«Nichts geht mehr. Nicht das Licht, nicht die Rolltreppe, nicht das Check-in. Am Flughafen John F. Kennedy steht die Welt still. Stromausfall: das grosse Blackout von New York im Jahr 2003. Die Warteschlange, um ein Taxi zurück nach Manhattan zu bekommen, ist lang, die Strassen sind voll. Kurz vor der Queensborough Bridge, die den Stadtteil Queens mit Manhattan verbindet, teilt mir der Taxifahrer mit, er würde nicht mehr zurück in die Stadt fahren. In dieser Dunkelheit – es ist mittlerweile Abend – könne er nichts sehen. Zu gefährlich. Also mache ich mich zu Fuss auf den Weg. Über die Brücke Richtung Manhattan. Was für ein Moment. Die schillernden Hochhäuser, die berühmteste Skyline der Welt –ausradiert. Nur ganz schwach erkenne ich die Silhouette der Wolkenkratzer. Ich beginne, mit einem Geschäftsmann zu sprechen. Seine Sekretärin hatte ihm gerade noch telefonisch eine Hotelreservation durchgegeben, bevor das Handynetz zusammenbrach. Ich hingegen habe keine Ahnung, wo ich die Nacht verbringen soll. Unvermittelt bietet mir der Mann an, in seinem Zimmer zu schlafen. Warum auch nicht?, denke ich und gehe mit dem Fremden mit und verbringe die Nacht auf dem Boden seines Hotelzimmers.

New York ist eine faszinierende Stadt. Sie pulsiert, sie lebt, sie verändert sich. Ich war mittlerweile wohl um die 20 Mal da. Kein Aufenthalt war wie der andere, weil die Stadt nie dieselbe war. Nur etwas bleibt immer gleich: der erste Morgen nach der Ankunft. Da gehe ich jeweils in einen traditionellen Diner und esse Pfannkuchen mit Ahornsirup.

Harlem, Manhattan und Soho

Taxifahrten gehören zu den tollsten Erlebnissen in New York. Die Fahrer stammen meistens aus Pakistan, Indien oder Haiti. Alle kommen sie aus einer völlig anderen Welt, und fast alle sind sie ganz allein in diese Stadt gekommen, um Geld für ihre Familien in der Heimat zu verdienen. Mich faszinieren ihre Geschichten. Manchmal stimmen sie mich nachdenklich, manchmal sind sie aber auch ganz und gar verrückt. Wie letzthin, als ich bei einem Taxifahrer einstieg, der auf dem Beifahrersitz seinen Laptop aufgestellt hatte. Er erzählte mir, dass er nebenbei mit Börsenoptionen handle und deshalb immer online sein müsse.

Wenn immer ich Zeit habe, versuche ich am Sonntagmorgen eine Gospelmesse in Harlem zu besuchen. Die Leidenschaft, Kraft und Freude in der Stimme dieser Sänger haut einen einfach um. Dabei haben sie überhaupt keine Berührungsängste gegenüber Touristen. Sprichwörtlich. Als ich die Messe in einer sehr kleinen Baptistenkirche besuchte, mussten wir uns während der Zeremonie alle an den Händen fassen. Meine beiden Nachbarinnen griffen beherzt zu. Dass ich ein Fremder war, störte sie nicht.

Das ist sehr typisch für New York. Die Leute sind unglaublich offen und interessiert. Das liegt wohl daran, dass die Stadt wie ein kleines Universum ist, in dem alle Kulturen vertreten sind. Das Verrückte daran ist, dass diese Welten nur durch ein paar Strassen voneinander getrennt sind. Wenige Kilometer vom hektischen Midtown Manhattan entfernt liegt Soho. Ein fantastisches Viertel. So viel Kreativität auf so wenig Raum. Trotzdem ist die Kunst sehr nahbar. Man kann einfach in eine Galerie spazieren und die Künstler in ein Gespräch verwickeln. So etwas ist bei uns nur schwer möglich.»

Anzeige

Buchtipp

Clever unterwegs

Planen, buchen, aufbrechen - mit vielen Insider-Tipps, Links und Apps

Mehr Infos

Placeholder
Quelle: Beobachter Edition