Draussen pfeift ein bissiger Föhnwind um die Häuser. Drinnen pfeift Michael nach Silke. Die stämmige Mittzwanzigerin aus Augsburg steht von ihrem Stuhl an der Kasse auf und geht ohne grosse Eile zu jenem Tisch, von dem der fordernde Pfiff ertönte. Lokführer Michael, das Gesicht russgeschwärzt, drückt ihr Kleingeld in die Hand: «Do, holst mer Zigaretten.» Silke trollt sich mit einer guten Portion Indifferenz durch den Raum zurück zur Kasse. «Der Rest is fürs Strumpfbanderl», sagt Michaels Tischnachbar, genannt «Schmalzlocke», als sie mit den Zigaretten zurückkommt. Die Männer lachen. Silke nimmts stoisch. Aus den Lautsprechern dröhnt «Quit Playing Games with My Heart» von den Backstreet Boys.

Es ist kurz vor Mittag. Vor sieben Stunden hat Silke Grollitsch ihre Schicht als Serviertochter, Kassiererin, Auf- und Abräumerin, Essenschöpferin, gute Seele und manchmal eben auch gutmütige Zigarettenbeschafferin in der Neat-Kantine in Amsteg begonnen, der grössten Baukantine der Schweiz. Bis zu 400 Mineure werden hier täglich verpflegt. Die meisten stammen aus der Steiermark oder aus Kärnten, der Heimat des österreichischen Bauriesen Strabag, der das Gros der Arbeiter für Amsteg und Erstfeld stellt.
Österreicher machen gut 80 Prozent der Belegschaft aus, der Rest rekrutiert sich hauptsächlich aus Portugiesen, Italienern, ein paar Deutschen aus dem ehemaligen Osten und Schweizern. Abgesehen von zwei Wochen um Weihnachten ist die Kantine das ganze Jahr über rund um die Uhr geöffnet; die Arbeiten unter Tage werden im Dreischichtbetrieb geführt, und selbst morgens um vier sind knurrende Mägen zu füllen.

Auch die beiden Männer mit den russgeschwärzten Gesichtern sind schon seit Stunden in der Kantine. Ihre Schicht ging um fünf zu Ende, seither wird hier gesessen, gegessen, geraucht, geschwatzt. Und vor allem Bier getrunken: Die Kumpel läuten das Ende ihres vierzehntägigen Einsatzes ein, morgen gehts für eine Woche nach Hause.

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«A Frechheit is des!»

An mehreren Tischen sitzen Gruppen von Arbeitern und essen; blaue hartgekochte Eier werden geschält, Ketchup tropft von Fingern und Mündern, sabbert auf Schinken-Käse-Toasts, deren Käse aussieht wie Dichtungsmasse. Ihre vollen Namen wollen die Männer nicht nennen, lieber lästern sie übers Essen und über die Bierpreise: «Schreibst einfach, dass des Bier viu z teuer is», sagt einer. «Jo, jo, viu z teuer» ertönt es rund um den Tisch, auf dem ein bereits ziemlich dezimiertes 24er-Kartongebinde Halbliterbüchsen und etliche leergetrunkene grosse Bierflaschen stehen. «A Frechheit is des!» Und das Essen sei, na ja, auch nicht gerade gut.

Von Mai bis Oktober werden sieben Tonnen Kartoffeln verkocht. Täglich schälen zwei Frauen 40 bis 50 Kilo der Knollen - in gerade mal eineinviertel Stunden. «Polenta muss ich den Österreichern gar nicht erst vorsetzen, und Risotto essen sie mir höchstens einmal die Woche», sagt Chefkoch Stephan Jauch, 38. «Immer wollen sie Nudeln und Kartoffeln, und die am liebsten als Knödel.» Aber wenn er mal welche mache, seien sie auch nicht recht. Sonntags gibts Nachtisch, Kantinenklassiker wie Büchsenbirne auf Schoggipudding und Dosenpfirsiche auf Vanillecreme.

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Diese Männer brauchen Fleisch

Heute Mittag empfiehlt der Chef Krustenbraten vom Schwein, dazu Bratkartoffeln, eine Maiscremesuppe und verschiedene Salate. Und ausgerechnet heute reicht es nicht: Der Schweinebraten mit der krossen Fettkruste ganz nach dem Gusto unserer östlichen Nachbarn ist ausgegangen, bevor alle satt geworden sind. Jauch muss notfallmässig noch etwas Gulasch aufwärmen. Verhaltenes Gemotze in der Schlange vor der Essensausgabe.

