Die Nacht ist kalt und hässlich, November halt. Kein Quartier sieht gut aus an so einem nassen Abend – und besonders nicht Bern-West. Es gibt keinen Grund, bei diesem Wetter draussen zu sein, es sei denn, man pubertiert. Auf dem Areal des Schulhauses Schwabgut ist es dunkel. Das einzige Hell fällt aus der Glastür der Turnhalle, davor tummeln sich Jugendliche. Wie Nachtfalter kreisen sie ins Dunkel weg und klatschen von neuem gegen die Tür: «Ey, mach uf, Mann! Isch 59!» Es ist 20.59 Uhr. Hinter der Glastür bleibt «Mann» gelassen. Midnight Sports beginnt um 21 Uhr. Und hier haben nicht die Quartierkönige das Sagen, sondern die neun Juniorcoachs.

Die 14-jährige Aisha legt das Gästebuch bereit, in das sich jeder eintragen muss. Alles ready. Aishas Bruder Aji öffnet die Tür. «Mann, ändlech, ey!» Die Nachtfalter drängen ins Warme. Eines ist schnell klar: Dieses Völkchen kommt nicht, um Sport zu treiben – zu hoch sind die Absätze, zu eng die Hemden, zu gestylt die Frisuren.

Szenen wie diese spielen sich zeitgleich in rund 70 anderen Deutschschweizer Turnhallen ab. Midnight Sports ist überall. Angezettelt hat das Ganze der 46-jährige Zürcher Bobbi Schmuki. 1999 wurde er als Stadtplaner von der Stadt Zürich mit einer Quartieraufwertung beauftragt. Als Hauptproblem in urbanen Landschaften erkannte er die fehlenden Freiräume für Jugendliche. Gleichzeitig gibt es in Turnhallen brachliegenden Raum – er muss nur zugänglich gemacht werden.

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Quelle: Dominic Büttner

«Die gleiche Klientel wie ein Botellón»

Das Prinzip der offenen Turnhallen kannte Schmuki aus Hamburg: ein konsumarmer Anlass, organisiert von Jugendlichen für ihresgleichen. Das niederschwellige Angebot richtet sich vor allem an Kids, die sich Klubs nicht leisten können und sich von Vereinen nicht begeistern lassen. Mit diesem Ansatz holte Schmuki vor zehn Jahren erstmals an einem Samstagabend Kids von der Strasse, um sie in der Halle ein paar Stunden Basketball spielen zu lassen. Eine simple Idee, die zur Erfolgsgeschichte wurde (siehe nachfolgender «Hintergrund»).

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Beobachter: Das Projekt heisst Midnight Sports, aber viele fassen kaum einen Ball an.
Bobbi Schmuki: Es gibt viele Turnhallen, in denen es sportlich abgeht. Aber für die Jugendlichen ist es vor allem Ausgang. «Midnight» hat die gleiche Klientel wie ein Botellón. Und auch die gleiche Funktion: sehen und gesehen werden.

Beobachter: Das Projekt kämpft auch gegen die gleichen Vorurteile: Sich selbst überlassene Jugendliche würden nur Lärm und Schäden verursachen.
Schmuki: Diese Annahme hält sich hartnäckig. Anfangs wird die Idee an jedem neuen Standort mit diesem Argument bekämpft – jede Gemeinde ist davon überzeugt, die schlimmsten Kids der Welt zu haben. Es heisst immer: «Das funktioniert vielleicht andernorts, aber bei uns nicht.» Oft stellen sich auch die Jugendarbeiter quer.

Beobachter: Wieso das?
Schmuki: Wenn die Jugendlichen sich selbst unterhalten, verlieren die Jugendarbeiter ihre Existenzberechtigung. Ausserdem sind wir viel billiger: Eine Saison Midnight Sports kostet die Gemeinde nur rund 25'000 Franken. Ein weiteres Problem sind politische Grabenkämpfe: Manche Parteien sind gegen «Midnight», weil ihre Gegner dafür sind. Um uns an einem neuen Ort etablieren zu können, ist es entscheidend, die richtigen Leute ins Boot zu holen.

