Leine. Wir gehen gemächlich und vergessen die Zeit. Jeder hängt mit einem Lama im Schlepptau seinen Gedanken nach. Mit den anderen vor und hinter sich zu sprechen, ist etwa so realistisch wie bei einer Motorradtour. Und nebeneinander gehen ist nicht möglich; die Marschordnung muss eingehalten werden. Schweres Gepäck haben wir nicht dabei, nur das Leittier trägt eine Tasche auf dem Rücken, um uns bei Bedarf den Rucksack abzunehmen. Bei Tagestouren oder Mehrtageswanderungen im Sommer tragen die Lamas bis zu 20 Kilogramm.

Angelika Bandli erklärt den Trekkingteilnehmern, wie man die Tiere führt.

Quelle: Tanja Demarmels
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Lamas erkennen Menschen am Geruch

Moreno taut langsam auf. Bei einem kurzen Halt streckt er mir unvermittelt seine Schnauze ins Gesicht, so nah, dass ich seinen warmen Atem spüre. Eine Sekunde, zwei – ich versuche, still zu verharren. Angelika Bandli hat uns aufgeklärt: «Lamas erkennen uns am Geruch.» Moreno riecht ein wenig nach Schaf und ich offenbar so harmlos, dass er sich fortan ­entspannt auf alles Fressbare unterwegs konzentriert. «Lamas sind charakterlich eine Mischung aus Ziege und Esel», sagt Angelika Bandli. Moreno streckt sich nach Ästchen, um daran zu knabbern, er zieht zu jedem Büschel Gras, das sich gegen den Schnee hat behaupten können. Hetzen lässt er sich überhaupt nicht, und so verlieren wir ständig den Anschluss zu denen vor uns, während die hinter uns sich gedulden müssen. Aber das stört ­niemanden, die Hektik des Alltags ist weit weg.

Wir biegen ab in einen Wald mit hohen, schneebeladenen Tannen, und hinter der übernächsten Kurve haben wir plötzlich freie Sicht auf den Piz Beverin und das Safiental, das sich in der Ferne zu einer Sackgasse verengt.

Moreno will es wissen

Nun beschleunigt Moreno und setzt zum Überholmanöver an. Angelika Bandli, die uns im Blick behält und mitdenkt für ihre Tiere, nickt mir zu: «Versuche, vorbeizugehen, aber nicht zu nahe.» Valor lässt uns gewähren, und Moreno reiht sich ein in Position drei. Aber nur für kurze Zeit. Ein paar Schritte nur, und schon spannt sich die Leine an seinem Halfter wieder. Er hat es auf Position zwei abgesehen, aber mir reicht der eine Aufstieg in der Hierarchie. Moreno bleibt besonnen und lässt sich bremsen – für heute.

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Weitere Lamawanderungen in der Schweiz

Interlaken BE

Route: Interlaken West – Ruine Weissenau im Naturschutzgebiet Weissenau – Neuhaus – Interlaken West
Charakter: einfache, abwechslungsreiche Wanderung entlang der Aare bis zur Mündung in den Thunersee. Wasservögel sind zu sehen, uralte Föhren und mit etwas Glück auch das eine oder andere Reh.
Dauer: 4 Stunden, reine Marschzeit rund 1,5 Stunden
Besonderes: Unterwegs kann die Ruine Weissenau besichtigt werden, die am besten erhaltene Burganlage im Berner Oberland.
Preis: Erwachsene: 45 Franken, Kinder bis 15 Jahre: 35 Franken, Total Mindestpreis: 200 Franken; Schulklassen: 260 Franken
www.lamatrek-jungfrauregion.ch

Wilen OW

Route: Wilen – Gilgenstrasse – Holzmatt – Wilen
Charakter: einfache Tour oberhalb des Saarnersees mit Sicht auf die Berge im Berner Oberland. Es geht über sanfte Hügel und durch ein Wäldlein, in dem es Glühwein und Tee am Lagerfeuer gibt.
Dauer: ein halber Tag, Marschzeit 1 bis 2 Stunden (kann angepasst werden)
Besonderes: Auf dem Hof leben 16 Trekkinglamas; die Besucher können ihr Lieblingslama selber auswählen.
Preis: Erwachsene: 50 Franken (inkl. Glühwein), Kinder von 10 bis 16 Jahren (mit Lama): 40 Franken, Kinder unter 10 Jahren (in Begleitung eines Erwachsenen mit Lama): 10 Franken
www.mountain-trail-ranch.ch

Matt GL

Route: Matt-Weissenberge – Elm – Matt-Weissenberge
Charakter: einfacher Spaziergang dem Sernf entlang
Dauer: rund 3 Stunden Marschzeit (Verpflegungsmöglichkeiten in Elm) Besonderes: Die Lamas folgen einem Teil des Suworow-Wegs. Der russische General zog hier auf seinem Feldzug 1799 mit Tausenden von Soldaten vorbei. Heute ist eine Weitwanderroute nach ihm benannt.
Preis: Erwachsene: 70 Franken, Kinder bis 16 Jahre: 55 Franken (Touren ab mindestens 4 Personen oder 235 Franken)
www.lamatours.ch