«Es ist nicht einfach, die Mengen richtig zu berechnen, es ist nie klar, wie viele kommen und wie gross ihr Hunger ist», sagt Jauch entschuldigend. Er sitzt im Raum auf der andern Seite der Küche an einem der Tische und trinkt einen Kaffee. Dort speist jeweils die Bauleitung. Zweiklassengesellschaft. Fast mannshohe Blütendekorationen - jemand muss eine japanische Zierkirsche empfindlich gestutzt haben - geben dem Raum einen frühlingshaften Anstrich. Jeder Tisch ist mit einer humoristisch-modernen Vogelskulptur der Marke «Basteln mit Steinen» dekoriert. Den Herren Polieren, Ingenieuren und Bauleitern wird aufgetragen, sie müssen nicht in die Schlange stehen. Auch gibt es speziell für sie ein vegetarisches Menü. «Die sitzen ja häufig am Schreibtisch», erklärt Kantinenbetreiber Bruno Arnold. Für die Bergleute hingegen gibts immer Fleisch. «Vegetarier könnten die Arbeit im Stollen gar nicht machen», behauptet Arnold. 800 bis 1000 Kilo Fleisch, in erster Linie vom Schwein, werden in der Küche verarbeitet - pro Woche.

Bei den Büezern drüben beschränkt sich die Deko auf Preisanschläge für Bier («1 Kiste Lagerbier: 48 Franken»), einige mehr oder weniger ramponierte Getränkekühler, einen Flipper- und einen Töggelikasten, einen Fernseher, ein Holzschild mit der Aufschrift «Zwergenfotzentrio» (ein Relikt von der letzten Weihnachtsfeier), einen schwarz bemalten Grubenhelm mit aufgepappten roten Hörnern (ebenfalls ein Fest-Relikt), einige an die Wand gepinnte Erinnerungsfotos vergangener Feierlichkeiten sowie eine Andachtsecke samt Kerzen und Jesusfigur. Der kleine Hausaltar gilt dem Ginzinger Albert, dem bislang einzigen Todesopfer, das der Neat-Bau gefordert hat. Genaueres ist den Männern nicht zu entlocken: «Über solche Sachen reden wir hier nicht», sagt der Tischälteste in einem Tonfall, der jegliche Diskussion und Widerrede im Keim erstickt. Als hätte man im Süditalien der fünfziger Jahre eine Familie nach der gefallenen Tochter gefragt. Die Stimmung ist dahin.

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«Wie kleine Kinder»

Bei den Büezern brächten Dekorationsbemühungen nichts, selbst die mit Weihnachtskugeln geschmückten Tannenzweige in der Adventszeit seien innerhalb von drei Tagen «z Hudle» gewesen, erklärt Gemma Bonetti die Kargheit des Raums. Die 49-jährige Bündnerin, die vor Silke Schicht hatte, fügt verständnisvoll an: «Wenn die Büezer nach vierzehn Tagen Einsatz Dampf ablassen, dann geht die Post ab.» Am besten sei es dann jeweils, sie einfach machen zu lassen, bis sie fertig und müde seien. «Wie kleine Kinder...», sagt sie grinsend.

Den Frauen, die hier arbeiten, ist Folgendes gemein: Eine gewisse Langmut. Viel Toleranz und noch mehr Verständnis für die Männer und ihr nicht immer tadelloses Verhalten. Für die Pfiffe, die Hey-Schätzchen-Rufe, das Tätscheln und Gib-mir-ein-Busserl-Geschwätz. Für die Ansichten weiblicher Geschlechtsteile in Grossformat, die so manches Arbeiterzimmer zieren. «Sie sind halt weit weg von der Frau, der Familie», sagt Ursula Scheiber. Die Mittfünfzigerin arbeitet seit sechs Jahren als Zimmermädchen in den Unterkünften. Sie kennt alle Männer aus den 61 Zimmern, die sie zu reinigen hat. Legt ihnen auch mal die Wäsche zusammen, hält einen Schwatz und gibt Rat in Familienbelangen. Zu Weihnachten lässt dafür der eine oder andere ein Trinkgeld springen.