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Beobachter: Wer sind die richtigen Leute?
Schmuki: Der Hauswart, die Kirche, die Polizei. Wenn Kirche und Polizei eine Sache für gut erklären, wirds für die anderen schwierig, dagegen zu sein.

Beobachter: Die Polizei? Finden die Jugendlichen das nicht schräg?
Schmuki: Überhaupt nicht. Meist schauen die Polizisten nur mal kurz vorbei. In der Stadt Zürich spielt aber auch mal eine Streife den ganzen Abend mit. Gerade die schweren Jungs, die von der Polizei vielleicht schon mal «reingenommen» wurden, schätzen diese spielerischen Auseinandersetzungen sehr.

Beobachter: Und warum ist der Hauswart so bedeutend?
Schmuki: Wir erleben immer wieder, dass Midnight Sports in eine Art Vernehmlassung gegeben wird: über den Gemeinderat zur Schulpflege, dann an die Lehrerschaft. Schliesslich fragt einer der Lehrer den Hauswart, ob er seine Halle am Samstag öffnen würde – sagt er nein, geht es den ganzen Weg zurück, und wir bekommen auf der politischen Ebene eine Absage. Damit wird der Hauswart zum Entscheidungsträger, den wir zum Verbündeten machen müssen.

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Beobachter: Midnight Sports ist eine Idee, die in der Stadt geboren wurde. Mittlerweile gehen aber auch auf dem Land die Turnhallen auf – gibt es dort überhaupt eine Nachfrage?
Schmuki: Gerade dort. In Landgemeinden heisst die Strategie bis anhin: Wenn wir nichts anbieten, gehen die Jugendlichen in die nächste Stadt, und wir haben hier bei uns keine Probleme. Bezeichnenderweise war es bei einem Anlass auf dem Land, als wir zum ersten Mal eine Alkoholleiche ins Spital bringen mussten. Der junge Mann hätte sich auch ohne unseren Anlass bewusstlos getrunken, er hätte es einfach anderswo getan. Nun ist das Thema wenigstens auf dem Tisch.

«Jede Gemeinde ist davon überzeugt, die schlimmsten Kids der Welt zu haben.» Bobbi Schmuki, Initiant von Midnight Sports

Quelle: Dominic Büttner
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21.10 Uhr: Das Zuger Dorf Hünenberg zeigt an diesem Abend seine nüchterne Seite: Fast klinisch sauber ist es in der Eichmatt-Turnhalle. Etwa 70 Jugendliche sind gekommen, die meisten zwischen 12 und 14. Mal fliegt einer übers Trampolin, ein paar kicken Bälle, andere schwingen an den Seilen. Vor allem aber tun sie nichts. Genauer: Sie schlendern, sitzen, liegen in Grüppchen. Lachen, wippen zur dröhnenden Musik, die der DJ auflegt. Und wirken so entspannt, wie es pubertierende Oberstufenschüler halt können. Ohne «Midnight» müssten sie daheim «Wetten, dass…?» über sich ergehen lassen, würden im Internet surfen oder eine DVD schauen. Einige wären «im Dorf», ohne Plan. So erzählen es Noemi, Dani, Tanja, Dario, Lena oder Fabian.

In der reichen Gemeinde gibt es keine der Unterschicht-Kids, wie sie das «Midnight»-Projekt in den sozialen Brennpunkten der Städte anpeilt. Hier auf dem Land hat die offene Turnhalle eine andere Funktion – sie ist schlicht der einzige Ort, wo die Jugend am Samstagabend hingehen kann. Wo mann den neuen Markenpulli zeigen und frau etwas Schminke auftragen kann. «Das hier ist der Ausgang für sie», sagt Christian Hofer, Bereichsleiter Jugend der Gemeinde. Er schaut, dass die Dinge unter Kontrolle bleiben. In Hünenberg ist es üblich, dass an den «Midnight»-Anlässen mindestens zwei Erwachsene nach dem Rechten sehen.

