Von Häuserwänden und asphaltierten Strassen scheinen sie abzuprallen wie menschliche Gummibälle. Wer im Suchfeld eines Videoportals «Parkour» eintippt, stösst auf unzählige Filme, in denen meist jugendliche Läufer leichtfüssig durch Städte hetzen. Die Athleten schwingen sich über Treppengeländer, rennen Wände hoch und springen von Dächern in die Tiefe, stets im Bestreben, aus jeder Bewegung möglichst viel Schwung für die nächste mitzunehmen. Parkour ist die Kunst, Hindernisse aller Art möglichst schnell und effizient zu überwinden: Bäume, Zäune und Geländer, Mauern, Stangen und Gebäude.

Quelle: Fabian Unternährer

In den Videos gelingt dies scheinbar mit Leichtigkeit. «Wer sich davon blenden lässt, ist schnell wieder weg», sagt Roger Widmer. Er reibt sich die Hände. Die ausgetrockneten Schwielen sind wieder aufgerissen. «Das kommt davon», sagt er und meint: Das kommt vom Klettern, Hangeln, Greifen, Stützen beim Parkour. Widmer ist ein Traceur – so nennen sich die Protagonisten dieser Sportart. Bis der faszinierte Zuschauer vor dem Bildschirm selber einer ist, braucht es jahrelanges, hartes Training.

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Auch der 28-jährige Roger Widmer hat übers Fernsehen zu seiner Leidenschaft gefunden. Eines Nachts, während seine Freundin noch im Badezimmer war, lag er im Bett und zappte. Auf Arte lief eine Reportage über einen Franzosen, der mit seinen Freunden durch die Pariser Banlieues hetzt. Der Mann hiess David Belle. Als Kind hatte ihm sein Vater die Méthode naturelle beigebracht (siehe nachfolgender Kasten «Zurück zur Natur»). Später versuchte Belle, das Erlernte auf die Städte zu übertragen. Aus spielerischen Verfolgungsjagden entwickelte sich mehr und mehr ein Sport: Parkour.

Parkour: Aus spielerischen Verfolgungsjagden entwickelte sich ein Sport.

Quelle: Fabian Unternährer
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«Das will ich auch machen», sagte Widmer zu seiner Freundin. Schon am nächsten Tag rannte er durch die Nachbarschaft, schwang sich über die Gartentore, erkletterte Mauern – und kam sich dabei ziemlich blöd vor. Trotzdem machte er weiter. Ein- bis zweimal pro Woche vergass er seinen Stolz und trainierte. Nach ein paar Monaten schloss sich ihm ein Junge an, der sich schon lange über Widmers Treiben gewundert hatte. Gemeinsam turnten sie ein weiteres Jahr durchs Quartier. Nach und nach kamen weitere Freunde hinzu.

Das ist neun Jahre her. Unterdessen ist Roger Widmers damalige Freundin seine Frau und Parkour sein Beruf. Mit seinen Weggefährten hat er die Firma Parkour One gegründet. «Wir treten an verschiedenen Events auf oder drehen Werbespots.» Hauptbeschäftigung aber sind die Trainings: Zweimal wöchentlich besammeln sich 30 junge Leute auf dem Pausenplatz der Sekundarschule im bernischen Münsingen. Ein guter Drittel ist weiblich, die meisten sind zwischen 14 und 25 Jahre alt. Unausgesprochen hat sich ein ziemlich einheitliches Tenü durchgesetzt: T-Shirt, weite Trainerhose und Turnschuhe. Mehr brauchts für Parkour nicht.

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Widmer und zwei Co-Trainer stellen sich auf, die Schüler schliessen an und bilden einen Kreis. Auf eine kurze Begrüssung folgen Liegestütze und ein forsches Aufwärmen. Schönster Moment hierbei: rückwärts auf allen vieren hampeln, so schnell es eben geht. «Quadrupedal» heisst das. Selten haben sich Hände so eingehend mit dem Strassenbelag auseinandergesetzt.

Am ersten Posten gilt es, auf der Bande balancierend einen Sportplatz zu umrunden. Gesteigerte Schwierigkeit: sich in Kauerstellung Steine zuwerfen, ohne herunterzufallen. «Versucht euch auf die Steine zu konzentrieren, dann kommt die Balance von allein», rät der Vorturner. Während der Anfänger ums Gleichgewicht ringt, werfen zwei 15-Jährige den Kiesel quer über den Platz. Zweite Übung: eine kleine Mauer anspringen, sich festhalten und aus hängender Position hochziehen. Klingt mühsam, ist es auch. «Die Füsse treffen zuerst auf und federn den Aufprall ab. So können die Hände sicher greifen», erklärt Widmer. Die Hände: Die kleine Mauer ist verdammt hart, rau und zeigt sich gegenüber tastaturverwöhnten Bürolistenfingern gänzlich unbarmherzig.

