Seltsames spielt sich ab vor dem Feuerwehrdepot in Schattenhalb bei Meiringen. Zehn Esel, zwei Maultiere und zwei Pferde stehen in Reih und Glied auf dem Platz, es riecht nach Pferdemist und schweissnassem Fell. Männer und Frauen in mittelalterlichem Tuch binden den Tieren alte Traggestelle auf die Rücken, beladen sie anschliessend mit hölzernen Fässern und Kisten. Die Fässer sind mit Wein gefüllt, die Kisten mit Käse und anderem. Als alle Tiere bepackt sind, ruft einer: «Immer eine Pferdelänge Abstand halten!» Nun binden die his­torisch Gewandeten ihre Tiere los und begeben sich nacheinander auf den Weg in Richtung Innertkirchen.

«Säumerkurs 2011», stand auf der Einladung zum Anlass, «organisiert von der Säumer- und Trainvereinigung Unterwalden». Mit dabei sind Unternehmer, Hausfrauen, Zimmermeister und Versiche­rungs­angestellte aus allen Regionen der Deutschschweiz. In weisse Leinenhemden und schwarze Hosen gekleidet, wollen sie lernen, wie man den Tieren Lasten aufbindet, wie man sie über schmale Saumpfade führt – und wie es sich so anfühlt, als Säumer wie einst. «Die Säumerei erlebt derzeit eine grosse Renaissance», sagt Josef K. Scheuber, der Organisator des Kurses.

Anführer des Trosses ist der 62-jährige Dres Wyss mit seinen Lasteseln Pepino, Felipe, Rosa und Fury. Irgendwo dazwischen trotten Zita und Felix, die Eselchen des pensionierten Bankers Klaus Maess aus Au ZH. Felix muss noch keine Lasten tragen, «der ist noch zu jung», sagt Maess. Den Abschluss macht Hans Spichtig aus Kerns OW, rotwangig, im urchigen Fellgilet. Sein Pferd trägt 125 Kilogramm Last – davon 36 Kilogramm Sbrinz-Käse. Die Tiere drängen in hohem Tempo voran. Das Klappern der Hufe hallt von der nahen Felswand zurück.

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Rohe Sitten in den Tavernen

So müssen sie ausgesehen haben, die Säumerkolonnen, die jahrhundertelang Waren aller Art über die Alpen transportierten. Die damaligen Säumer waren harte Burschen und wohl auch ziemlich grimmig. «Die Felswände haben sicher so manchen kernigen Säumerfluch vernommen», sagt Josef Scheuber mit Schalk in den Augen. Aber die «Spediteure der Alpen» seien charakterstark, ehrlich und zuverlässig gewesen: «Auch wenn sie immer wieder mal ein Glas über den Durst tranken, erreichten die Waren ihren Bestimmungsort in der Regel unbeschädigt.» Übernachtet und gezecht wurde in einfachen Nachtlagern und Herbergen entlang der Strecke. Hier kehrten die Säumer in den rauchgeschwärzten Tavernen ein und erzählten sich das Neuste. Da muss es manchmal auch rau zu- und hergegangen sein. «Die Säumer gingen in der Regel als Letzte ins Bett», sagt Scheuber, «aber sie standen frühmorgens auch immer als Erste auf.»

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Scheuber beschäftigt sich seit Jahren mit der Tradition der Säumerei. Als umtriebiger Geschäftsführer des Fördervereins Sbrinz-Route organisiert er seit 2003 jedes Jahr eine «Säumerwoche». Hunderte von Teilnehmern wandern jeweils im August mit ihren Lasttieren von den Ufern des Vierwaldstättersees nach Domodossola im italienischen Ossola-Tal. Dabei folgen sie den historischen Handelswegen der Via Sbrinz, die über den Brünig- oder den Jochpass und dann über den Grimsel- und den Griespass führen.

In welcher Gemeinde der Tross auch einläuft, immer erwächst daraus ein grosses Volksfest, und das ganze Dorf ist auf den Beinen.

Hin mit Sbrinz, zurück mit Reis

Freilich war das, was heute als Nostalgie wiederauflebt, jahrhundertelang mit harter und gefährlicher Arbeit verbunden. Schon zur Römerzeit trotteten Lasttiere über die Via Sbrinz – nicht nur sommers, auch im Winter. Ab dem 12. Jahrhundert entstanden dann gut ausgebaute Saumwege. «Die Bergler brachten jedes Jahr Tausende Tonnen Sbrinz-Käse und andere Güter nach Süden», erzählt Scheuber. «Auf dem Rückweg waren die Lasttiere mit Reis, Wein oder Gewürzen beladen.» Parallel entstanden Herbergen und Umschlag-plätze. Letztere wurden «Susten» genannt – was übrigens den Namen Sustenpass erklärt. Zudem hatten die Säumer an mehreren Zollstationen Wegzoll zu zahlen.

