Ein einziges Mal hat der kommerzielle Erfolg bisher an Christine Haslers Tür geklopft. Besser gesagt, an den Türrahmen zum Männerklo, vor dem sie stand. Der Mann trug einen weissen Leinenanzug und war ihretwegen aus Deutschland angereist, zu ihrem Konzert in einem besetzten Haus in der Zürcher Kalkbreite. Er stand im Türrahmen und redete auf sie ein, von wegen «Ich werde dir eine klasse Band hinstellen» und «den Sound etwas poppiger und souliger machen». Währenddessen druckste hinter ihm ein Gast herum­, der eigentlich pinkeln wollte, aber nicht vorbeikam. Als der Anzugträger endlich zu reden aufgehört und den Weg zum Klo frei gemacht hatte, nahm sie der Mann mit der vollen Blase zur Seite und warnte: «Verkauf bloss deine Seele nicht.»

Christine Hasler lacht und nimmt einen weiteren Schluck Kaffee. Diese Szene ist bereits vier Jahre her. An diesem Abend tritt sie nun zum x-ten Mal als Lia Sells Fish in Zürich auf, allerdings nicht in einem besetzten Haus, sondern in einer hippen Bar.

Die 27-Jährige ist oft in Zürich, wohnt aber in Bern. Aufgewachsen ist sie im Solothurner Wasseramt; eine hübsche Gegend, aber an vielen Tagen im Jahr ein Nebelloch. Vielleicht ist das gut so, denn Hasler war ein fröhliches Kind. Sie sagt, sie habe eine bilderbuch­mäs­sige Kindheit verbracht; voller bedingungsloser elterlicher Liebe, netter Nachbarskinder und gemeinsamem Altpapiersammeln. Wer weiss, ob ohne Nebel die Wehmut und die Melancholie gediehen wären, die Haslers Bühnen-Ich auszeichnen? «Wohl schon. Ich hatte schon immer eine nachdenkliche Seite. Wenn ich allein war, konnte ich auch mal an der Welt verzweifeln und stundenlang heulen.»

Das spüren die Zuhörer. Hasler schleppt sich durch ihre Lieder wie ein angeschossenes Reh durchs Unterholz. Doch statt wund und leidend einzubrechen, gleitet ihre Herbststimme immer wieder sicher zum nächsten Ton. Sämtliche Gesanglehrer wollten ihr dieses stimmliche Schlurfen abtrainieren – Hasler weigerte sich: «Ich liebe das.»

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«Hochhackigen Anti-Pop» nennt sie die Klagelieder, die sie zu warmen Gitarrenklängen ins Mikro raunt. Seit ihren Anfängen vor über zehn Jahren singt sie so. Wer sie seinerzeit als Jugendliche auf der Bühne erlebte, rechnete fest damit, sie bald regelmässig am Radio zu hören.

Mehr Charakterkopf denn Popqueen

Doch passiert ist nichts. Kein Tonträger, kein Label, kein Plattenvertrag. Stattdessen spielt Hasler weiterhin süsstraurige Lieder vor viel zu wenig Publikum. Manchmal sind es 200 Leute, ein andermal nur ein paar Dutzend.

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Das hat verschiedene Gründe. Einerseits gibt es hierzulande zwar nicht viele, aber doch einige junge Frauen mit viel musikalischem Talent. Halbkarrieren wie die von Lia Sells Fish erinnern daran, dass die bekannten Namen selten Ausnahmekönner und oft die Spitze einer flachen Pyramide vieler begabter Künstler sind.

Hasler fand das schon bei der Namenssuche heraus. Sie tingelte damals von einer Open-Microphone-Session zur nächsten und fand mit der Zeit, dass irgendwas Cooleres als «Chrige» her musste. Doch die glückliche Heidi (Happy) gab es schon und auch eine problembeladene Evelinn (Trouble) und Sophie Hunger. Aus Lia Selfish, der egoistischen Lia, machte Hasler schliesslich Lia Sells Fish, «weil wir ja alle immer versuchen, irgendwas an die Leute zu bringen».

Und wer etwas verkaufen will, muss es gut präsentieren, gerade auf der Bühne. «Wenn du als Frau auf der Bühne stehst, entscheidet auch dein Aussehen über den Erfolg», sagt Hasler. Wer das als Ausrede taxiert, der leugnet die Realität des Pop­geschäfts. Aber man kann dagegenhalten, dass Hasler fraglos selbst mit vielen Reizen gesegnet ist.

