Hoch steht der Mond über dem Grenzgletscher oberhalb von Zermatt. Der verharschte Schnee und das Eis glitzern, drum herum stehen dunkel und still die Viertausender vom Matterhorn bis zur Dufourspitze. Oberhalb des Gletschers, mitten in einer unwirtlichen Felslandschaft, schimmert die Aluminiumhülle der Monte-Rosa-Hütte im Mondlicht. Es ist kurz vor zwei Uhr morgens. Nach und nach gehen in der Hütte die Lichter an. Wer auf die Dufourspitze will, den höchsten Berg der Schweiz, muss früh aufstehen. Jetzt wird deshalb das erste Frühstück zubereitet: Ein kleines Frühstücksbuffet steht im Essraum bereit. Helle, weisse Lampen beleuchten die Tische, aus der Stereoanlage ist leise das Nachtprogramm von DRS 3 zu hören.

Obwohl die nächste Stromleitung viele Kilo­meter entfernt endet, verfügt die Hütte über Elektrizität. Möglich machen es 110 Quadratmeter Solarzellen auf der nach Süden gerichteten Fassade. Der hier tagsüber erzeugte Strom wird in mehreren Dutzend Batterien im Keller gespeichert. Bleibt die Sonne mal zu lange weg, steht ein Blockheizkraftwerk (BHKW) bereit, das Strom und Heizwärme erzeugt. Betrieben wird es mit Rapsöl.

Auf der ganzen Welt gibt es keine modernere Berghütte. Das Projekt entstand in einer Zusammenarbeit von ETH Zürich und Schweizer Alpen-Club (siehe Box «Platz für 120 Alpinisten»). Ziel war es, eine Berghütte zu bauen, die möglichst autark funktioniert und dabei eine gute Gesamtökobilanz auf­weist. Eine grosse Herausforderung, denn die Hütte steht auf 2900 Metern über Meer, in einer Gegend, wo das Thermometer auf minus 30 Grad fallen kann und es keinen Anschluss ans Wasser- und Abwassernetz ­sowie an die Stromversorgung gibt. Einer Gegend zudem, die weit entfernt ist von der nächsten Strasse oder Bergbahnstation.

Trotzdem ist es gelungen, ein Gebäude zu erstellen, das bezüglich Strom, Heizung und Warmwasser zu 90 Prozent autark funktioniert. Nur gerade das Gas zum ­Kochen, der Treibstoff für das BHKW und die Nahrungsmittel müssen eingeflogen werden. «Theoretisch wäre 100-prozentige Selbstversorgung möglich», sagt ETH-Projekt­leiter Meinrad Eberle. «Nur hätte das niemand bezahlen können.» Bei der Monte-Rosa-Hütte wählte man daher den finanziell gangbaren Weg.

Gegen halb drei kehrt in der Hütte wieder Ruhe ein. Gut die Hälfte der Gäste schläft noch. Sie haben weniger ambitionierte Ziele und werden erst um sieben Uhr frühstücken. Ihnen bleibt so genug Zeit, den für eine Hütte ungewohnten Komfort, die spezielle Architektur und das Bergpano­rama zu geniessen. Die 30 Zentimeter ­dicke Isolation der Aussenwände sowie ­eine Lüftungsanlage sorgen für ein an­genehmes Klima, geschlafen wird in Zimmern mit vier bis acht Betten. Die Zeiten des Waschens am Brunnen draussen und der Plumpsklos sind vorbei. In der Monte-Rosa-Hütte gibt es Waschräume mit fliessendem Wasser, WCs mit Spülung und sogar vier Duschen mit Warmwasser.

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Ebenso spektakulär wie die Bergwelt ist die Architektur. Wegen ihrer eigenwilligen Form, die an einen Bergkristall erinnert, gibt es im Innern der Hütte fast keine rechtwinkligen Ecken. Die Form wurde so gewählt, dass das Verhältnis zwischen Vo­lumen und Fassadenfläche optimal ausfällt. So verliert das Gebäude weniger Ener­gie. Spe­ziell ist auch die Anordnung der Fenster: Die Ausblicke sind gezielt gesetzt und inszenieren die Bergwelt. Wer die Treppe zu den Schlafgeschossen hochsteigt, erlebt im Uhrzeigersinn die Walliser Bergwelt, und von den Zimmern aus öffnen einzelne Fenster den Blick auf den Gletscher und die Berge. Ein Panorama, das man auch im halbkreisförmigen Essraum geniessen kann.

Mit dem Bau ist es gelungen, eine Berg­unterkunft mit viel Komfort zu errichten, die trotzdem einen weit höheren Grad an Selbstversorgung mit Energie aufweist als bisherige Hütten und deshalb die Umwelt weniger belastet. Um dies zu erreichen, werden weitgehend die am Ort vorhandenen Mittel – Sonne und Schmelzwasser – verwendet und mit Hilfe moderner Technologie genutzt. Experimente waren dabei nicht möglich: «An einem so abgelegenen Ort muss die installierte Hardware funk­tionieren, da ein Austausch viel zu aufwendig wäre», sagt Meinrad Eberle von der ETH. Experimentiert wird daher nur mit der Steuerung der installierten Kompo­nenten. So können die Planer an der ETH dank Satellitenverbindung direkt die ak­tuellen Daten aus der Hütte beziehen und Änderungen an der Steuerung vornehmen.

