Abends um halb neun rief mich ein Bauer an: «Du musst dein Auto wegfahren, die Lowi kommt!» Und so war es – es donnerte und grollte, richtig unheimlich. Meine Frau Maria und ich waren daheim mit unserem Baby. Vier Tage mussten wir den Simplonpass schliessen, im Dorf hatten wir eine über 2.20 Meter hohe Schneedecke, normal sind etwa anderthalb Meter.

Damals mussten wir den Bauern zum Teil ein «Barryvox», ein Lawinensuchgerät, mitgeben, wenn sie die Kühe melken gingen. Sie mussten sich an- und abmelden. Vier Stallungen waren in der besonders lawinengefährdeten Zone. Dank den Schutzbauten gab es aber keine Schäden an Mensch oder Tier. Das war am 29. April 2009, mein zweiter Winter als Lawinenbeobachter für das Institut für Schnee- und Lawinenforschung. Seither ist es nie mehr so krass gewesen.

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Jeden Morgen wird Schnee gemessen

Jeden Tag von November bis April stehe ich bei jedem Wetter um sechs Uhr morgens im Schneemessfeld beim Werkhof Simplon Dorf und mache meine Messungen für das Lawinenbulletin. Ich bin auch für die Station auf dem Simplonpass verantwortlich, dort misst aber meist mein Mitarbeiter und Stellvertreter, der Arnold Daniel.

Ich bin selber ein begeisterter Tourenfahrer – das motiviert mich, etwas für ein zuverlässiges Bulletin beizusteuern. Das Simplongebiet ist für Skitouren wie gemacht, am beliebtesten sind die Dreitausender Breithorn und Rauthorn sowie das etwas niedrigere Spitzhorn. Wunderschöne Berge; am liebsten habe ich aber den Monte Leone, 3553 Meter, auf dessen Gipfel die Grenze zwischen dem Wallis und Italien verläuft. Doch dazu später.

Zuerst messe ich jeweils die Neuschnee- und die Gesamtschneehöhe und den Wasserwert des Neuschnees. Dann die Einsinktiefe mit einem Eisenstab. Letzteres simuliert einen Skifahrer – so kann ich abschätzen, wie gut der Schnee trägt. Dann schaue ich noch die Oberflächenbeschaffenheit genau an: Ist sie flach oder gewellt, hat es eine Kruste? Alles Hinweise auf die Stabilität, ob der Wind gewütet hat und so weiter.

Die Daten gebe ich dann daheim in den Computer ein. Daraus und durch die Beobachtungen von Triebschneebildung, Lawinenniedergängen und dem Wetter ergibt sich dann eine Prognose. Ich bin für das Regionalbulletin Simplon zuständig – wie die anderen 210 Beobachter in den Alpen für ihre Region –, da gelten die fünf bekannten Lawinengefahrenstufen. Hier im Simplongebiet haben wir in den Wintermonaten meist eine Gefahrenstufe zwischen erheblich und mässig.

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Sulz- oder Pulverschnee? Die Schneewaage gibt Auskunft.

Quelle: Marco Zanoni

Das Problem sind die Freerider

Manchmal bin ich schon erstaunt, dass auch bei Stufe vier, also bei gros­ser Lawinengefahr, immer noch Tourenfahrer in kritischen Hängen unterwegs sind. Für diese Gefahrenstufen muss man sich schon sehr gut aus­kennen. Das Problem sind aber meist nicht die Tourenskifahrer – die bereiten sich nämlich gut vor –, sondern die Freerider, die eher den Abfahrtskick suchen und dabei schon mal leicht­sinnig Gefahren in Kauf nehmen.

Alle zwei Wochen erstellen wir zudem sogenannte Schneeprofile. Dabei wird die Schneedecke bis zum Boden aufgegraben und untersucht. Einmal bin ich dabei selber in ein Schneebrett geraten und teilweise verschüttet worden. Ich konnte mich zum Glück aus eigener Kraft befreien.

Schicht für Schicht der Schnee­decke wird untersucht, Temperatur, Härte und Kornart bestimmt. Zudem erstellen wir einen anderthalb Meter breiten und zwei Meter langen Rutschblock für den Stabilitätstest. Wenn der Block schon beim «Raussäbeln» abrutscht, ist die Schneedecke instabil. Ebenso, wenn er beim Drauffahren mit den Skiern abgeht. Die Daten sind wichtig für die Lawinenwarnung, denn sie sind ein weiteres Puzzleteil beim Erheben der Gefahrenstufe.

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Ein Heiratsantrag auf 3553 Metern

Alles, was ich tue, hat irgendwie mit Bergen zu tun. Als Bergretter habe ich etwa 12 bis 15 Einsätze pro Jahr. Ich musste leider auch schon Tote bergen. Ein Einsatz ist mir als besonders schlimm in Erinnerung geblieben: Ein Vater war mit seinem Sohn unterwegs. Der Junge stürzte dabei ab. Wir haben wirklich alles versucht, um sein Leben zu retten. Vergeblich, es hat alles nichts genützt. Das tut weh. Wenn ein Kind stirbt…

Trotz den Gefahren möchte ich auch mit meinen drei Töchtern auf Touren gehen, wenn sie grösser sind. Schliesslich habe ich meiner Frau auf dem Monte Leone den Heiratsantrag gemacht – dieser Berg ist einfach aus­sergewöhnlich, so wie sie. Er hat fünf Gletscher, und man kann mit einem Bein in der Schweiz stehen, mit dem anderen in Italien. Meine Liebe zu den Bergen sollte doch auf meine Töchter abfärben, das wäre schön.