Es geht bergab. Immer steiler. Das Pferd schnaubt, versucht, den schweren Planwagen abzubremsen. Doch seine Hufe schlittern über den Kies. Rechts des Wegs: ein Bachbett. Links: eine Mauer. Und vor uns eine Kurve. So schnell ich kann, drehe ich an der Bremskurbel. Die Bremse spricht zwar an, aber die Räder rutschen auf dem Feldweg, und die Hinterachse droht auszubrechen. Dann, nach bangen Sekunden, greifen die Räder endlich. Knapp lenke ich den Wagen um die Kurve. Das ging noch einmal gut. Nur mein Herz rast, und das meiner Frau ebenso. Die Kinder hinten im Wagen haben nichts ­mitbekommen: Unbekümmert erzählen sie ein­ander Geschichten. Von wilden Pferden vermutlich.

Ein entspanntes Wochenende voller Musse und Entschleunigung: So haben wir uns die Planwagenfahrt im Zürcher Weinland vorgestellt. Was wir erleben, ist viel eher ein Abenteuer. Ein Wagnis mit mehreren Unbekannten, die wir erst noch in den Griff ­bekommen müssen.

Unbekannte eins: das Pferd. Wird es machen, was wir wollen?

Unbekannte zwei: die Kinder. Haben sie Angst vor dem Pferd? Wird es ihnen langweilig? Gibt es für sie Gefahren, von denen wir nichts wissen?

Unbekannte drei: der Weg. Werden wir auf Hindernisse stossen, die nicht zu überwinden sind?

Quelle: Tina Steinauer
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Am Abend zuvor hat uns Instruktor Jakob Möckli auf das gemeinsame Abenteuer regelrecht eingeschworen. Wir – vier Erwachsene und drei Kinder – standen auf dem Reitplatz des Pferdehofs Tiefental in Schlatt TG und sollten innert kurzer Zeit lernen, wie man mit Pferden umgeht.

45 Pferde leben auf dem Hof. Unser Interesse aber galt besonders einem Tier: Kathy, einer 20 Jahre alten Freiberger Stute, stattlich, schön kastanienbraun gefärbt. Sie sollte in den nächsten beiden Tagen unsere Gefährtin sein.

Quelle: Tina Steinauer
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«Fang Kathy ein», sagte Jakob Möckli zu Reto, dem zweiten Mann in unserem Bund. Mit einem Seil bewaffnet, schritt dieser auf die Weide. Ruhig legte er Kathy das Seil um den Hals und führte sie auf den Platz. «Spring auf das Pferd.» Reto tat wie geheissen, wenn auch mit etwas wenig Eleganz. «Und nun steh auf seinen Rücken.» Er tat auch dies. Wir klatschten. Und Jakob Möckli meinte nur: «Ihr müsst euch an die Tiere gewöhnen. Denn nur wenn ihr keine Angst habt vor den Pferden, zeigen sie Respekt vor euch.»

Am nächsten Morgen spannten wir Kathy vor den Wagen. Wir hantierten mit allerhand Gürteln und Laschen, mit Vorgeschirr und Hintergeschirr, mit Zaumzeug und diversen anderen Dingen, die wir noch nie gesehen hatten. Schliesslich, nach einer Stunde, war Kathy bereit. Und auch die Kinder begannen schon, ihre Scheu vor dem grossen Tier etwas abzubauen.

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«Seid natürlich und entschlossen», mahnte uns ­Jakob Möckli noch. «Ein Pferd nimmt viel mehr wahr, als man annehmen würde.»

Wir schauten Kathy in die Augen. Was sie wohl in uns sah? Was sie wohl dachte? Dann zog Andrea, meine Frau, am Seil, und Kathy trottete los. Na also. Wird schon nicht so schwierig sein.

Klack, klack, klack. An dieses Geräusch werden wir uns heute noch gewöhnen. Mit vier Kilometern pro Stunde ruckeln wir durch Wald und Wiese, über Strassen, Brücken und durch Dörfer. Zehn Kilometer sollen es am ersten Tag sein, 15 Kilometer am zweiten. Andrea läuft vorne mit und führt das Pferd am Seil. Ich sitze auf dem Kutschbock, lese die Karte, drehe notfalls an der Bremse. Die anderen sind mal hier, mal da, rennen vor­aus, führen das Pferd, sitzen wieder auf dem Wagen. Es sind Momente des Fa­milienglücks. Der unbeschwerten Beschaulichkeit. Bis der erste Abhang kommt.

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Quelle: Tina Steinauer

Da rast ein erstes Mal das Herz. Hufe schlittern. Kies knirscht. Konzentration ist gefragt. Und wir merken: Die Fahrt hat ihre Tücken. Es ist nicht die einzige Herausforderung an diesem Wochenende.

Es folgen Felder. Sumpfgebiet. Schweinezuchtbetriebe. Darauf überqueren wir eine Bahnlinie – und stehen mitten in einem Dorf. Die Leute winken. Kathy schnaubt. Und furzt. «Igitt!», kreischen die Kinder. Und ich muss ständig darauf aufpassen, dass der Wagen keinen Zaun rammt, keinen Pfosten, kein Auto.

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Die nächste Herausforderung: eine stark befahrene Strasse. Frech fädeln wir uns in den Verkehr ein. Blockieren minutenlang einen Kreisel. Hinter uns Stau: Autos, Lastwagen, ein Postauto. Doch Kathy trottet. Langsam. Vor sich hin. Wir können nichts tun ausser Ruhe bewahren. Und atmen auf, als wir wieder auf dem Feldweg sind.

Alle packen mit an: Zwischendurch ist Muskelkraft gefragt.