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Eine solche Zollstelle war der «Ägerstein», ein altes Holzhaus mitten in den Wiesen zwischen Meiringen und Guttannen. «Ein wunderschönes Haus», sagt Guy Schneider. Der 56-jährige Geograph betrachtet die Fassade. «Hier wurden wohl auch die Waren zwischengelagert und an die nächste Saumkolonne übergeben.» Zeitweise funktionierte die Säumerei demnach wie ein Stafettenlauf: Mehrere Saumkolonnen teilten sich den Transport der Waren.

Schneider klopft an – ein alter, bärtiger Mann öffnet die Tür und erklärt, dass das ­alte Zollhaus heute einen Alpbetrieb und ­eine Käserei beherberge. 100 Gramm Alpkäse kosten zwei Franken. Der Käse ist gut, Guy Schneider kauft sich ein grosses Stück.

Der Berner arbeitet seit 1983 bei Via Storia, dem Zentrum für Verkehrsgeschichte, das sich dem Schutz, der Erforschung und der Vermarktung der historischen Handelswege widmet. Über ein Dutzend national bedeutender Wege hat Via Storia bereits für den Wandertourismus restauriert (siehe nachfolgender Hinweis «Die Via Storia im Überblick»). Auch die Via Sbrinz gehört dazu. Längst kennt Guy Schneider im Haslital jeden historisch bedeutsamen Stein, jede alte Brücke, jedes uralte Haus, jede verwitterte Inschrift. Denn während sich andere Wanderer über die Blumen am Wegrand freuen oder über die tosenden Wasserfälle, sieht Schneider vor allem eines: Historie. Und zwar beinahe überall.

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Auf die Frage, welches die historischen Highlights auf der Via Sbrinz seien, antwortet Guy Schneider: «Sicherlich die Trittstufen auf den Hälenplatten, und dann natürlich die beiden Brücken Oberes und Unteres ‹Böglisbrüggli›.»

Die Hälenplatten sind eine grössere, abschüssige und spiegelglatte Felspartie unterhalb des Räterichsbodensees. Auf einer Strecke von etwa zehn Metern wurden hier breite, in den Fels gemeisselte Trittstufen entdeckt, die wahrscheinlich aus dem Mittelalter stammen. «Ein Traum für jeden Historiker», findet Schneider.

Gleiches gilt wohl auch für die beiden historischen «Böglisbrüggli» ganz in der Nähe. Sie wurden in den letzten Jahren res­tauriert und beeindrucken durch ihre fragil wirkenden, aber äusserst stabilen Bogenkonstruktionen.

Kurz vor Mittag parkt Guy Schneider seinen Wagen irgendwo vor Guttannen am Strassenrand und läuft den Wanderweg hoch. Das Tal ist an dieser Stelle eng und wird von hohen Felswänden dominiert. In der Tiefe schäumt die Aare, auf abschüssigen Wiesen wächst Kerbel. Nach wenigen Minuten bleibt Schneider stehen. «An dieser Stelle sind die drei Strassengenerationen der Grimselroute besonders schön sichtbar.»

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Die Säumer lebten gefährlich

Strassengeneration eins: der Saumpfad. Schon die Römer dürften diese Route benutzt haben. Die alten Pflastersteine sind gut zu erkennen, die Ritzen dazwischen voller Geheimnisse. «Wenn Sie hier mit dem Metalldetektor auf die Suche gehen», so Schneider, «entdecken Sie allerlei spannende Dinge.» Auf diese Weise haben die Forscher von Via Storia im Rahmen eines nationalen Forschungsprojekts bereits Hunderte antiker Hufeisen und Schuhnägel, aber auch Münzen, Messer und gar Pistolen entdeckt. Guy Schneider stellt jedoch klar, dass eine Schatzsuche nur mit Bewilligung der archäologischen Dienste erlaubt sei.

Generation zwei: die alte Passstrasse von 1894. Sie windet sich in engen Kehren um die Felswand, hineingesprengt mit viel Schwarzpulver. «Bis in die 1920er Jahre fuhr hier nur die Postkutsche hoch», sagt Schneider, «für alle anderen Fahrzeuge galt striktes Fahrverbot.»

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Von Generation drei, der neuen Passstrasse aus den 1960er Jahren, ist nur ein Tunnelportal sichtbar: Die Strasse führt an dieser Stelle schnurgerade durch den Fels. Wer per Auto oder Motorrad vorbeifährt, sieht statt Zeugen alter Handelsrouten bloss Betonwände.

Eine weitere Route bleibt allerdings auch den meisten Wanderern verborgen. «Dort oben ist noch eine alte Galerie sichtbar», sagt Guy Schneider und zeigt in die Felswand direkt oberhalb der Strasse. Der waghalsig in den Stein gehauene Weg war einst die Ausweichroute der Säumer für  den Fall, dass der normale Pfad nicht mehr begehbar war – etwa weil eine Lawine oder ein Murgang den Weg verschüttet hatte. «Man kann sich ja heute nicht mehr vorstellen, wie gefährlich das Säumen war», sagt der Geograph.