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Quelle: Dominic Büttner

Knutschen, wo die Bälle fliegen

Dabei gehört zu Midnight Sports die weitgehende Abwesenheit von Erwachsenen: Es ist ein Anlass der Jugendlichen, sie selbst sollen organisieren. In Bern-West finden Organisation und Struktur allerdings nur zurückhaltend statt. Dem knutschenden Pärchen auf der Matte fliegen dauernd Bälle um die Ohren. Nicht auszudenken, was ein wuchtiger Treffer mit ihren Plättchenspangen anrichten würde.

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Es ist 22.05 Uhr. Ein gutes Dutzend Jungs treibt wirklich ausgiebig Sport. Sie sind ununterbrochen am Bänkli-Tschutte. Immerhin: Die aufgetakeltsten Mädchen tanzen im Mittelkreis – was angesichts des Schuhwerks auch fast als Sport gelten darf. Die meisten lungern einfach auf den Matten, Treppen und Gängen herum: «Hauptsache warm und Kollegen», sagt einer.

Ein paar 18-Jährige, die Ältesten an diesem Abend, haben ein Minitrampolin aus dem Geräteraum geholt und testen damit die Flugeigenschaften ihrer Gangsterposen. Ein kleiner Juniorcoach steht hilflos dabei: «Ich habe gesagt nein, ihr dürft das nicht, wir haben Regeln hier.» Entgegnung: «Hau ab, sonst gibts was auf die Fresse.»

Weil den bösen Buben körperlich nicht beizukommen ist, muss es zahlenmässige Überlegenheit richten – und halt doch eine Erwachsene: Flankiert von zwei Juniorcoachs, fordert die herbeigeholte Abendleiterin Sarah Schmid die Burschen auf, die Halle zu verlassen: «Geht ihr jetzt bitte raus?» Freundlich, aber bestimmt. Und immer wieder. Die drei zieren sich. Aber nach längerem Hin und Her hat einer eine Idee: «Ey, lasst uns gehen.» Er sagts, als wärs ein gänzlich neuer Vorschlag. Die Clique schreitet breitbeinig aus der Halle. Der Abgang scheint selbstbestimmt, alle haben das Gesicht gewahrt. Weil aber vor der Halle die Novemberkälte lauert, lungern die drei vor der Tür herum, rauchen und spotten.

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Als einer den 27-jährigen Seniorcoach Ali als «huere Nigger» beschimpft, macht dieser zwei schnelle Schritte Richtung Tür. Die Lederjacke verschwindet hastig in der Nacht. Sarah Schmid nimmt die Crew kurz zusammen: «Niemand geht raus. Wir bleiben gelassen, und wir begeben uns nicht in Gefahr. Klar?» Alles klar.

Quelle: Dominic Büttner

Beobachter: Stören die erwachsenen Aufsichtspersonen nicht die Idee von Midnight Sports?
Bobbi Schmuki: Nein, die halten sich meist im Hintergrund. Leise Präsenz kann sogar befruchtend sein: In Basel wird «Midnight» vom Rotary-Club mitorganisiert. Da stehen immer zwei Altherren in der Halle, manchmal töggelen sie mit den Kids: Vereinzelt sind Jugendliche dadurch schon zu Lehrstellen gekommen.

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Beobachter: Sind die Jugendlichen zu lasch, um den Anlass allein durchzuziehen?
Schmuki: Gar nicht. Die Kids selbst sind oft viel strenger, als es Erwachsene wären. Wenn einer etwas ausfrisst, heisst es schnell: Der kommt hier nie mehr rein! Da muss man manchmal fast ein bisschen bremsen.

Beobachter: Dennoch erscheint das Treiben recht chaotisch.
Schmuki: Ja, aber der Anlass wird von den Jugendlichen sehr stark ritualisiert: Wer sitzt wo auf der Matte? Wer darf hinters DJ-Pult? Diese Regeln bleiben oft unausgesprochen, aber alle halten sich daran. Daraus entwickelt sich eine Art Verhaltenskodex.