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Hasler winkt ab. «Einmal sagte ein Gast in der vordersten Reihe gut hörbar: ‹Ihr Körper ist ja easy, aber das Gesicht ist irgendwie schräg.›» Sicher, sie ist mehr der Charakterkopf als die durchschnittliche Popqueen – dies vor allem aber in ihrem Schaffen. Deshalb schickte sie nicht nur den Herrn im weissen Leinenanzug ohne Zusage zurück nach Deutschland. Auch eigene Versuche, Lia eine Band zur Seite zu stellen, scheiterten: Mal trat Lia im Duo auf, mal im Trio, aber nie fand sich die richtige Bandbesetzung. Lia sei eben «selfish»: «Sie ist alleine erwachsen geworden.»

«Als Kind konnte ich schon mal an der Welt verzweifeln und stundenlang heulen»: Christine Hasler, Musikerin

Quelle: Nicolas Duc
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«Ohne Trinkgeld, dafür tranken wir viel»

Mit einer Band werde alles schwerfälliger, auch auf der Bühne. Etwa die Tempo­­variationen während eines Liedes, die Hasler so mag. Ihre Musik zu fixieren behagt ihr grundsätzlich nicht. «Vielleicht sterben Songs nicht gerade, aber sie verlieren schon etwas an Leben.»

Trotzdem hat sie sich vorgenommen, bis Ende Jahr endlich ein Album aufzunehmen. Als Weihnachtsgeschenk an sich selbst, sozusagen. Die Lösung für die Bandbesetzungsproblematik: Für die einzelnen Songs will sie mit verschiedenen Leuten zusammenarbeiten. Dass Lia Sells Fish erst jetzt ins Studio geht, liegt aber nicht in erster Linie an der Besetzungs­frage, sondern an Haslers vielseitigen Interessen. Sie ist nicht nur Musikerin, wie sie im Vorkurs der Jazzschule merkte: «Mich acht Stunden am Tag ausschliesslich mit Musik zu beschäftigen ist mir zu wenig – vor allem, wenn die Noten vom Blatt ge­lesen werden müssen.»

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Sie brach den Vorkurs ab und ging nach Basel, wo sie in einem Schuhgeschäft und dann für 17 Franken die Stunde in einem Irish Pub arbeitete und so Englisch lernte. «Ohne Trinkgeld, dafür tranken wir viel.» Zurück im Solothurnischen, arbeitete sie im Service, als Nanny und in einer Con­­fi­serie, bis sie sich 2008 schliesslich an der Berner Kunsthochschule für den Bachelor in Medienkunst einschrieb. Dort lernte sie Programmieren, Audiotechnik und Komposition.

Wenn der Typ am Mischpult Nerven kostet

Mittlerweile ist sie nicht nur Singer-Songwriterin, sondern eben ausgebildete Me­dienkünstlerin. Sie produziert ihre eigenen Beats, macht Videoinstallationen und Performances und vertont Theaterproduktionen, auch im Ausland. Lia Sells Fish kam wegen dieser anderen Projekte oft zu kurz, sagt Hasler. Deshalb will sie Lia künftig mehr Aufmerksamkeit schenken. Auch wenn der grosse Erfolg auf sich warten lässt – im Gegensatz zu den meisten anderen ihres Fachs kann Hasler von ihrer Musik leben.

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Sie ist glücklich damit. Performance- und Klangkunst seien ihr am nächsten. Und das technische Hintergrundwissen, das sie sich während des Studiums aneignen konnte, kommt ihr als Lia auf der Bühne zugute – auch wenn es zuweilen Nerven kostet, wenn der Typ am Mischpult nicht tue, was sie ihm sage.

Derzeit vertont Hasler wieder ein Stück am Staatstheater in Nürnberg; gleichzeitig absolviert sie in Bern den Masterlehrgang in Contemporary Arts Practice. Bei so vielen hochkarätigen Verpflichtungen droht Lias Album einmal mehr auf der Strecke zu bleiben. Doch sie hält daran fest. Dass es bisher keinen offiziellen Tonträger von ihr gab, sei für die Karriere sicher nicht förderlich gewesen; die Zeit sei nun reif. Kompromisse macht sie deswegen aber keine. Das Album will sie zusammen mit einem Kol­legen produzieren, genau nach ihren Vorstellungen. «Und wenn es dann ein Label gut findet und vertreiben will, freut mich das.»

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