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Peneda-GerêsNatur pur

Der Nationalpark Peneda-Gerês im Norden Portugals bietet Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren und Pflanzen. Zu Besuch in einer einmaligen Naturlandschaft.

Burgmauern von Castro Laboreiro: Die Ruinen zeugen von den wehrhaften frühen Siedlern der Bergregion.
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Renato fährt früh los. Wie jedes Wochenende hinauf in die von grossen Granitbrocken und karger Vegetation geprägte Wildnis rund um die Hoch­ebene bei Castro Laboreiro, dem letzten portugiesischen Dorf vor der Grenze zu Spanien. In eine Welt oberhalb der Baumgrenze, wo man dem Falken zusehen kann, wie er auf seine Beute niederstürzt, ein Kaninchen, ein Eichhörnchen oder eine Eidechse, die sich auf moosbewachsenem Granit im Sonnenlicht wärmt.

Die archaische Landschaft steht seit 1971 als Nationalpark Peneda-Gerês unter Naturschutz und ist Teil des Wildnisnetzwerks der Stiftung PAN Parks (siehe «Naturreservat», Seite 74). Seit 2009 trägt die Region das Label Unesco-Biosphärenreservat. Vor 7000 Jahren sollen erste Menschen, wohl Hirten, die Wildnis besiedelt haben. Ihre Spuren findet man in Form von Dolmen, die jahrtausendealte Grabstätten markieren.

Die urtümliche Landschaft ist ein Paradies für eine Fülle von wilden Tieren, zum Beispiel Wildschweine, Wildkatzen, Otter, Baummarder oder Vipern. Der Iberische Scheibenzüngler, eine Froschart, lebt hier. Sogar kleine Wildpferde, sogenannte Garranos, streifen durch die Berge. Früher gab es auch Bären und die Gerês-Ziegen, eine heute ausgestorbene Steinbockart.

Renato ist einem anderen Tier auf der Spur, dem Iberischen Wolf. Fünf Rudel von je fünf ­bis elf Tieren sollen hier leben. Insgesamt etwa 30 Wölfe. Renato bringt seinen Geländewagen zum Stehen und schaltet den Motor aus, die Scheinwerfer erlöschen. Es ist fünf Uhr früh. ­Renato steigt aus und wuchtet seinen Rucksack auf den Rücken. Es ist so dunkel, dass er weder das leuchtende Gelb der Ginstergewächse noch das Altrosa der Bergheide sehen kann. Nur grau­grüne Landschaft. Renato stapft los in der Hoffnung, ­einen Wolf zu erspähen. Oder zumindest einen zu hören.

Gegen sechs Uhr hält Renato an. Er hat Durst. Es ist kalt. Er schnürt seinen Rucksack auf und greift nach der Thermoskanne. Der Kaffee plätschert in den Becher. In der Ferne hört Renato einen Uhu rufen, ab und zu knackt und raschelt es in der Heide. Vielleicht ein Vogel, der allmählich erwacht. Sonst ist es um diese Uhrzeit still. Und trotzdem ist etwas nicht wie üblich. Doch davon merkt Renato noch nichts. Er trinkt und wärmt sich die Hände am Becher.

Und dann spürt er ihn: den Wolf, ein vielleicht vierjähriges Leittier, nur ein paar Meter entfernt. Renato erstarrt, so nahe ist er einem Wolf noch nie gekommen. Nach dem ersten Schock greift er vorsichtig nach der Taschenlampe, zündet ins Dunkel. Doch da leuchtet nicht nur ein Augenpaar. Renato lässt den Lichtstrahl kreisen. Und zählt sieben Tiere. Ein Rudel hat sich um ihn versammelt. Ein Anflug von Panik. Wie konnte er diesen Wölfen nur so unvorbereitet begegnen? Und was wollen sie von ihm? Als ihn die Angst ergreift, handelt Renato schnell: Er bückt sich zum Rucksack, zückt seine Pistole und schiesst in die Luft. Der Schuss zerreisst die Stille. Der Knall verhallt in der Ferne, nur langsam erholen sich Renatos Ohren. Er zittert. Die Wölfe sind weg. Zurück bleibt eine Mischung aus Angst, Erleichterung, Glück und Trauer.

Der Rezeptionist des Hotels Castrum Villae in Castro Laboreiro erzählte mir von Renato, als ich bei ihm an der Theke einen Tee trank und auf einen kleinen Kalender mit der Zeichnung eines Wolfs starrte. «Haben Sie schon mal einen Wolf gesehen?», fragte ich. «Nein, aber Renato. Der kommt jedes Wochenende in diese Gegend und sucht nach ihnen.» Er zeigte nach draussen auf den Parkplatz, wo ein tarnfarbener Geländewagen stand. Wegen der Wölfe war ich hier. Bis jetzt hatte ich die wunderbare Landschaft gesehen und die Granitfelsen, die in ihren Formen an Schildkröten, Bären, Nashörner, Riesenechsen, Schweine oder sitzende Greise erinnern. Doch weit und breit keine Spur eines Wolfes. Der Name Renato klang in meinen Ohren wie ein Versprechen.