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Quelle: Fabian Unternährer

Neulinge unter den Traceuren kommen ganz beiläufig zu zusätzlichem Krafttraining: Wer sich anlehnt, während eine Übung erklärt wird, macht zehn Liegestütze. «Man muss ein bisschen hart sein», sagt Roger Widmer lapidar, «sonst macht man keine Fortschritte.» Er grinst. Der Umgangston ist herzlich. «Es sind ja alle freiwillig hier.» Das ist in der Tat bemerkenswert. Denn worin der Reiz liegt, sich an hüfthohen Mauern die Hände blutig zu schinden oder auf einem Fahrradständer balancierend kiloschwere Steinbrocken herumzureichen, erschliesst sich einem nicht sofort. Zumal der flüssige Bewegungsreigen aus den Parkour-Videos gedanklich in immer weitere Ferne rückt. Die routinierteren Traceure scheinen damit nicht zu hadern. Von Posten zu Posten verschieben sich die Gruppen im Laufschritt. Manchem Turnlehrer alter Schule dürfte angesichts solchen Einsatzwillens das Wasser in die Augen schiessen. Zur Erinnerung: Die meisten hier sind Teenager. Nicht eben die Gruppe, die heutzutage für Selbstdisziplin und Leidensfähigkeit bekannt ist.

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«Parkour macht dich selbstbewusster – buchstäblich», sagt Iljana, 17, seit einem Jahr dabei. Das ist wahr: Im Lauf des Trainings beginnen immer wieder irgendwelche Muskelstränge zu schmerzen, und zwar an Körperstellen, die man so zum ersten Mal bewusst wahrnimmt. Iljana meint aber noch etwas anderes. «Du lernst, deine Fähigkeiten und Grenzen abzuschätzen.» Die Vermessung der Welt in Katzensprüngen.

Die Wände hoch­gehen: Parkour-Cracks ­setzen ihren Lauf in der ­Vertikalen fort.

Quelle: Fabian Unternährer
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Zu gewinnen gibts bei Parkour zudem die Freiheit, sich nicht von Städtebauern vorschreiben lassen zu müssen, was ein Weg ist. «Mit der Zeit nimmt man seine Umgebung ganz anders wahr», sagt Iljana. Entdecke die Möglichkeiten: «Andere sehen einen Mauervorsprung, ein Geländer, einen Fenstersims – ich sehe Stufen.» Nicht-Traceuren fehle diese Wahrnehmung, findet die 17-Jährige. In deren Verständnis hören Wege an Wänden auf zu sein. Traceure hingegen setzen ihren Lauf in der Vertikalen fort. Deswegen musste sich Roger Widmer auch schon das Gezeter einer älteren Dame anhören, an deren Garagenmauer er einen Fussabdruck hinterlassen hatte. «Wäre der Trottoirboden weiss gestrichen, sähe man da auch Fussabdrücke», setzt er dem die pragmatische Parkour-Wahrnehmung entgegen. Der Ärger der Frau sei aber bald Rührung gewichen, als der Traceur mit Kübel und Bürste zurückkehrte, um die Fassade zu fegen.

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Fussabdrücke sind unvermeidbar, aber Traceure sind keine Vandalen, sondern peinlich darauf bedacht, wenig Spuren zu hinterlassen: «Es geht darum, sich in seiner Umgebung zurechtzufinden, ohne die Hindernisse zu verändern», erklärt Widmer. Und Parkour sei mehr als ein Sport, fügt Iljana an: «Es ist auch eine Lebenseinstellung.» Dazu gehörten zum Beispiel Respekt – eben auch vor fremdem Eigentum – und Bescheidenheit. Ganz im Geist von Georges Héberts Méthode naturelle gibt es bei Parkour keinen Wettkampf. «Du musst dich nur an dir selbst messen – und am Hindernis», sagt Iljana. Im Wettkampf verkommt Sport zum Selbstzweck. Das ist nicht im Sinn der Traceure. «Être fort pour être utile» ist der Leitsatz von Parkour One – stark sein, um nützlich zu sein. Traceure sind die wahren Pfadfinder. Bloss flinker.

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Zurück zur Natur

Parkour in seiner heutigen Form basiert auf der Méthode naturelle: einem Training, bei dem verschiedene Disziplinen in natürlicher ­Umgebung exerziert werden.

Entwickelt wurde die Methode von Georges Hébert (1875–1957), einem französischen Marineoffizier. Auf seinen Reisen war ihm die bemerkenswerte körperliche Verfassung der Naturvölker aufgefallen, die ­diese auf «natürliche» Weise ­erworben hatten.

Hébert war bestrebt, die athletischen Fähigkeiten mit Tugenden wie Hilfsbereitschaft, Selbstlosigkeit und Tapferkeit zu vereinen. Er war überdies der Ansicht, dass Wettkampf den Sport pervertiere und nicht dazu beitrage, moralische Werte zu festigen. Nach ­seiner Militärzeit lehrte Hébert die Méthode naturelle an Hochschulen, und in der französischen Armee wurde sie zum Standardtraining. Geübt wurde in der Natur oder in Hindernisparks, die Hébert ­konstruiert hatte. Er gilt deshalb als geistiger Vater von Fitness­parcours, Kampfbahnen und ­Spielplatzgeräten.