Quelle: Stefan Walter
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Wichtigstes Element der Energieversorgung ist die Sonne. Sie erzeugt nicht nur Strom, sondern sorgt dank einem Kollektorfeld auch für warmes Wasser und Heizwärme. Die Wärme aus den Kollektoren landet in drei grossen Tanks im Keller. Zweites wichtiges Element ist das Frischwasser. Dieses besteht aus Schmelzwasser, das in einer Kaverne 40 Meter oberhalb der Hütte gefasst wird. So bekommt es durch den Höhenunterschied genügend Druck, um ohne Pumpe bis in den dritten Stock zu gelangen. Die Abwässer wiederum landen in der hauseigenen Kläranlage, werden biologisch gereinigt und für die Spülung der Toiletten wiederverwendet. Doch die Sonnenenergie, das Schmelzwasser und die Kläranlage allein würden für einen möglichst autarken Betrieb nicht genügen. Dieser wird erst durch die maximale Nutzung der vorhandenen Mittel ­erreicht.

Ein wichtiges Element hierzu ist die computerisierte Steuerung. Sie analysiert laufend die gespeicherten Energiemengen und kombiniert diese mit den Belegungszahlen der Hütte und den Wetterprognosen. Ein Beispiel: Die Kläranlage benötigt rund die Hälfte des Stroms. Sie sollte also nur dann laufen, wenn ausreichend Strom zur Verfügung steht und möglichst wenig andere Verbraucher am Netz hängen. Deshalb werden die Abwässer gespeichert und erst dann geklärt, wenn die Hütte ­aufgrund schlechten Wetters wenig belegt ist. Prozesse, von denen die Hüttengäste nichts mitbekommen: Die Solarzellen und Kollektoren sowie zwei kleine Anzeigen im Essraum sind die einzigen sichtbaren Elemente der komplexen Technik.

Mittlerweile ist es sieben Uhr, und die Frühstücksgäste haben vor der Fensterfront zum Gletscher hin Platz genommen. Eine Stunde später kommt auch das sechsköpfige Team von Hüttenwart Horst «Hogi» Brantschen endlich zum Frühstücken. Da­nach nutzen sie die wenigen ruhigen Stunden bis zum Eintreffen der nächsten Gäste: Das Radio wird lauter gestellt, Geschirr in die Spülmaschine geräumt, werden die Räume gesaugt, die Toiletten geputzt, die Betten gemacht und via Internet die Buchungen gecheckt.

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Brantschen kümmert sich auch um die techni­schen Anlagen: «Wegen der Technik haben wir einen Haufen neue Aufgaben.» Unten im Keller setzt er sich zuerst an den Laptop und navigiert versiert durch die verschiedenen Grafiken, die ihm den aktuel­len Stand der technischen Systeme zeigen: den Ladegrad der Batterien, die Füllung der Warmwasserspeicher oder die gerei­nigten Abwassermengen.

Vor allem die Kläranlage macht Horst Brantschen derzeit Arbeit: Kürzlich stieg ein Teil der Pumpenmotoren aus, und er musste improvisieren. «Ich bin hier oben nicht nur Hüttenwart, sondern auch Schreiner, Elektriker und Mechaniker.» Die Lösung bei den Pumpen: Brantschen hängte ei­nige Motoren so um, dass ein eingeschränkter Betrieb der Anlage möglich ist. «Wenn die Kläranlage aussteigt, haben wir ein Problem», sagt der Hüttenwart. Denn die Anlage ist ein Kernstück des ökologischen Betriebs: Dank ihr landen die Abwässer nicht einfach in der empfindlichen Bergwelt.

Nicht nur für Brantschen, auch für die anderen Beteiligten ist das erste Betriebsjahr eine Herausforderung. Nicht zuletzt, weil die Hütte ein Besuchermagnet ist. Es zeichnet sich schon ab, dass mehr als die für die Berechnungen angenommenen 6500 Gäste kommen werden. Zudem hat sich deren Struktur verändert: Zwei Drittel sind Tagesbesucher, in der alten Hütte war das Verhältnis noch umgekehrt. Entsprechend stark ausgelastet sind die techni­schen Anlagen. «Da und dort werden wir Anpassungen vornehmen müssen», sagt ETH-Projektleiter Meinrad Eberle.

Heute funktioniert alles zu Brantschens Zufriedenheit. Zurück in der Küche, duftet es nach dem frischen Brot, das im Kombi­steamer gebacken wird. «Das ist viel komfortabler als vorher, wo wir einen Backofen mit Holz und Kohle hatten», sagt er.

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Unterdessen ist es Mittag geworden, und die ersten Tagesgäste treffen ein. In der Küche werden Käseschnitten, Rösti und Spiegeleier zubereitet. Parallel dazu laufen die Vorbereitungen fürs Nachtessen, denn an diesem Abend werden 120 Gäste erwartet. Auch sie werden den Aufenthalt in der Walliser Bergwelt mit dem speziellen Ambiente der Hütte, einem guten Nachtessen und dem Komfort von elektrischem Licht, Toiletten mit Wasserspülung und gut gelüfteten Zimmern geniessen – die meisten wohl ohne zu wissen, wie viel Technik und Innovationsgeist dahinterstecken.

Die erste Hütte wurde 1895 fertiggestellt. Sie trug damals den Namen Bétemps-Hütte, nach dem Ingenieur François ­Bétemps, der das Geld für den Bau gespendet hatte. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Hütte immer wieder erweitert. Unter anderem trennte man 1940 den Schlaf- und den Küchenbereich. Durch zusätzliche Erweiterungsbauten stieg die Zahl der Plätze bis 1984 auf 160. Im Jahr 2003 wurden an der ETH Zürich im Rahmen der Architektur­ausbildung im sogenannten Studio Monte ­Rosa am ­Lehrstuhl von Andrea Deplazes erste Ideen für den Neubau der ­Hütte entwickelt. Auf ­dieser Grundlage entstand schliesslich das Projekt für die neue Hütte mit 120 Plätzen auf 2883 Metern über Meer, etwas oberhalb der alten Hütte. Die ­Realisation des Baus erfolgte in zwei Etappen in den Sommern 2008 und 2009.

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