Hansruedi Huwiler, 56, ist in Sorge. Das Licht in der Mehrzweckhalle Elba im zürcherischen Wald ist schlecht. Sogar für Huwilers professionelle Videokamera - er filmt im DVCam-Format - dürfte es schwierig werden, ansprechende Bilder zu liefern. Auch der Kameramann selbst ist gefordert: «Die schnellen Bewegungen sind sehr schwer einzufangen», sagt Huwiler. Er soll heute das dritte Indoor-Showfliegen der Modellfluggruppe Wald auf Video bannen. Dabei ist Huwiler, von Beruf Gärtner, eigentlich Naturfilmer, wie er sagt: «Ich habe für den Schweizerischen Obstverband einen Dokumentarfilm über den Apfelbaum gedreht.»

In der Eingangshalle steht an diesem Sonntag schon morgens um acht Uhr fast alles für den grossen Tag bereit. Auf dem Verkaufstisch stapeln sich in Klarsichtfolie eingepackte belegte Brote, neben der Kaffeemaschine liegt ein Kuchen mit dem obligaten Marzipanrüebli auf der Zuckerglasur. Die MG Wald hat ihr Bestes gegeben.

Das Wetter nicht. Petrus ist kein Pilot - einen anderen Schluss lässt der äusserst ergiebige Schneefall nicht zu. Angekündigt war die Teilnahme von Modellfliegern aus der ganzen Schweiz, ja sogar aus dem Ausland. Als um zehn Uhr aber die «Flugshow der Superlative» losgehen soll, ist noch kaum ein Pilot erschienen.

Aus Nidwalden hat es Marcel Imhof, 16, geschafft. Unter dem Arm trägt er den Hallenflieger «Smove». «Das Modell fliegt sehr exakt und ist wendig», sagt Imhof. Gebaut hat ihn ein deutscher Tüftler, Manuel Nübel. Er ist kaum älter als Marcel und beherrscht das Pilotieren so gut, dass er mit seinem Modell durch die Wohnung fliegen kann, ohne Schaden anzurichten. Marcel erzählt es leuchtenden Auges und fügt hinzu: «Ich habe es auch versucht, bin aber an der Treppe hängen geblieben.»

Wohl auch dem Wetter zuzuschreiben ist die Lage auf der Zuschauertribüne. Die Ränge sind leer, nur zuhinterst haben sich einige Schaulustige eingefunden.

Der grosse Moment geht in die Hose
MG-Wald-Präsident Patrick Häusler, ein Mann von unerschütterlichem Optimismus, lässt sich nicht beirren. Entschlossen greift er zum Mikrofon und wendet sich den fast leeren Zuschauerrängen zu: «Jetzt seht ihr eine Vorführung von Marcel Imhof. Er ist aus dem Kanton Nidwalden zu uns gekommen.» Marcel schreitet aus dem Geräteraum, setzt seinen «Smove» auf den Hallenboden, schiebt an der Fernsteuerung gefühlvoll den Gashebel nach vorn - aber der Propeller tut keinen Wank. «Immer im dümmsten Moment», murmelt Marcel, packt das widerspenstige Fluggerät ruppiger als nötig und kehrt etwas geknickt in den Geräteraum zurück.

Ein kleines abgerissenes Magnetstückchen im Motor hat den «Smove» der Lebensgeister beraubt, wie sich bei seiner Kontrolle zeigt. Patrick Häusler geht Marcel zur Hand. Mit einem Schnellkleber leimt der MG-Wald-Präsident flink und sichtlich routiniert die Motormagnete dorthin, wo sie die Gesetze der Elektrodynamik haben wollen, setzt das Gehäuse wieder auf und tatsächlich: Nach des Meisters Intervention beantwortet das Motörchen den Druck auf den Geschwindigkeitsregler mit einem artigen Schnurren.