Naturreservat

Die rund 5000 Hektar umfassende Kernzone des Parks Peneda-Gerês ist durch die Stiftung PAN Parks als Schutz­zone zerti­fiziert. Die vom WWF gegründete Organi­sation widmet sich unter anderem der Frage, wie der Tourismus ökologische Normen erfüllen kann.

«Ich bin noch nie so vielen Wölfen auf einmal begegnet», erzählt mir Renato in einer Bar um die Ecke, und seine hellblauen Augen leuchten. «Das war einer der schönsten Momente meines Lebens, und gleichzeitig hatte ich noch nie zuvor so viel Angst. Im Nachhinein frage ich mich, ob ich nicht anders hätte reagieren sollen. Vielleicht wollten sie mir ja gar nichts tun.»

Seit seiner Kindheit sei er fasziniert von diesen Tieren, sagt Renato. Und noch heute verbringe er lieber Zeit in der Wildnis als unten im Tal mit den Menschen. «Manchmal gehe ich in die Wildnis, einfach nur, um die Wölfe zu spüren. Ich fühle ihre Präsenz, auch wenn ich sie nicht sehen kann.» Vor allem abends und nachts höre man die Wölfe oft heulen. Und manchmal, erzählt Renato, versuche er mit ihnen zu kommunizieren, indem er mit Wolfslauten antworte. Wieder leuchten seine wachen Augen.

Ich muss zurück in mein Hotel in Lobios. Auf die andere Seite der Bergkette Serra da Peneda, in Spanien, in einer anderen Zeitzone, wo alles eine Stunde früher geschieht. In die Zivilisation, wo die Strassen wie die Gesichter der Menschen breiter und die Häuser sauberer verputzt sind. Ich folge der Passstrasse, tauche ein in die Welt der Pinien, Farne und Moose, hinaus aus dem einzigen Nationalpark Portugals, über die grosse Brücke des Stausees Alto Lindoso. In meinen Gedanken bin ich bei Renato und seinen Wölfen. Irgendetwas scheint er in der Wildnis zu finden, das er sonst nirgendwo bekommt.

Ich komme zu spät für die Zivilisation. Der Bademeister des Hotels lässt mich nicht mehr in die edlen Gemäuer des Thermalbads. Schon die alten Römer sind wegen des warmen Quellwassers des Rio Caldo hierher gepilgert. Etwas weiter südlich sieht man noch Stelen, Meilensteine und Brücken der Via Romana da Geira. Die über 300 Kilometer lange Römerstrasse verband den spanischen Ort Astorga, der damals noch ­Astu­rica Augusta hiess, mit der portugiesischen Pilgerstadt Braga, damals Bracara Augusta.

Rasch schlüpfe ich ins Badekleid, streife ­einen weiten Mantel über und schleiche mich raus, vorbei an den kartenspielenden Rentnern und den strickenden Rentnerinnen. Es ist bereits Nacht, doch aus den Fens­tern des Hotels fällt genug Licht, so dass ich den Weg zum öffentlichen Naturschwimm­becken weiter vorne am Fluss ohne Probleme finde. Dort steige ich ins dampfende Nass und spüre Moos unter den Füssen. Ich lehne mich zurück und bestaune die am schwarzen Himmel funkelnden Sterne. Die letzten Pärchen verlassen das Steinbecken. Nur ich weigere mich zu akzeptieren, dass es hier in Spanien schon eine Stunde später ist als jenseits des Bergs.

Ich lasse mich tief ins Becken sinken. Meine Haut ist so wohlig warm, dass ich das Gefühl habe, mit dem Wasser eins zu werden. Die feinen Wellen plätschern. Ich meine, in der Ferne einen Uhu zu hören. Ein Rascheln in der Hecke, vielleicht ein Vogel, der nicht schlafen kann. Sonst ist es still. Und plötzlich spüre ich das wilde Tier in der Nähe. Doch nein, es ist kein Wolf, nur ein streunender Hund. Er stöbert im Abfall nach verborgenen Schätzen. «Ich muss zurück», sage ich mir. Zurück zu Renato, dem Wolfsmenschen.

Am nächsten Morgen fahre ich früh los, eine Stunde zurück in die Vergangenheit, nach Castro Laboreiro, Portugal. Der tarnfarbene Geländewagen ist nicht da. Ich frage den Rezeptionisten nach Renato. «Er hat Ihnen etwas dagelassen», sagt er und reicht mir einen Umschlag. Darin finde ich ein Foto. Grau in grau zeigt es einen einzelnen Wolf mit leuchtenden Augen. Eine Momentaufnahme, die Renato selbst geschossen hat. «Manchmal sehen sie dich, bevor du sie siehst», hat er darunter geschrieben. Was das bedeutet, werde ich wohl bei meiner nächsten Reise hierher herausfinden müssen.

Veröffentlicht am 03. Dezember 2013