Bei der zweitletzten Kurve vor dem Gurnigel-Parkplatz blitzen die ersten Sonnenstrahlen auf. Auto für Auto kämpft sich an diesem Sonntag im Februar die vereiste Strasse hoch. Über der dichten Nebeldecke lockt Bilderbuchwetter. Bald ist der Parkplatz besetzt, und die Tagestouristen schwärmen in alle Richtungen aus.

Eigentlich hat das voralpine Gebiet rund um die Gurnigel-Passhöhe nicht viel zu bieten – weder liegt hier ein attraktives Skigebiet, noch locken schicke Bars mit Livemusik zum Après-Ski. Der Reiz der Gegend westlich der Linie ThunBern ist ein anderer: Sie ist eine ausgedehnte Wildnis mit Wäldchen, Hügeln und Tälern, überragt vom Postkartenpanorama der Gantrischkette. Schneeschuhrouten und Langlaufloipen führen über verschneite Kreten und Moore. Und neben kurzen Skiliften üben Kinder ihre ersten Schwünge.

Noch deutet nichts darauf hin, dass hier ein neuer Naturpark eingerichtet wird. Die Region Gantrisch wird das offizielle Label des Bundes wohl nächstes Jahr erhalten. «Eine gute Sache», sagen die einen. «Bringt gar nichts», entgegnen die anderen.

Natur im Dienst der Wirtschaft

Einer, der den neuen Park befürwortet, ist der Biologe Lorenz Heer aus Bern. Er schnallt sich an diesem Sonntag die Schneeschuhe an und macht sich auf zu den Hügeln. Dass der Nebel steigt und die Sonne nun immer häufiger hinter einem grauen Schleier verschwindet, stört ihn nicht. Ab und zu zeigt der Biologe auf Fichtenkreuzschnäbel, die sich mit feinen Rufen bemerkbar machen. Immer wieder überquert er Spuren von Schnee- oder Feldhasen. «Das Gebiet ist sehr artenreich», erklärt er. Schneehühner, Gämsen und Adler kann man beobachten, und auch einige Luchse haben die Wälder zu ihrem Revier gemacht. «Kürzlich sorgte gar ein Wolf für Aufregung», schmunzelt der Naturfreund. Im Sommer blühen auf den Magerwiesen 20 Orchideenarten, und in den Mooren balzen seltene Birkhähne.

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Für Heer ist klar: «Es ist gut, dass die Region zum Naturpark wird. Es braucht hier oben dringend eine kluge Besucherlenkung, um die Tiere besser vor dem Rummel der Tagestouristen zu schützen.»

Das Outdoor-Paradies bildet indessen nur einen kleinen Teil des geplanten Parks. Ganze 28 Gemeinden liegen innerhalb seiner Grenze. Darunter das ländliche, waldreiche Gebiet Schwarzenburgerland – aber auch fast das ganze Gürbetal, das abgesehen von ausgedehnten Feldern nicht mit besonderen Naturwerten glänzen kann. «Alle Gemeinden der Amtsbezirke Schwarzenburg und Seftigen und alle angrenzenden Gemeinden konnten mitmachen», erklärt Peter Krähenbühl, Präsident des Fördervereins Region Gantrisch. Mit dabei sind auch zwei Freiburger Gemeinden.

Den Stimmbürgern wurde der Naturpark vor allem als Wirtschaftsförderungsprogramm verkauft. Krähenbühl verhehlt das nicht. «Das Pro-Kopf-Einkommen ist hier sehr tief, ebenso die Wertschöpfung. Wir müssen deshalb dringend etwas tun, um die Region zu stärken.» In Zukunft wird jährlich rund eine Million Franken zur Verfügung stehen, die hauptsächlich dem Marketing zufliesst. Profitieren werden insbesondere Tourismus, Land- und Forstwirtschaft und die Produzenten regionaler Produkte.

