Die Pfadi verliert immer mehr Mitglieder: Zehn Prozent betrug der Rückgang in den letzten fünf Jahren, im Kanton Zürich sogar satte 20 Prozent. Von den Leitern zugeteilte Pfadinamen, die Taufe mit zweistündigem Parcours und übel schmeckendem Trank, Uniform, Eintrittsversprechen: Solche Rituale und der militärische Anstrich der Pfadi scheinen immer weniger anzukommen. «Der Appell am Schnuppertag hat genügt, mich nachhaltig davon fern zu halten», erinnert sich die 29-jährige Berner SP-Nationalrätin Ursula Wyss.

Nicht nur sie. Jürg Wiedemann, der Sekretär von GSoA Schweiz, stört sich an militärischen Begriffen wie Truppe, Korps, Führer, Übung und an den «Kriegsspielen». Man lerne, sich unterzuordnen, zu gehorchen, auch wenn man den Sinn eines Befehls nicht einsehe. Zivile Konfliktbearbeitung und Gewaltprävention finde nicht statt. «Ich verbinde Pfadi mit hierarchischen Strukturen, mit einem Führerprin-zip – da sollte sie demokratischer werden», doppelt Soziologe Ueli Mäder nach.

Katharina Kalcsics, Bundesführerin der Pfadibewegung Schweiz, wehrt sich: «Wir wollen die Kinder zu starken Einzelpersönlichkeiten erziehen, und das widerspricht dem Grundgedanken des Militärs.» Allerdings sei es schwierig, militärische Begriffe zu ersetzen, weil diese für die Pfader selbst einen positiven Inhalt hätten. Für Kalcsics haben die demokratischen Entscheidungsprozesse in der Pfadibewegung denn auch grosse Bedeutung.

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Kritik an der Taufe lässt die Pfadifrau nicht gelten: «Derartige Rituale stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl.» Auch Hanspeter Hongler, Dozent an der Hochschule für soziale Arbeit Zürich, findet Rituale für Kinder wichtig, solange sie nicht mit einem Schockerlebnis verbunden sind. Mit den Pfadinamen hat er kein Problem: «Kinder können damit eine andere Identität ausprobieren.»

«Übermass an Verbindlichkeit»
Die Integration von Ausländerkindern, die auch ein Mittel gegen Mitgliederschwund wäre, hat die Pfadi verschlafen. Nur gerade sechs Prozent sind ausländische Kinder, während es bei Jungwacht/Blauring (Jubla) 20 bis 25 Prozent sind. Mit mehrsprachigen Flyern soll dies nun ändern. In Zürich gibt es zwar die islamische Pfadi, doch sie ist eine separate Abteilung, deren Mitglieder nur bei speziellen Anlässen mit Schweizer Pfadern zusammenkommen. Sie wurde bezeichnenderweise nicht von der Pfadi selbst angeregt, sondern von Ausländern, die ihre Jugendgruppen in die Pfadi integrieren wollten. Bei der Gehörlosenpfadi war es übrigens nicht anders: Sie geht auf die Initiative der ökumenischen Gehörlosen-Jugendarbeit zurück.

Der Mitgliederverlust hängt aber in erster Linie mit allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen zusammen. «Die Pfadi beinhaltet für viele ein Übermass an Verbindlichkeiten, die heute nicht mehr gefragt sind», sagt Soziologe Mäder. Thomas Graf von Pro Juventute ergänzt: «Sie baut auf Langfristigkeit und Regelmässigkeit, die zurzeit nicht im Trend liegen.» Ausserdem können Kinder und Jugendliche heute aus einem immensen Freizeitangebot auswählen, zu dem die Pfadi in Konkurrenz steht.

«Besser als ein Fussballklub»
Pfadi-Bundesführerin Kalcsics sieht das auch so. Sie glaubt nicht, dass die Arbeit der Pfadi schlechter geworden sei. Mit PR-Massnahmen und Werbung will sie die Pfadi bekannter machen und mit alten Klischees aufräumen. Erst in zweiter Linie will sie auf die neuen Bedürfnisse eingehen. Zum Beispiel sollen ältere Kinder und Jugendliche in die Pfadi einsteigen können, auch wenn sie die unteren Stufen nicht durchlaufen haben.

Die Vorzüge der Pfadi liegen für viele auf der Hand: «Sie leistet für die Gesellschaft mehr als ein Fussballklub», findet Max Stierlin vom Bundesamt für Sport, denn Mitbestimmung sei in den Sportvereinen ein Fremdwort. In der Pfadi hingegen könnten Kinder und Jugendliche soziales Verhalten und Eigenorganisation lernen. «Die Kids haben nicht nur Sport und Spass, sie lernen auch, Verantwortung zu tragen», lobt Soziologe Mäder die positiven Seiten. Und sogar Ursula Wyss bewundert die Organisationstalente, die aus der Pfadi hervorgegangen sind.

Ohne Pfadi gäbe es in der Schweiz laut Kalcsics viel weniger engagierte Leute, die in unserer Gesellschaft Verantwortung übernehmen. Dafür hat sie Belege: Rund jeder dritte Parlamentarier ist ein ehemaliger Pfadfinder. Hochschuldozent Hongler siehts ähnlich: «Die Pfadi ist ein in sich geschlossener Kreis von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die zusammen die Freizeit gestalten. So etwas gibt es sonst nirgends.» Sie hebe sich von den vielen kommerziellen Angeboten ab. «Die Pfadi ist todsicher kein Auslaufmodell.» Immerhin ist sie mit 50'000 Mitgliedern nach wie vor die grösste Jugendorganisation der Schweiz.