Jetzt startet auch Matthias Fischer seinen Flieger. Auf der Tragfläche verrät ein Wortspiel, warum der 26-Jährige im Verein mitmacht: «4 fun». Mit einem kurzen Blick kontrolliert er Quer- und Seitenruder, gibt Gas, und schon schraubt sich «4 fun» in steilem Steigflug gegen die Decke, verlangsamt und schwenkt kurz vor den Turnringen in eine flachere Flugbahn.

Währenddem lässt MG-Wald-Präsident Häusler für Kameramann Hansruedi Huwiler seinen Flieger für Momente einen Meter über den Boden schweben. «Jetzt ist gut, sauber», quittiert Huwiler. Als die Musikanlage die aufpeitschenden Rhythmen von Bon Jovis «Living on a prayer» in die Halle schickt, zieht Häusler am Steuerknüppel - viel zu früh. Die gerissene Rolle, eine anspruchsvolle Kunstflugfigur, misslingt. Sein Fluggerät geht zu Boden.

«Das ist der Musikeffekt», sagt der 13-jährige Janosch mit jener selbstgewissen Lakonie, die nur der frühen Jugend gelingt. Das sei ja völlig klar: Die Musik reisse mit, so lasse man sich zu waghalsigeren Flugmanövern verleiten. «Und dann gehts eben schief», schliesst Janosch seine Deutung.

Der Nachwuchs bereitet Probleme
Auch für ihn ist es ein besonderer Tag. Seine Mutter will ihm das Klub-T-Shirt kaufen, mit dem Emblem: drei Segelflieger im Formationsflug über drei stilisierten Tannen. Janosch und sein gleichaltriger Freund Fabian träumen nicht davon, Piloten zu werden: «Die Modellfliegerei ist einfach ein Hobby», sagt Fabian.

Auf den Jugendlichen wie Janosch und Fabian ruhen die Zukunftshoffnungen der MG Wald, denn wie alle Dorfvereine kämpft auch der Modellflug mit Nachwuchsproblemen. Die Veteranen dieser Gruppe geben sich punkto «Joystick-Generation» keinen Illusionen hin. «Früher war man als Modellflugbauer bedingungslos engagiert. Für die Jungen heute ist es bloss eine Freizeitaktivität unter vielen», sagt Lümo. So nennen ihn alle in der Gruppe. 17 Jahre hat der 45-Jährige, der eigentlich Hans-Rudolf Lüdi heisst, das Baulokal des Vereins geleitet: einen Raum, in dem Jugendliche unter Anleitung Flugzeuge basteln können. «Die handwerklichen Fähigkeiten haben während dieser Zeit kontinuierlich abgenommen», sagt Lümo.

Im Geräteraum ist Patrick Häusler daran, die ramponierte Nase seines Flugmodells wieder zusammenzukleben. Die Arbeit gleicht einem Puzzle, der Crash hat den vorderen Teil in seine Bestandteile aufgelöst. Im Raum herrscht Hangaratmosphäre. Auf den Schwedenkästen liegen die reparaturbedürftigen Flieger, die Steckdosen sind mit Akku-Ladegeräten belegt, und am Boden reiht sich Werkzeugkoffer an Werkzeugkoffer. Darin liegen Feinmechanikwerkzeuge - und, in einem mit Sand gefüllten Plastikbeutel, Lithium-Polymer-Akkus. Die ungewöhnliche Verpackung ist eine Sicherheitsmassnahme. Die High-Tech-Akkus sind sehr leistungsstark, explodieren aber bei unsachgemässer Behandlung gern.

Mit Peter Gafner betritt ein Pilot die Halle, der nicht nur Modelle fliegt, sondern auch deren Vorbilder. Gafner ist Kunstflugpilot in der Nationalmannschaft. Bald aber schon wird klar, dass nicht er der wahre Star ist, sondern sein Sohn Fabian, 16, ein etwas schlaksiger Junge. Fabian habe seine Modelle am letzten Offiziersball in Bern in Anwesenheit von Adolf Ogi zeigen können, berichtet Vater Gafner stolz. «Schauen Sie sich die Drähte an: Eine Speziallackierung übernimmt die Isolierfunktion. Dieses Flugzeug ist kompromisslos auf Leichtigkeit gebaut.»