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Schwefelkur im Viersternehotel

Und die Natur? Hat sie im neuen Park einen angemessenen Stellenwert? «Natürlich hat sie das», sagt Krähenbühl, «die Landschaft zu erhalten ist ja in unserem ureigensten Interesse.» Zwar sollen weder neue Schutzgebiete noch neue Einschränkungen dazukommen. Doch der Parkverein kann künftig bei der Regionalplanung mitreden. Zudem möchte er die Landschaft an einzelnen Stellen aufwerten, und diverse Veranstaltungen sollen Begeisterung für die Natur wecken. Auch Besucherlenkungsmassnahmen, wie Lorenz Heer sie fordert, sind am Gurnigel geplant.

Mit gemischten Gefühlen sieht Andreas Meier, Inhaber des Hotels Schwefelberg-Bad, dem Park entgegen. Das einzige Viersternehotel der Region liegt fernab der Zivilisation, am Fuss der Gantrischkette, wenige Kilometer vom Gurnigel entfernt. Stolz führt er durch das 1844 erbaute Gebäude. Mit seinen dunklen Gängen und Antiquitäten strahlt es geschichtsträchtigen, aber auch etwas unheimlichen Charme aus.

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Das grosse Cheminée im Salon ist abgedeckt, weil vor einigen Wochen wieder einmal der Feuerteufel zugeschlagen hat. «Das Hotel ist schon zweimal abgebrannt, jetzt wäre es fast wieder passiert», sagt der Patron. Das Cheminéefeuer habe auf einen Balken übergegriffen. «Zum Glück habe ich es gesehen und es löschen können.»

Besonders stolz ist man im Schwefelberg-Bad, als einziges Hotel der Schweiz Behandlungen mit eigenem Naturfango anbieten zu können. Die zum Hotel gehörende Schwefelquelle wurde schon 1561 urkundlich erwähnt, das Wasser ist sehr mineralreich und sedimenthaltig; es soll gegen Schmerzen und zahlreiche Gebrechen wirken.

Angst vor Vorschriften und Lärm

Das Schwefelberg-Bad stand lange im Schatten des Grandhotels Gurnigel-Bad, mit 600 Betten einst das grösste Hotel des Landes. Russische Gräfinnen und vor allem viele Engländer kurten im weltbekannten Haus. Während des Zweiten Weltkriegs diente das Gurnigel-Bad als Truppen-unterkunft und Flüchtlingslager. Danach war es in derart desolatem Zustand, dass es kurzerhand abgerissen wurde. Nur ein Nebengebäude blieb stehen und wird noch immer als Gasthaus betrieben. «Seither kamen die Gäste vermehrt zu uns ins Schwefelberg-Bad, und unsere Familie konnte das Haus ab 1973 immer wieder ausbauen und modernisieren», erzählt Meier.

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Allerdings musste der Hotelier schon des Öfteren erleben, dass in der geschützten Natur nicht alles machbar ist. Das Hotel Schwefelberg-Bad liegt nämlich inmitten von Moorschutzgebieten. So wollte Meier die alte Ölheizung durch eine Holzschnitzelfeuerung ersetzen. Das hätte aber den Bau eines Schnitzelreservoirs erfordert. «Doch das ging nicht, wegen der Feuchtwiese neben unserem Haus.» Dann wollte der Patron eine Erdwärmepumpe installieren. Die Bohrung hätte jedoch ein Bohrsperrgebiet tangiert. Und Scherereien gibt es auch im Zusammenhang mit dem Parkplatz: «Das ist der einzige Ort, wo wir noch Bauland haben, doch wir können auch dort nichts bauen.» Der Grund: ein kleines Wäldchen. Und das Gesetz verlangt bei Bauten einen Abstand von 30 Metern. «Das ist doch Unsinn!», ruft Meier aus.

Der Hotelier ist überzeugt, dass es mit dem Naturpark noch mehr Einschränkungen geben wird. «Und was, wenn dem Kanton das Geld ausgeht?», fragt er. «Bleiben wir dann auf all den neuen Auflagen sitzen?» Auch von der Wirksamkeit der geplanten Werbekampagnen ist er nicht überzeugt: «Marketing ist schon recht, aber es muss auch wirklich etwas bringen.»