Quelle: Dominic Büttner
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Hünenberg, 22.15 Uhr. Hier gibt es keine Konflikte zu schlichten. Dani greift zum Mikrophon: «Wer will es Unihockey-Mätschli mache?» Die Frage verhallt ungehört. Der 14-Jährige mit dem nach vorne gekämmten Haarschopf ist als Juniorcoach auch dafür zuständig, etwas anzureissen, wenn sich in der Halle Lethargie breitmacht. «Die Kids hier haben fast alles, sie sind schwierig zu animieren», hat schon zuvor Projektleiter Claudio Bättig festgestellt. Ansonsten seien es Jugendliche mit den gleichen Problemen wie andernorts auch. Zum Glück nicht auf Schlägereien aus, mehr aufs Trinken und Rauchen. Deshalb macht sich Bättig jetzt auf zur Patrouille rund ums Schulhaus. Dani hat unterdessen Mitstreiter für sein «Mätschli» gefunden.

In Hünenberg ist «Midnight» bereits um 23 Uhr zu Ende – ein Wunsch der Eltern. Die ersten von ihnen fahren mit dem Offroader vor, während drinnen das Aufräumen ordentlich klappt. «Gute Stimmung, sehr ruhig», wird der Projektleiter später in seinem Abendrapport vermerken. Die Kids werden wiederkommen am nächsten Samstag. «Wo sollte ich sonst hin?», fragt Julia, 13, bevor sie in der Nacht verschwindet.

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In Bern löst sich der Anlass ab 23 Uhr von selbst auf. Die Kids tröpfeln cliquenweise aus der Halle. Die jungen Coachs räumen die Geräte weg und putzen. Keine Schäden, keine Verletzten – eine gute Bilanz für einen Abend mit 90 Jugendlichen aus einem sozial schwachen Quartier.

Je nach Alter sind sie «nach Hause» gegangen, «in den Ausgang» oder Richtung «keine Ahnung». Die Nacht ist noch jung. Wie nachhaltig Midnight Sports ist, wurde noch nicht untersucht. Schmuki räumt ein, der präventive Effekt beschränke sich vielleicht einzig auf die Stunden, in denen die Kids in der Halle sind. Immerhin.

Quelle: Dominic Büttner
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Beobachter: In Bern wäre eine Auseinandersetzung beinahe eskaliert. Jugendliche und latente Gewalt: Gehört das einfach zusammen?
Bobbi Schmuki
: Alles redet davon, aber unsere Erfahrungen sind anders. Ich weiss noch, wie ich beim ersten «Midnight» vor zehn Jahren als Abendleiter auf die Eskalation gewartet habe, die mir verschiedene Experten vorausgesagt hatten. Aber sie kam nicht – auch am zweiten, dritten und vierten Abend nicht. Bis heute gab es bei bald 6000 Anlässen mit einer Viertelmillion Besuchern kaum einmal Vandalismus, nur vier Schlägereien und nur ein einziges Mal Verletzte. Also, wenn Sie mich fragen: Die Selbstregulierung unter den ach so schwierigen Kids funktioniert doch blendend!

Quelle: Dominic Büttner
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Hintergrund

Midnight Sports – eine preisgekrönte Erfolgsstory

Am 18. September 1999 wurde im Zürcher Sihlfeld-Quartier erstmals eine Turnhalle geöffnet, um Jugendliche von der Strasse zu holen. Seither ist Midnight Sports zu einem der grössten offenen Jugendprojekte in der Deutschschweiz angewachsen: An 71 Standorten wurden rund 5600 Anlässe mit 245'000 Besuchern durch­geführt. An neuen Standorten ­betreut die Dachorganisation Midnight Schweiz das Projekt etwa anderthalb ­Jahre lang, danach geht es an lokale ­Träger über.

Aussagen einer Studie der Hochschule ­Luzern: Für knapp 70 Prozent der Befrag­ten ist «Midnight» eine gute Alternative zum Ausgang. Über 80 Prozent wären bei einem Ausfall irgendwo unorganisiert ­unterwegs, aber nicht zu Hause.

Zum Zehnjahrjubiläum zeichnete die Schwab-Stiftung Midnight Sports als eines der vier besten Sozialunternehmen der Schweiz aus. Und Initiant Bobbi Schmuki erhielt den Preis für Menschenwürde der Tertianum-Stiftung.

www.midnightschweiz.ch