«In gewisser Weise muss man die Leute verstehen», sagt auch Marina Bajo, die dritte Ablösung in der Kantine an diesem Tag. Die 38-jährige Kroatin ist alleinerziehende Mutter von drei Kindern und macht den Job bereits seit fünf Jahren. «Viele von denen arbeiten schon seit zwanzig Jahren unter Tage. Das ist nicht gesund für den Kopf.» Und fügt an: Die Männer könnten sich sehr wohl auch benehmen, fast schon wie Gentlemen, «zwar nicht zu uns, aber zu andern Frauen». Marinas heutige Schicht wird bis abends um elf dauern. Dann kommt die Ablösung für die Nacht.

Schnaps wird keiner mehr ausgeschenkt: Fast jeden zweiten Tag eine Prügelei, eine von einer fliegenden Bierflasche verletzte Kellnerin, Mutproben der rüdesten Sorte sowie verkotzte Kantinentische im ersten Jahr führten zu dieser Teilprohibition - selbst dem Grossmeister der apokalyptischen Fress- und Saufszenen, Pieter Brueghel dem Älteren, wäre es wohl zu viel geworden. Seit ein paar der Leithammel entlassen wurden und jeder fliegt, der sich prügelt, sei es viel besser geworden, erklären die Angestellten unisono.

Die rund 60 Männer, die sich mittags eingefunden haben, sind spätestens nach einer Stunde wieder weg. Die Österreicher aus der Morgenschicht haben sich mittlerweile am Tisch vor dem Fernseher breitgemacht. Im Programm: das Radrennen Gent-Wevelgem. Viel Bier steht auf dem Tisch, die Lautstärke steigt. Dröhnende Musik der Währung Zillertaler Schürzenjäger terrorisiert alle, die hier ihre Nahrung nach neun Stunden im Berg in Ruhe zu sich nehmen wollen. Ein älterer Portugiese fährt sich mit der Handkante über den Hals und dreht die Augen gen Himmel.

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Wehe, wenn Barbara Geburtstag hat

«Die Portugiesen, das sind so liebe Leute», sagt die sonst eher kritische Marina. Wie die Italiener, Schweizer und Spanier sind sie in der Minderzahl. Und halten duldsam den Mund, wenn die Österreich-Fraktion keine Rücksicht nimmt auf ihre Mitmineure. Keiner will den lukrativen Job verlieren - die meisten verdienen hier rund 20 Prozent mehr als zu Hause.

Am Tisch vor der Glotze wirds immer lauter, man feiert nicht nur das Ende der Schicht, sondern auch einen dreifachen Geburtstag. Alkoholische Getränke werden an diesem Nachmittag in Kübeln angeschleppt, Wein gibts aus 5-Deziliter-Cola-Gläsern, und Wodka-Redbull-Gemisch kommt gleich im Kartongebinde auf den Tisch. Eine grosse Abfalltüte steht bereit. «Anitaaa», trällert es aus Lautsprechern und aus frisch geölten Kehlen. «Das ist noch gar nix», sagt Marina. «Wirklich wild zu und her geht es am 4. Dezember.» Dann sei 24 Stunden Remmidemmi, fürnehm ausgedrückt. Der 4. Dezember ist der Namenstag der heiligen Barbara, der Schutzheiligen der Bergbauarbeiter und der einzigen Frau, die laut einhelliger Meinung der Kumpel «wos im Stoll’n verlor’n hat».

5.13 Uhr morgens. Der selbsternannte DJ der Kantinen-Geburtstagsparty hat es noch nicht ins Bett geschafft. Wie ein nasser Lappen hängt er über seinem Laptop, der Jukebox der improvisierten Festhalle. Die Bierpfützen auf dem Tisch haben sich wie durch ein Wunder nicht bis zum Computer vorgearbeitet. Seine Soundmaschine steht im Wettstreit mit dem Kantinenradio, das gerade Chris de Burgh spielt. Die Männer, die von der Nachtschicht hereintrudeln, werden von ohrenbetäubender Kakophonie empfangen.

6.21 Uhr. Der DJ ist eingeschlafen, die Arme um sein Notebook geschlungen, einen Ärmel in einer Bierlache. Zeit, aufzugeben. Einer der nächtlichen Mitzecher, ein Hüne, der sich unterm Türsturz bücken muss, um den Kopf nicht anzuschlagen, fasst den Mann um die Hüfte und bugsiert ihn zur Unterkunft. Gemma, die Bündnerin, die vor eineinhalb Stunden die Frühschicht angetreten hat, schnappt sich einen Lappen und putzt die Überreste des Gelages weg. Sie lächelt.

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