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Peter Krähenbühl vom Förderverein Region Gantrisch versteht Meiers Ärger nicht: «Neue Bauzonen sind weiterhin möglich, und der Park wird keine neuen Einschränkungen zur Folge haben.» Die Probleme, die Andreas Meier habe, hätten alle mit dem bereits bestehenden Umweltschutzgesetz zu tun.

Es herrscht Aufbruchstimmung

Die Angst, der Park bringe neue Auflagen mit sich, steckt indes in vielen Köpfen. Viele Anwohner befürchten auch Mehrverkehr durch noch mehr Tagestouristen. Das würde nicht nur zusätzlichen Lärm bedeuten, sondern auch mehr Störungen für die Tiere. Peter Krähenbühl räumt ein: «Es stimmt, Tagestouristen haben wir oben auf dem Gurnigel schon mehr als genug.» Darum wolle man in Zukunft lieber Touristen anlocken, die auch übernachten.

Vom Hotel Schwefelberg-Bad führt die Strasse hinunter in Richtung Schwarzenburg, durch ein eigentliches Freiluft-Heimatmuseum mit schmucken Bauerndörfern, jedes mit Gemeindehaus und Schulhaus. Holzbrücken führen über Bäche und Tobel. Bauern mit Zipfelmützen schauen fremden Autos nach, an den Strassen sitzen Krähenschwärme auf der Suche nach überfahrenen Leckerbissen.

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In Guggisberg weisen Tafeln auf ein Mädchen namens Vreneli hin, das einst hier lebte und von dem das bekannte Lied «s isch äben e Mönsch uf Ärde» handelt. In einem alten Bauernhaus hat man gar ein Vreneli-Museum eingerichtet. Doch Touristen, die es besuchen könnten, sind heute keine auszumachen. Der Lebensmittelladen ist geschlossen und steht zum Verkauf.

Bald wird auch Guggisberg zum neuen Naturpark gehören. Ob er den erhofften Aufschwung bringen wird? Die Meinungen sind geteilt: An der Gemeindeversammlung im Dezember stimmten nur 56 Prozent der Stimmberechtigten für den Park. Dagegen waren vor allem die Bauern.

Peter Krähenbühl spricht trotzdem von einem vollen Erfolg. Nie hätte er zu träumen gewagt, dass alle Gemeinden auf Anhieb zustimmen – wenn auch teilweise nur knapp. «Jetzt herrscht endlich Aufbruchstimmung», freut er sich. Darauf hat man in dieser beschaulichen Gegend zwischen Freiburg und Thun sehr lange gewartet.

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Guggisberg: Vrenelis Heimat hofft auf baldigen Aufschwung.

Quelle: Tomas Wüthrich

Gantrisch: Eldorado für Natursportler

Anreise

  • S-Bahn bis Schwarzenburg BE; Postautokurse ab Freiburg, ­Schwarzenburg oder Toffen BE


Winterangebot

  • Langlauf-Zentrum Gantrisch
  • Skilifte in der Region Gurnigel bis Ottenleuebad sowie in Schwarzsee (sieben Lifte)
  • Individuelle Schneeschuhtouren (nur auf den offiziellen Routen) und geführte Wanderungen


Sommerangebot

  • Markierte Mountainbike-Routen
  • Gantrisch-Seilpark
  • Rodelbahn Schwarzsee
  • Bade- und Picknickplätze an Sense und Schwarzwasser


Übernachtung: Klubhütten, zwei Naturfreunde­häuser, Gasthöfe, Bed-and-Breakfast- sowie Ferien-auf-dem-Bauernhof-Angebote

Gantrisch-Pass: berechtigt zu zahlreichen Vergüns­tigungen; erhältlich am Bahnhof Schwarzenburg, in Tourismusbüros und Geschäften (für Feriengäste ab zwei Übernachtungen kostenlos).

www.gantrisch.ch

Parkfläche: 400 km2 – der Naturpark Gantrisch erhält voraussichtlich im kommenden Jahr das offizielle Label.

Quelle: Tomas Wüthrich
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