Manche Dinge sind einfach schöner, wenn man noch Kind ist. Weihnachten zum Beispiel. Oder Regen. Als Kind machte mir Regenwetter nichts aus. Weihnachten auch nicht. Der Regen war damals von kurzer Dauer, roch gut und fand ausschliesslich in der warmen Jahreszeit statt. Genau wie Weihnachten.

Oder? Na ja, man erinnert sich vielleicht nicht immer bis ins klitzekleinste ­Detail daran, was so los war in Kinder­tagen. Bei seinen Erinnerungen muss man möglicherweise zwischen tatsächlichem und gefühltem Erlebten unterscheiden. So wie der Meteorologe zwischen tatsächlichen und gefühlten Temperaturen unterscheidet. Bemerkenswert ist, dass gefühlte Temperaturen immer niedriger sind als die tatsächlichen. Wann hat man je einen ­Meteorologen verkünden hören: «Es sind tatsächlich zwar nur lausige vier Grad. Die fühlen sich aber Gott sei Dank an wie 40.» Eben.

Dass wir diesen Satz nie zu hören bekommen, ist so unfair wie die Tatsache, dass in Kindertagen der Regen kurz, warm und wohlriechend war. Und in den langen, zähen Jahren, die folgen, nicht mehr.

Heute, mit Mitte 40, denkt man bei jedem Schauer ja gleich: «O weh, das hört jetzt bis zu meinem schlechtwetter­bedingten vorzeitigen Ableben nicht mehr auf!» Das erklärt den Exodus vornehmlich nordeuropäischer Pensionäre gen Süden. Während kein Halbwüchsiger je die Notwendigkeit sah, fortan sein Taschengeld auf Mallorca zu verprassen. Regen bringt Wachstum, gewiss. Er bringt aber auch schlechte Laune und Arthritis.

Ein ewiger Lieblingsspruch meiner Eltern ist: «Es gibt kein schlechtes Wetter. Es gibt nur die falsche Kleidung.» Soll heissen: Wenn man sich nur genug regen- und winddicht kleidet, fühlt man sich auch in Schauern und Stürmen wohl wie im schönsten Sonnenschein. Meine Eltern warteten mit dem Spruch jedes Mal auf, wenn wir statt in die Sonne auch im folgenden und im nachfolgenden Jahr wieder nur an die Nordseeküste fuhren. Wo man bekanntlich extra oft und leicht in die Verlegenheit geraten kann, falsch gekleidet zu sein.

Ich besitze, hauptsächlich meiner Eltern und ihrer Liebe zu blödsinnigen Sprüchen wegen, eine Unzahl an Regenjacken und -hosen der verschiedensten Provenienzen und Preisklassen. E-Vent, Hi-Vent, Clima tex, Sympatex, Oeko-Tex, Mit-und-ohne-Bindestrich-Tex, ich habe alles probiert. Es ist immer das Gleiche. Man trägt sein Geld in den Outdoor-Tempel, trägt die neue Wunderware gegen das schlechte Wetter, das es dank ihr nicht mehr geben wird, heim und macht gleich bei ihrem ers­ten Einsatz die überraschende Erfahrung: Es regnet. Es regnet wunderresistent. Eine tex-bedingte Temperaturveränderung ins Wohlige stellt sich nicht ein.

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Das Gore-Gedöns beseelt seinen Träger nicht mit halluzinogenem Behagen: «Wow! Es sind zwar nur lausige vier Grad, und es giesst wie aus Eimern. Aber dank meinem megainnovativen Super-High-Tex zum Preis des Jahreseinkommens aller südafrikanischen Minenarbeiter zusammen fühle ich mich im Moment gerade so wohl, als aalte ich mich am wolkenlos überhimmelten Strand von Kapstadt bei 40 Grad.»

In meinen Erwachsenentagen zog ich zuerst an die Nordseeküste. Später nach ­Irland. Ich wollte wohl etwas beweisen. Was oder wem, habe ich mittlerweile vergessen. Nur eins kann ich mit Sicherheit sagen: In Irland habe ich auch den letzten Rest Glauben an jegliche Hightech-Mate­rialien verloren. In Irland regnet es. Von oben, vorn, hinten, von links und rechts. Auch an Sonntagen. Auch im Winter. In ­Irland ist es zum Leben zu kalt und zu warm für Schnee. Das einzige Kleidungsstück in meinem Besitz, das im nordatlantischen Dauerregen wasserdicht ist, sind ein Paar neoprengepolsterter, tatsächlich aus Gummi gefertigter Gummistiefel eines drolligerweise recht südländischen Fabrikats. Chapeau, Franzosen! Leider bestehe ich nicht nur aus Füssen.

«Aber das weiss doch jeder, dass es in Irland regnet!», rufen die Leute, wenn ichs erzähle. Ich rufe zurück: Wer nie 365 Tage und Nächte im Jahr in seine französische Watstiefel gewandet schluchzend hinter seinem für immer regentrüben Fenster stand, hat keinen blassen Schimmer, was Regen ist!

Wenn es in Irland mal ein, zwei Tage nicht regnet, fühlt man sich gleich verpflichtet, alles stehen und liegen zu lassen und gutgelaunt nach draussen zu toben, um aus den paar mickrigen Sonnenstunden «das Beste zu machen». Wehe, wenn einem gerade nicht danach ist! Dann hat man ­seine zwei Tage Leben für ein Jahr verwirkt.

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Warum kann Regen nicht einfach nachts stattfinden? Oder während der Stunden, die man im Büro, in der Sauna oder im Einkaufszentrum verbringt? Sobald wir wieder unter freien Himmel treten, dann bitte: Sonnenschein!

Einmal verbrachte ich drei Monate in Idaho, dem Cowboy- und Kartoffelstaat im ziemlichen Westen der USA, bei einer Tagesdurchschnittstemperatur von weitgehend schatten- und niederschlagsfreien 45 Grad Celsius. Das nahezu Einzige, was in diesen drei Monaten niederschlug, war ich, nachdem mir in der Mittagssonne einmal der Cowboyhut vom Kopf gefallen war und ich ihn wieder aufzusetzen vergessen hatte. Das war ein Wetter nach meinem Geschmack.

Eines Spätabends, schon gegen Ende meines Aufenthalts, Mitte Oktober, trat ich aus einem Idahoer Einkaufszentrum auf den Parkplatz hinaus. Es roch überraschend beglückend nach Kindertagen. Der Duft von Regen auf sonnenheissem Teer. Das auslösende Ereignis war längst vorbei. Ich dachte: Na bitte, so lässt sich Regen ertragen! Kurz, wohlriechend, warm. Genau wie Weihnachten. Irgendwie.