Drei junge Mitläufer holen mich in der zweiten Runde ein. Ich habe sie vor dem Rennen auf dem Parkplatz beim Kiffen gesehen. Während ich versuche, mein Seitenstechen im Zaum zu halten, ziehen sie grölend und johlend an mir vorbei.

Der Veranstalter hat Ruhm und Ehre versprochen. Aber bald wird mir klar: Es geht um etwas ganz anderes. So habe ich mir das nicht vorgestellt.

Als ich meinem Kumpel drei Wochen zuvor eröffnete, dass ich am «Strongman-Run 2010» teilnehmen würde, sagte er zuerst nur ein Wort: Kohlenhydrate. Mit Training sei in drei Wochen nicht mehr viel zu machen, sagte er, nicht im Ausdauerbereich. Deshalb solle ich in der Woche vor dem Lauf nur Kohlenhydrate zu mir nehmen. Bei dieser Distanz und diesen Temperaturen bräuchte ich vor allem volle Energiespeicher.

Ich folgte seinem Rat, der Kerl war schliesslich Schweizer Meister im Hindernislauf. Und mir stand laut Veranstalter der «stärkste Lauf Europas» bevor: zwei Runden à acht Kilometer mit je 20 Hindernissen. Diese tragen Namen wie «Eigernordwand», «Heartbreak Hills» und «Everglades». Ihr einziger Zweck: die Läufer leiden lassen. Also wollte ich vorbereitet sein.

Ich hörte mit dem Rauchen auf, fing mit Joggen an und ass eine Woche lang ausschliesslich Salat, Eier und Fleisch – null Kohlenhydrate. Die Energiespeicher liessen sich besser füllen, wenn sie ganz leer seien, sagte mein Kumpel.

Mit Borat im Dreck

Dann die Spaghettikur: Eine Woche vor dem Wettkampf ernährte ich mich fast nur noch von Pasta, um meine nun leeren Energiespeicher zu füllen. Das ging leicht, ich liebe Teigwaren. Die Vorbereitungen komplettierte ich mit ein paar Waldläufen, um meine neuen Crossschuhe einzulaufen.

Als ich am Sonntagmittag endlich in der Startzone stehe, bin ich bereit. Mein Ziel: durchkommen. Mit dem Startschuss sprinten die Spitzensportler vornweg, dahinter rollt das Feld auf die Strecke. Solche Massenstarts haben immer etwas Hysterisches. Leichter Laufschritt, nicht zu schnell, schön einteilen.

Zwischen normal ausgerüsteten Teilnehmern laufen Leute in Ballettröckchen, mit Anzug und Krawatte oder Superman-Cape. Einer ist nur mit einem purpurnen Samthöschen bekleidet. An Freizügigkeit wird er einzig von einem Borat-Double im giftgrünen Badeanzug übertroffen. Einer, dessen Kniegelenke bei jedem Schritt seitwärts ausschwenken, trägt ein T-Shirt, auf dem steht: «Schmerzen vergehen, Ehre bleibt.» Manchmal ist es umgekehrt. Die Arthrose wird ihn das lehren.

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Nach ein paar hundert Metern das erste Hindernis: grosse Strohballen. Kein Problem. Weiter. Dann, nach unebenem Gelände der «Jungle»: gewöhnliches Unterholz. Auch kein Problem. Während ich andere überhole, werde ich selbst überholt. Es ist manchmal schwierig, das eigene Tempo zu halten und nicht einfach blind dem Vordermann nachzuhetzen. Das Rennen ist lang.

Dann kommt die «Eigernordwand»: eine Betonrampe, kurz, aber sehr steil, auf der anderen Seite gehts mit gleichem Gefälle wieder hinunter. Rhythmus beibehalten. Und die «Everglades»: hüfttiefes Wasser und schlammiger Grund, in beidem lungert noch Winterkälte. Der Sumpf saugt an den Schuhen, die Schuhe zerren an den Waden. Wer stolpert, versucht sich mit ein paar Schwimmzügen zu retten.

Der kalte Schlamm macht jeden Fetzen Stoff zum Feind. Alles, was du trägst, arbeitet fortan gegen dich: Es klebt, kühlt dich aus und scheuert dir die Schenkel wund. Das müssen vor allem die vier Soldaten lernen, die in Vollmontur angetreten sind: Tarnfarbe im Gesicht, Kampfstiefel und Kampfanzug. Nur ein Skidress wäre noch ungeeigneter.

Aber selbst in kurzen Hosen ist es nicht einfach, die kalten, schweren Beine über das nächste Hindernis zu zwingen: ein Feld liegender Baumstämme mit dem sinnigen Namen «Lothar».

Und dann, nach einer Reihe von ungefähr 15 weiteren Schlammpfützen, kommt die Stelle, an der sich alles ändert: Kilometer fünf, offenes Feld. Gemäss Streckenplan sind die schwierigsten Hindernisse bereits vorbei. Was bleibt, ist Laufarbeit und ein bisschen Robben und Kriechen, dann die zweite Runde.

Schlammschlacht am «Strongman-Run»: Sportler und Spassvögel im Wettlauf

Quelle: Zsigmond Toth
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Plötzlich gibt es nichts mehr zu gewinnen

Und plötzlich wird mir bewusst: Der Parcours ist durchaus zu bewältigen. Durchkommen ist keine Leistung, sondern ein absolutes Muss. Das ist furchtbar. Mit einem Schlag gibt es nichts mehr zu gewinnen, sondern nur etwas zu verlieren.

Statt um Ruhm und Ehre geht es nur noch darum, das Gesicht zu wahren. Jetzt ist das Rennen richtig hart. Ich habe plötzlich Seitenstechen. Der Schuh drückt, die Hüfte zwickt. Ich glaube, Sportler nennen so was ein mentales Tief.

Von nun an ist das grösste Hindernis die Distanz. In der zweiten Runde zieht sich das Feld so weit in die Länge, dass man stellenweise das Gefühl hat, allein zu laufen – auch, weil nur wenige Zuschauer am hinteren Streckenteil ausharren. Das Wasser scheint kälter, der Schlamm tiefer und die Strecke länger.

Die meisten Teilnehmer kämpfen sich trotzdem tapfer durch die Pfützen. Man macht ja nicht an einem Hindernislauf mit, um Hindernisse zu umgehen. Ausserdem ist der Trampelpfad, der am Wasser vorbeiführt, als unehrenvoll verschrien. Läufer, die sich darauf verirren, werden von andern mit Schmährufen bedacht. Das sticht, auch wenns nicht ganz ernst gemeint ist.

Am Ende haben dann neun von zehn Teilnehmern das Ziel erreicht. Für mich stoppte die Uhr bei 1:18.31,9.