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Pepo PuchAls ich ­Olympiagold gewann

Pepo Puch lebt in Wermatswil ZH. Ende August ist der 47-jährige Dressurreiter in Dänemark zweifacher Europameister geworden.

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«Die Fans auf der Tribüne sind überwältigend. Gerade reitet mein Konkurrent und Vorbild, der englische Paradressur-Star Lee Pearson. Sobald seine Kür vorbei ist, wird ohrenbetäubender Jubel ausbrechen. Deshalb beschäftige ich meine Stute ­Fine Feeling. Sie soll trotz dem Lärm bei der Sache bleiben. Der Druck ist riesig, doch ich bin fokussiert. Ich bin es gewohnt, Wettbewerbe zu reiten, und habe den Ablauf sekundengenau geplant. Bald wird die Glocke läuten, und wir sind an der Reihe. Dann wird sich zeigen, was das Training der letzten Jahre gebracht hat.

Vor vier Jahren schien die Augustsonne so schön wie heute. An diesem letzten Turnier, an dem alles begann. Motiviert starte ich in den Parcours. Wie heute mit einer unglaublich talentierten Stute. Ich bin überzeugt: Es wird ein tolles Turnier werden, das uns dem Ziel, der Olympiade in London, ein Stück näherbringen wird. Meine Stute galoppiert leichtfüssig. Ich peile den fünften Sprung an. Lady Voltaire stolpert. Nicht weiter schlimm, denke ich, und lehne mich entlastend zurück. Doch meine Bewegung löst den Airbag in der Weste aus. Es knallt. Die Stute erschrickt, springt zur Seite. Ich falle, behindert durch die aufgeblasene Schutzweste, und lande auf der Stirn. Ich habe den Geruch der Erde in der Nase und höre, wie die Luft dem Airbag pfeifend entweicht. Kurze Zeit später ist die Notärztin da. Sie ist ruhig und kompetent, meine Frau wird benachrichtigt, mein Pferd eingefangen. Alles halb so wild, denke ich, nur lieber erst nicht bewegen.

Auf den Flug im Helikopter folgt die vernich­tende Diagnose: dritter und vierter Halswirbel gebrochen, vom Hals abwärts querschnittgelähmt. Glauben will ich es nicht. Später sagt mir ein Arzt in Zürich, es sei denkbar, dass ich nicht für immer an den Rollstuhl gefesselt sein werde. Ich schöpfe Hoffnung. Was denkbar ist, ist machbar. Das war immer mein Lebensmotto.

Ich nehme also meine Situation an, betrachte sie aber nicht als unabänderliches Schicksal. Ich arbeite daran, dass sie sich verändert. Als nach zwei Wochen mein Zeh sich das erste Mal wieder bewegt – oder eher zittert –, ist mein Ziel gesteckt: Bis Weihnachten will ich stehen können. Meine kleine Tochter soll in ihrem Album keine Weihnachtsfotos mit sitzendem Papa haben. Der Weg ist hart. So wie ich den Zustand meiner Pferde analysiere, beobachte ich nun mich selbst. Wo habe ich Fortschritte gemacht? Was kann ich verbessern? Bis ich nach und nach wieder lerne, mich von meinem Pferd tragen zu lassen und auf eigenen Füssen zu stehen.

Die Glocke läutet. Ich reite ins Stadion im Greenwich Park und gebe das Zeichen zum Start der Musik. Doch sie erklingt nicht. Ich zögere. Die Kür ist auf jeden Takt abgestimmt. Ich muss es riskieren, ich reite ein. Kurz darauf schallen die erlösenden Töne durch die Lautsprecher. Fine Feeling tanzt zu Strauss, sie blüht förmlich auf unter den Blicken der 12 000 Zuschauer. Feinfühlig bewegt sie sich im Rhythmus, aufmerksam horcht sie auf meine Stimme. Meine Beine fühle ich nicht, meine Hände kann ich nur beschränkt kontrollieren, doch ich weiss: Heute, hier und jetzt, auf diesem paralympischen Platz, geben wir unser Bestes.

Tosender Applaus, Fine Feeling schnaubt, die Sonne kitzelt meine Nase. Ich höre die Wertnoten: Ich liege vor Lee Pearson. Adrenalin strömt durch meine Adern. Ich bin mir sicher: Das hier ist einer der Momente meines Lebens, an die ich mich immer erinnern werde. Und tatsächlich: Ich gewinne.

Meine Spastik habe ich bis heute nicht verloren, das Gefühl in Rumpf und Beinen nicht zurückgewonnen. Die Arbeit an meinem Körper, an meiner Balance beim Reiten wird weitergehen. Doch eins habe ich gewiss: Mit dieser Goldmedaille, die jetzt warm um meinen Hals hängt, habe ich mir ­einen Kindheitstraum erfüllt.»

Veröffentlicht am 09. Oktober 2013