Ra-ta-ta-ta-ta-ta. – Mast 1 ist kaum an uns vorüber, da ergreift der rotbäckige Jüngling zu meiner Rechten das Wort, wenn auch eher stichwortartig: «Guter Schnee.» Während uns der Skilift an Mast 2 vorbei – ra-ta-ta-ta-ta-ta – träge den Hang hochzieht, berichtet mein Mitfahrer in gedehntem Berner Oberländer Dialekt, dass er «eine vo hie» sei. Aha. Noch ehe es beim dritten Mast rattert, ist die Basis gelegt, damit zwei Fremde sich kennenlernen.

Nirgends ist das so nonchalant möglich wie am guten alten Schlepplift – die alpine Urform von Facebook sozusagen. Wen es an denselben Bügel verschlägt, kann fast nicht anders, als sich in irgendeiner Form auf das zufällige Nebenan einzulassen. Zu nahe steht man beieinander, berührt sich an wattierten Armen und Beinen. Zu oft kommt man sich mit Stöcken und Schuhschnallen in die Quere.

Menschen am Lift bilden für die Dauer einer Bergfahrt eine wundersame Schicksalsgemeinschaft. Beim Start den «Anker» unter verschieden hohe Hinterteile zu klemmen schafft eine Verbundenheit, die oben am Ziel in die stillschweigende Übereinkunft mündet, in derselben Sekunde abzubügeln. Das Beste daran: Beim Dialog am Doppellift ist nicht mal direkter Blickkontakt nötig – schliesslich muss man sich auf die Skiführung konzentrieren, damit es auf dem Trassee keine Schlagseite gibt.

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Eine geniale Erfindung – ohne Zukunft

Ob jemand die Aufmerksamkeit trotzdem lieber auf seine Schleppliftabschnittspartnerin richtet, hängt natürlich von deren Erscheinung ab. Denn die Skilifte von altem Schrot und Korn sind auch ganz patente Flirtmaschinen. Zuzuschreiben ist das dem Skilehrer Jack Ettinger aus Davos, der 1935 den im Jahr zuvor vom Zürcher Ingenieur Gustav Constam erfundenen Einerbügel – damals eine Weltpremiere – um den Romantikfaktor erweiterte. Sinnigerweise wurde der Doppelbügel nach Ettingers Idee fortan als «Sie-und-Er-Lift» beworben.

Weshalb diese Hommage? Weil der Schlepplift, diese geniale Schweizer Errungenschaft, todgeweiht ist. Es ist nicht mehr aufzuhalten: kein Saisonauftakt, ohne dass sich nicht etliche Skistationen rühmen, «endlich» den alten Schlepplift durch Vierer- oder Sechsersessel ersetzt zu haben. Womöglich mit Sitzheizung, bestimmt aber mit Windhaube. Mit Gesprächen unter Fremden ist damit natürlich Sense. Wer nicht friert, berührt sich nicht und kann den Sitznachbarn geflissentlich ignorieren. Lieber checkt man in der Kleingruppe seine SMS. Eine fatale Entwicklung in einer Zeit, da Hinz und Kunz beschwört, wie unglaublich wichtig es ist, Unterschiede mittels Dialog zu überwinden: zwischen Schweizern und Ausländern, Christen und Moslems, Städtern und Berglern.

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Mein Gefährte aus dem Gebirge tastet sich noch vor Mast 4 zum Kern vor, vorsichtig, aufs Schlimmste gefasst: «Kommst du von unten?» – Ra-ta-ta-ta-ta-ta. – Ja, von ganz unten: «Ich bin aus Zürich.» Das sitzt, jetzt kommt eine ganze Mastlänge gar nichts mehr. – Ra-ta-ta-ta-ta-ta. – Dann, irgendwie mitleidig, auf jeden Fall aber endgültig: «Ou läck!» Es ist noch weit bis Mast 14, wo wir sekundengenau abbügeln werden.

Gut, Dialog ist wichtig, aber auch verdammt komplex. Vielleicht wärs zum Üben einfacher, man träfe am Doppelbügel auf einen Moslem.