Beobachter: Sind das alles Verrückte, die die Alpen auf Skiern durchqueren wollen?
Michael Wicky: Nein!

Beobachter: Warum wollen Sie denn den ­Alpenbogen der Länge nach durchmessen?
Wicky: Das ist ein Traum, diesen gewaltigen Naturraum zu durchqueren, rund 1200 Kilometer per Ski. Im Sommer tun das Biker und Wanderer. Und Gleitschirmflieger am internationalen Wettkampf Red Bull X-Alps, die fliegen von Salzburg nach Monaco, eines der härtesten Rennen der Welt. Die Faszination bleibt, egal in welcher Sportart.

Beobachter: Und warum auf Skiern?
Wicky: Ich kenne zwei der Flieger, die die letzten drei Jahre das Rennen gewannen. Was die tun, müsste doch auch mit Skiern machbar sein, dachte ich mir. Das Gebiet ist schliesslich ein super Skitourengelände …

Beobachter: Eine Pioniertat?
Wicky: Nein, aber viele haben es noch nicht getan. Der italienische Alpinist Walter Bonatti, der vor vier Jahren gestorben ist, unternahm einmal Ähnliches: von Triest via Dolomiten durch die Schweiz hinab nach Nizza. Und der Skitourenführer «Super Haute Route» beschreibt eine ähnliche Strecke, die ein paar Deutsche genommen haben; sie brauchten dafür 17 Jahre.

Beobachter: Ein Lebensprojekt sozusagen?
Wicky: Genau, aber die waren völlig puristisch, starteten am Meer in Skischuhen und schleppten die Skier durch die Tundra hoch. Das tun wir nicht: Wir laufen nicht zwei Stunden einer Strasse entlang, wenn es dort einen Bus gibt. Wir optimieren ein bisschen. (Lacht) Aber wir verfolgen das Ganze ebenfalls mit viel Herzblut, es sind ja «unsere Alpen». Mich reizt es, ein Abenteuer vor der Haustür zu erleben.

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Beobachter: Wie schnell könnte man die ganze ­Strecke schaffen?
Wicky: Ein Extremsportler würde sie vielleicht in ein paar Wochen bewältigen können, aber dazu braucht es auch viel Glück, damit es überall mit dem Schnee stimmt. Aber wir wollen eben nicht etwas für Spitzensportler anbieten, sondern für alle, die ein bisschen was von Skitouren verstehen und sich für ein längeres Projekt interessieren.

Beobachter: Für alle? Übertreiben Sie nicht ein bisschen?
Wicky: Nein, für jemanden, der normale Skitouren beherrscht, ist das durchaus machbar. Und es gibt schliesslich etwa 50'000 Tourengänger in der Schweiz.

Beobachter: Was tun Sie, wenn es keinen Schnee hat oder das Wetter sehr schlecht ist?
Wicky: Im schlimmsten Fall müssen wir die Tour absagen. Da wir die Etappen aber mehrmals anbieten, können die Teilnehmer meist auf ein anderes Datum ausweichen.

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1200 Kilometer durch die Alpen

Die Alpenquerung «Transalp» im Überblick: Dieses Jahr ist auf den drei Streckenabschnitten jeweils die zweite Etappe fällig.

Quelle: Caroline Fink

Beobachter: Gibt es Leute, die auf allen Etappen dabei sein wollen?
Wicky: Ja, doch. (Lacht) Ein Gast, der letztes Jahr auf der ersten Etappe dabei war, sagte, er habe sich wie Marco Polo gefühlt: eine Expedition in fremdes Gelände mit Abenteuern zuhauf. Er war so begeistert, obwohl das Wetter grottenschlecht war, dass er nun jedes Jahr auf mindestens einer Etappe mitwill. So schafft er die ganze Tour vielleicht in etwa zehn Jahren.

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Beobachter: Was macht dieses Projekt so speziell?
Wicky: Wir von der Bergsportschule Bergpunkt haben noch nie etwas Vergleichbares angeboten. Hier geht es nicht um etwas Einzelnes, sondern um ein Projekt, das Jahre dauert. Man muss nicht jede Strecke nacheinander machen, aber in unserer kurzlebigen Zeit mal ein langfristiges Ziel vor Augen zu haben, für das man kämpfen muss, das ist toll. Dieser Nervenkitzel, das ist es.

Beobachter: Nervenkitzel und Skitouren – ganz schön gefährlich, wird da mancher sagen.
Wicky: Ja, es gibt ein Restrisiko, das darf man nicht negieren. Aber das gibt es überall. Unter den Bergsportdisziplinen gehören Skitouren zu den sicheren, trotz Lawinengefahr. Es gibt insgesamt rund 25 Lawinentote pro Jahr: Wenn man das hochrechnet auf alle Skitourengänger und Variantenfahrer, sind das nicht sehr viele. Aber jeder ist natürlich einer zu viel.

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Beobachter: Sind Sie selber schon in eine Lawine geraten?
Wicky: Ja, am schlimmsten war es mal auf der Engstligenalp bei Adelboden, das war aber vor meiner Zeit als Bergführer. Da bin ich etwa 100 Meter mit der Lawine den Hang hinabgerutscht, bis sie still stand. Ich konnte mich aber selber ­befreien.

Beobachter: Ihr grösster Kick in den Bergen?
Wicky: Die Ruhe und Einsamkeit, die Ursprünglichkeit abseits bekannter Routen oder Berge, das Gemeinschaftsgefühl in der Gruppe – das sollte jeder einmal ausprobieren.

Zur Person:

Michael Wicky, 49, ist ­diplomierter Bergführer und Physiker. Das Bergsteigen sei seine Berufung, sagt der gebürtige Berner. Sein erstes Taschengeld ging für einen Felshaken drauf. Im Jahr 2000 gründete er die Bergsportschule Bergpunkt.

Quelle: Caroline Fink
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Weitere Informationen:

Für die zweite Etappe der «Transalp Süd» von Vinadio nach Valle Po, die am 1. März 2015 beginnt, gibt es noch wenige freie Plätze. Weitere Informationen gibt es unter www.bergpunkt.ch.