Immer mehr Leute suchen an Volks- und Marathonläufen die sportliche Herausforderung – und manche überfordern sich masslos. «Nach meinen Erfahrungen nehmen über 30 Prozent der Läufer schmerzlindernde Rheumamittel», sagt Walter O. Frey, Leiter von Move>med, der sportmedizinischen Abteilung der Klinik Hirslanden. «Im Breitensport gibt es keinen Dopingbegriff, weil theoretisch alles erlaubt ist. Aber was eindeutig stattfindet, ist zunehmender Medikamentenmissbrauch.»

Mit manchmal schwerwiegenden Folgen. Frey weiss von einem 70-Jährigen, der trotz schmerzhafter Hüftarthrose an einem Marathon teilnahm. Der Mann habe so viele Schmerzmittel eingenommen, «dass er während des Laufs mit einem Nierenversagen zusammengebrochen ist.»

Leistung vor Gesundheit

Nicht alle Experten schätzen den Medikamentenmissbrauch im Breitensport so dramatisch ein wie Frey. So schwanken die Angaben zur Zahl der Sportler, die regelmässig Schmerzmittel nehmen, zwischen 12 und 36 Prozent. Sicher ist: Die meisten schlucken Medikamente ohne ärztliche Absprache, und besonders Sportler mittleren Alters und mit gesundheitlichen Problemen greifen regelmässig zu Pillen.

Generelle Skepsis gegenüber dem Sportboom hegt Hanspeter Gubelmann, Dozent für Sportpsychologie an der ETH Zürich. «Vielen Freizeitsportlern gehts weniger um die Gesundheit als um die Leistung, die Herausforderung und das ständige Überschreiten der eigenen Grenzen.» Den leichtfertigen Griff zum Schmerzmittel erklärt sich Gubelmann zum einen damit, dass sich zu ehrgeizige Ausdauersportler durch zu häufiges und zu hartes Training überlasten und Folgeschmerzen mit Medikamenten unterdrücken. Andere Sportler nähmen leistungssteigernde Präparate, statt sich seriös auf einen Wettkampf vorzubereiten: «Das wird ihnen vorgelebt; Spitzensportler tun das ja auch.»

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Abwechslung als neue Herausforderung

Dabei haben weder übertriebenes Training noch Medikamente einen leistungssteigernden Effekt. Entzündungshemmende Schmerzmittel wie Voltaren, Mefenacid oder Ponstan belasten dagegen die Nieren, und die medikamentöse Unterdrückung der Schmerzsignale verleitet zu Übertraining: Die Folgen sind unter anderem Muskel- und Gelenkschäden, vermehrte Infektionen, erhöhter Blutdruck, Schlafstörungen, Depressionen, Gewichtsverlust – und letztlich verminderte Leistungsfähigkeit.

«Irgendwann ist bei jedem die persönliche Leistungsgrenze erreicht», gibt Hanspeter Gubelmann zu bedenken. Ambitionierten Freizeitsportlern, die an ihre Grenzen kommen, empfiehlt der Sportpsychologe, einen neuen Kick in der Abwechslung zu suchen. «Statt sich im Training zu überfordern, sollte man gescheiter neue Herausforderungen und Erfolgserlebnisse in anderen Sportarten suchen. Warum nicht auch einmal inlineskaten, Velo fahren oder schwimmen statt immer nur joggen? Das macht Spass und schont erst noch die Gelenke.»

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