Ausser man liest in alten Quellen. «Es ist schon gar mancher arme Säumer (...) erfasst und in den Abgrund geschleudert worden», beschreibt etwa Johann Andreas von Sprecher 1878 eine Szene, die sich um 1620 abspielt. Und weiter: «Es war ein markerschütternder, gellender Schrei, aber nicht der eines Menschen. ‹Oh, mein armes Ross!›, klagte Gruber, ‹da zerschellt es unten in den Felsen.› Den dumpfen Ton des Aufschlagens eines schweren Körpers auf dem Gestein vernahmen alle ...»

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Andere Verfasser beschreiben in blumigen Worten gefährliche Windstösse, Steinschlag, rutschige Wege, blasengeplagte Füsse, Lawinen, tödliche Erfrierungen oder auch nur das schlechte Essen in den Schweizer Wirtshäusern: «So schlecht man da bewirtet ist, so findet man doch immer (...) trinkbaren Wein», schreibt Heinrich Heidegger 1792 über das Reisen in der Schweiz. Und er empfiehlt, man solle doch Tee, Kaffee oder Schokolade aus dem Ausland mitbringen, denn: «Gute Qualität findet man nicht.»

Ein Gasthaus mit Vergangenheit

Über solche Erzählungen kann Peter Rufibach laut lachen. Der 53-Jährige ist selber Wirt, und dies in der mittlerweile sechsten Generation, im Gasthaus Bären in Guttannen. Der «Bären» ist inzwischen das einzige verbliebene Hotel im Dorf. Rufibach, kurze Haare, kurzgeschorener Bart, sitzt an einem Tisch in seiner Gaststube. Das Gasthaus habe eine bewegte Geschichte hinter sich, erzählt er. Schon früh sei es Zollstelle und Warenumschlagplatz für die Säumer gewesen. Nach einem verheerenden Dorfbrand im Jahr 1803 musste das Haus neu aufgebaut werden. «Hier ein zum kühlen Wein», verkündet seitdem das Schild der Gaststube.

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Innerhalb von nur drei Jahren, 1891 bis 1894, wurde mitten durch Guttannen die erste Passstrasse gebaut – bis zu 700 Leute waren gleichzeitig damit beschäftigt. Von da an wechselten die Postkutscher beim Wirt die Pferde aus. Später wurden Stauseen und Seilbahnen gebaut; eine neue Passstrasse kam hinzu.

So wurde das Haslital zum Transitland, besucht von Menschen, die vor allem eines im Sinn hatten: möglichst schnell die Alpen überqueren. Oder dann mit dem Motorrad innert zwei Stunden über drei Pässe donnern. Einkehren im altehrwürdigen Gasthaus Bären, so, wie es einst die alten Säumer taten, wollten immer weniger.

Seit einigen Jahren kommen aber wieder mehr Menschen in den «Bären». Es sind Wanderer, die auf historischen Pfaden wandeln. Und es sind wieder öfter Säumer – Freizeitsäumer zwar, aber auch sie konsumieren Wein und Bier, Brot und Schinken. «Seit die Via Sbrinz offen ist, übernachten jedes Jahr mehr Leute bei uns», sagt der Wirt zufrieden. «In jedem Sommer sind es etwa doppelt so viele wie im Jahr zuvor.»

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Auch dieses Jahr freut sich Peter Rufibach wieder ganz besonders auf die letzte Woche im August. Dann nämlich ist der «Bären» komplett ausgebucht dank der Säumerwoche. Mit dabei sind auch Dres Wyss, der Banker Klaus Maess und Hans Spichtig. Pepino, Felipe, Rosa, Fury, Zita, Felix und Zubiana werden mit­trotten und ohne Murren wieder viel Sbrinz-Käse und Wein nach Süden schleppen. Und wo sie vorbeiziehen, wird es wieder ein Volksfest geben.

Klicken Sie auf die Karte, um sie zu vergrössern (PDF, 1,95 mb; je nach Browsereinstellung wird das PDF in einem neuen Fenster angezeigt oder heruntergeladen).

Quelle: Urs Flüeler, Keystone
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Die Via Storia im Überblick

Weitere Informationen

Die Säumerwoche 2011 beginnt am 20. August mit einem grossen Fest in Stansstad und endet am 28. August, ebenfalls feierlich, in Domodossola. Auch vom 2. bis 9. Oktober findet eine Wanderwoche mit Saumtieren statt. Informationen und weitere Angebote: www.sbrinz-route.ch

Alles Wichtige über das Wandern auf historischen Wegen der Schweiz: www.kulturwege-schweiz.ch und www.viastoria.ch

Inventar der historischen Verkehrswege der Schweiz: www.ivs.admin.ch

Lesetipps

Heinz Dieter Finck: «Alte Wege – neu gesehen»; Weber-Verlag, 2010, 272 Seiten, CHF 49.90

Sandro Bendetti u. a.: «Wanderland Schweiz – Highlights Kulturwege Schweiz»; AT-Verlag, 2008, 136 Seiten, CHF 25.90

Hansruedi Matscher: «Auf historischen Wanderrouten durch die Schweiz»; drei Bände, 2007/2008, Coop-Presse, je CHF 32.90

Via Storia (Hg.): «Erlebnismagazin Kulturwege Schweiz»; CHF 8 pro Einzelausgabe, CHF 50  für Sammeledition

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