Wir gehen immer gleich vor. Die Leute treten aus der Sonne heraus in unseren abstrakten Raum aus Stoff, wenden sich nach links, nach rechts und setzen sich auf die fünf Stühle unmittelbar vor das magisch schimmernde Schlagzeug; ein kleiner Raum, der von roten Vorhängen umhüllt ist. Sie haben keine Ahnung, wie gross der Klangraum ist, der sich hinter den Vorhängen auftut, und was sich dahinter verbirgt. Das bleibt unser Geheimnis.

Rob Kloet setzt sich hinter sein Schlagzeug, hält die kurze Eröffnungsrede und stellt seine Fragen: wie alt die Leute sind, wo sie geboren wurden, was sie in den letzten zwei Wochen beeindruckt hat. Das ist der Ausgangspunkt für unsere Improvisation. Ich aber bleibe verborgen hinter dem Vorhang. Und die Konzertbesucher bleiben mir verborgen.

Mich erinnert die Situation an eine Geschichte meiner Mutter, die im hohen Alter von 74 auf eine Safari ging und im Busch in einem Zeltcamp übernachten musste. Einmal wachte sie mitten in der Nacht auf und nahm zuerst nur diesen eigentümlichen Geruch wahr. Erst dann spürte sie eine unheimliche Präsenz unmittelbar neben sich. Ein Elefant war in das Camp eingedrungen und neben ihrem Zelt stehen geblieben. Du hier, der Elefant da und dazwischen nur ein Stück Stoff. Das ist schon ziemlich heftig.

In unserem Experiment bin ich dieser Elefant.

Man darf die Ideen nicht bewerten

Die Intimität der Situation ist speziell. Und auf Robs einfache Fragen gab es Statements, die ich so nicht erwartet hätte. Zum Beispiel erklärte eine Frau, sie lese prinzipiell nichts. Keine Zeitung, keine Zeitschriften, keine Bücher, rein gar nichts. Sie höre nur Musik. Da hätte ich gerne ein Guckloch im Stoff gehabt, um mir auch einen visuellen Eindruck zu verschaffen.

Fritz Hauser, 62, Jazzmusiker: «Wenn die Leute hinausgehen, strahlen sie vor Freude. Alle.»

Quelle: Andreas Zimmermann
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Der kniffligste Moment war mit jenen Holländern, die nach Robs erstem Satz sagten, er könne holländisch mit ihnen reden, und gleich losplauderten. Rob wartete, erklärte dann aber, er wolle lieber bei seiner Routine bleiben und deutsch sprechen. Aber sie wollten das partout nicht zulassen. Erst als er zu spielen begann, bekamen wir die Situation wieder in den Griff.

Unter Jazzmusikern erzählt man sich gern die Geschichte von jenem Bassisten, der nach einer Woche seinem Schlagzeuger sagte: «Ich spiele nicht gern mit dir. Ich versuche ständig, so zu spielen, dass du gut klingst. Du aber versuchst das nicht einmal.» Genau darum geht es bei Improvisationen: zu erreichen, dass der andere möglichst gut klingt. Das geht nur, wenn man sich gegenseitig akzeptiert, Ideen nicht bewertet und sich nicht ständig überlegt, warum der nun dies und warum gerade das spielt. Dann kannst du gleich aufhören. Wenn du aber denkst, «okay, das nehmen wir und bauen etwas dazu, damit es noch besser, noch spannender, noch konturierter klingt», kann es funktionieren. Das sind die schönen Momente.

Auch wenn es mir nicht leichtfällt, will ich mich bei dieser Improvisation zurücknehmen. Die Leute sind ganz nahe bei Rob, verfolgen seine Aktionen aus kürzester Distanz, hören seine Klänge und Rhythmen, wie wenn sie diese selber spielen würden. Wenn ich aus dem Verborgenen die Führung übernehmen würde, entstünde sofort eine kompositorische Dynamik, von der sich die Zuhörer ausgeschlossen fühlten: Es geht nicht auf, wenn plötzlich der Schlagzeuger im Off bestimmt.

Ich bin wie der Hall in der Kirche. Ein Hall, der eine gewisse Eigendynamik entwickelt und aufgeworfene Gedanken zu Ende denkt.

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Sie sind ganz bei sich, ganz Musik

Anfangs spielten wir zwölf Improvisationen à 25 Minuten. Da kommt man an Grenzen – und man muss zulassen, dass eine Komposition richtig langweilig wird. Dann ist es wie an einem Tag nachmittags um drei, wenn man so faul ist, dass man sich nur noch hinlegen möchte. Aber die Besucher tauchen gerne in die zeitlose Atmosphäre und sind auch zufrieden, wenn wenig geschieht. Die Leute haben uns Künstler ja eigentlich sehr gern – auch wenn wir ihnen nicht ganz geheuer sind.

Wenn die Musik nach 20 Minuten ausklingt, brauchen die meisten einen Moment, bis sie wieder zurück in der Welt sind. Sie sitzen meist versunken da, ganz bei sich, ganz Musik. Aber wenn sie hinausgehen, strahlen sie vor Freude. Alle. Wir verabschieden sie vor dem roten Tuch mit einem Händedruck. Es hat etwas vom Zirkus mit seinen Elefanten und dem geheimnisvollen Dompteur.

Audio-Slideshow: Das Schlagzeug im Schlagzeughaus

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Musik: Rob Kloet, Fritz Hauser

Veranstaltungshinweis

Vom 11. bis 13. September macht «Das Schlagzeug im Schlagzeughaus» in Basel Halt.

www.schlagzeug-im-schlagzeug.ch
www.fritzhauser.ch