Quelle: Tina Steinauer

Langeweile? Kommt nicht auf. Und ich bin sehr ­erstaunt, wie weit Kinder wandern können, wenn ein Pferd es ihnen gleichtut.

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Am Abend empfängt uns eine Bauernfamilie in Mar­thalen ZH vor ihrem Riegelhaus. Die Kinder bringen das Pferd in den Stall, tränken es, geben ihm viel Heu. Dann dürfen sie es striegeln. Und ich freue mich, dass sie die Scheu vor dem Tier verloren haben. Dass ihnen Kathy ans Herz gewachsen ist.

Später beziehen wir unser Nachtlager: ein behagliches Strohbett in einer Scheune. Durch die Ritzen sehen wir die Lichter des Dorfs. Die Kinder lieben das Landidyll. Uns Erwachsenen gefällt es auch. Früh schlummern wir ein. Draussen sind die Fledermäuse auf der Jagd, und Katzen ziehen um die Häuser.

Eine Nacht im Stroh.

Quelle: Tina Steinauer
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Im Bett denke ich noch mal an unser Pferd. Ob es Kathy mit uns gefällt? «Das Pferd möchte immer in seiner Herde sein», hat Jakob Möckli gesagt. Ich denke an all die Pferde, die tagein, tagaus einsam in ­ihrer Koje stehen. Und hoffe, dass es Kathy in ihrem temporären Stall nicht allzu langweilig wird.

Quelle: Tina Steinauer

Früh rennen die Kinder am nächsten Morgen in den Stall. Im Pyjama füttern sie das Pferd mit Gras, noch bevor sie selber etwas gegessen haben. Und singen fröhlich «Hüaho, alter Schimmel».

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Später holpern wir entlang von frisch gedüngten Zuckerrübenfeldern. Über uns singt eine der selten ­gewordenen Lerchen. Ab und zu will Kathy grasen – doch das darf sie nicht, «wegen der Chemie», wie Jakob Möckli sagte. Mit vereinten Kräften ziehen wir das Pferd vom Ackerrand weg, vorwurfsvoll schaut es uns an. «Krass», sagt Andrea, «dass Pferde nicht einmal mehr grasen können.»

Im Tal der Thur riecht es endlich nach Frühling statt nach Dünger. Wir sehen Biberspuren. Blumenwiesen. Bienen. Brätelnde Familien. Und ich schweife gedanklich erstmals so richtig ab.

Praktisch und bequem: Wer lange gelaufen ist, darf sich auf dem Wagen ausruhen.

Quelle: Tina Steinauer
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Wir leben in einem System der Gehetzten, habe ich kürzlich gelesen. In einem System der Unausgeschlafenen und Gleichgetakteten. Wir sprechen von Zeitnot, von schlechtem Zeitmanagement und geben uns selber die Schuld dafür. Aber ist das Gehetze gesund? Macht es uns glücklich? Bleiben nicht all die Momente auf der Strecke, für die man eigentlich lebt?

Ich nehme mir vor, mir und meiner Familie wieder mehr Musse zu verschaffen. Weniger Plan, mehr Leben, mehr Genuss. So wie jetzt.

Quelle: Tina Steinauer
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Kurz vor dem Husemer See ist es mit der Musse allerdings vorbei. Statt nach links biegen wir dummerweise nach rechts ab. Nun müssten wir irgendwie wenden – unmöglich auf diesem Weg. Wir sehen nur eine Lösung: einen steilen Wiesenstreifen hinunterzufahren, um auf einen anderen Weg zu gelangen. Alle müssen absteigen, für den Fall, dass der Wagen kippt. Die Kinder rennen voraus. Ich führe das Pferd. Andrea ist auf dem Kutschbock. Wieder rast der Puls. Aber ­Andrea bremst besser als ich.

Dumm nur, führt der Weg geradewegs auf die abschüssige Liegewiese am Husemer See. Viele Familien rasten hier. Sie freuen sich nicht besonders, als wir mit Pferd und Planwagen mitten durch die Badi ruckeln. Wir grüssen – und lächeln gequält. Mit vereinten Kräften stossen wir den Wagen die Wiese hinauf.

Wir spannen Kathy aus, lassen sie ausgiebig rasten. Sofort beginnt sich der schweissnasse Koloss im Gras zu wälzen. Die Kinder lachen, streicheln das Pferd und strecken darauf die Beine in den eiskalten See.

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Zum Wiehern schön: Die 20-jährige Freiberger Stute Kathy wälzt sich wohlig im Gras.

Quelle: Tina Steinauer

Auf der Rückfahrt zum Pferdehof wird Kathy ungeduldig. Sie scheint den Weg zu kennen und hat nun ausgeprägten Stalldrang. Kaum hält der Wagen an, beginnt sie zu scharren, vorwärtszudrängen.

Jetzt zeigt sich die Kraft, die in ihr steckt. Plötzlich marschiert Kathy einfach los. Beim heftigen Ruck fällt Andrea vom Wagen auf die Strasse, die eine Tochter kullert ebenfalls hinunter. Aufgekratzte Arme. Tränen. Betretene Gesichter. Das hätte nun nicht sein müssen. Doch die Tränen trocknen rasch.

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Quelle: Tina Steinauer

Eine Stunde später ist die Fahrt vorbei. Ob es Spass gemacht habe, will Jakob Möckli wissen. Wir nicken. Und meinen es auch so. Ein letztes Mal streicheln die Kinder Kathy, geben ihr Äpfel und Karotten. «Gut gemacht», flüstert die Tochter und riecht nochmals am feuchten Pferdefell.

Kathy schaut sie nur mit ihren grossen braunen ­Augen an. Und wir fragen uns, ob sie uns ein ­wenig liebgewonnen hat.