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Das Zweiwegflugzeug imponiert
Derweil präsentiert Fabian vor der Tribüne seine neuste Entwicklung: ein Modell, das durch seine elektrisch verstellbaren Flügel vorwärts wie auch rückwärts fliegen kann. Erste Flugversuche waren allerdings noch nicht von Erfolg gekrönt: «Beim ersten Rückwärtsflug ist er mir abgeschmiert», berichtet Fabian. So beschränkt sich der junge Tüftler darauf, das Unikat über den Linoleumboden hin und her flitzen zu lassen. Und wie sich die Flügel dieses Gefährts dabei, wie von Geisterhand bewegt, nach hinten und wieder nach vorn verschieben, eine Art Gestalt gewordenes Vexierbild, mal Flugzeug, mal futuristisches Science-Fiction-Fluggerät - da entfährt einem schon angejahrten MG-Wald-Mitglied die Verblüffung in den Worten: «Huere verreckt!»

Dem freundlichen Applaus nach zu schliessen, scheint Fabians Vorführung auch auf der Tribüne gut angekommen zu sein. Viele der spärlichen Zuschauenden sind vom Fach. Etwa die beiden Brüder Heinz und Walter Suter. Pioniere des Modellflugs im Zürcher Oberland seien sie, erzählt Heinz Suter. Ihre Erinnerung reicht bis in die sechziger Jahre, als die Modelle noch aus Balsaholz gebaut und die Tragflächen mit Chinaseide verstärkt wurden. Heute fliegen die beiden nicht mehr. «Die Reaktionsschnelligkeit fehlt und dann auch: die Sicht», sagt Heinz Suter und deutet mit einem komplizenhaften Schmunzeln auf seine Augen.

Neben den beiden Brüdern sitzen Norbert und Beatrice Bürge. Beatrice ist seit mehr als 20 Jahren «Flüügerlifrau», wie sie es nennt. Norbert hat erst vor kurzem die Vorteile des Elektroflugs entdeckt. Viel familienfreundlicher sei dieser, weil weniger aufwändig als das Fliegen mit Verbrennungsmotoren. «Ich kann auf den Platz fahren, den Flieger aus dem Kofferraum nehmen, zwei Akkus leer fliegen und dann wieder nach Hause zurückkehren», sagt Norbert Bürge.

Aufmerksam geworden durch den Wechsel im Musikstil, wenden sich die Zuschauerinnen und Zuschauer wieder der Halle zu. Dort unten steht mit umgehängter Fernsteuerung Thomas Wäckerlin, 34. Auf der Schwanzflosse aller seiner Flugzeuge ist das Schweizer Kreuz aufgemalt: «Ich bin kein Patriot, aber die Modelle müssen doch einfach ein wenig aamächelig aussehen.»

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Die Show hängt an einem Faden
Sanfte Musik klingt aus den Lautsprechern: «Three times a lady» von den Commodores. Thomas Wäckerlin lässt seinen «Moondancer» in die Lüfte steigen. Um den ästhetischen Reiz zu erhöhen, hat er am Heck des Modells einen meterlangen Lamettafaden angebracht. Willig unterwirft sich der Faden dem poetischen Anspruch und zeichnet weich die Flugmanöver nach. Zur Zeile «There’s nothing to keep us apart» fliegt Wäckerlin eine langsame Schraube. Hansruedi Huwiler filmt. Das Publikum applaudiert.

Wäckerlin ist ein ambitionierter Pilot. Im Sommer will er an den Modellflugweltmeisterschaften in Rumänien teilnehmen. Natürlich habe das Modellfliegen etwas Spielerisches, sagt er. Aber der Bau eines Modells bedeute viel Arbeit, und die Technik sei komplex. Spieltrieb und Faszination an der Physik seien seine Motivation, sagt Wäckerlin und fügt mit eindringlichem Blick hinzu: «Schreiben Sie aber nicht bloss über die Abstürze, wie es Ihre Kollegen meistens tun, gell.»

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