Da habe ich mich zwölf Monate auf meinen langen Urlaub gefreut und sehe nun plötzlich dessen Kehrseite. Ublicherweise schöpfe ich nämlich zwischen Ende August und Ende Oktober Kraft fürs ganze Jahr. Ich tue dies, indem ich in sämtlichen Regional- und Quartierzeitungen die Berichte über die Vereinsreisen lese. Sie setzen einen Kontrapunkt zu meinem Berufsleben, wo ich mich ausschliesslich den Schattenseiten des Lebens widmen muss («Rentner abgezockt» ist eine Geschichte, «Rentner nicht abgezockt» ist keine). Die Vereinsreisen aber finden nur in den erwähnten Monaten statt.

Die Berichte darüber verströmen eitel Freude und Zuversicht. Da weiss ich, dass ich keinem griesgrämigen Volk von Morgenmuffeln angehöre. Stets ist von der «munteren, frohen Schar» die Rede, die sich vorzugsweise um 6.30 Uhr morgens am Bahnhöfli, bei der Sternenkreuzung oder auf dem Chäsiplatz trifft. Frohgemut ist die Schar wegen des wolkenlosen Himmels – oder trotz den grauen Wolken. Und pünktlich sind alle Vereinsmitglieder, wie das unserem Nationalcharakter entspricht.

Freude spenden ist bereits auf der Fahrt Richtung Vierwaldstättersee angesagt. «Welche Uberraschung: Vreni und Karin zaubern zwei Tüten ofenfrischer Gipfeli hervor und schenken Kaffee ein. Danke Vreni, danke Karin!» Die Männer halten sich mehr an geistige Getränke. «Klar, dass alle ihr Sackmesser mit Zapfenzieher dabeihatten. Es dauerte dann auch nicht lange, bis Päuk eine Flasche Weissen aus dem Rucksack zog. Hell die Gläser klingen.» Frohnaturen sind die Vereinsmitglieder allesamt. Wie die drei Mannen, die beim Umsteigen noch eins schnappten und beinahe den Zug verpassten. «Darüber werden wir noch lange lachen.»

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Volle Zufriedenheit und Dankbarkeit auch bei der Wanderung. «Welch lohnender Aufstieg von der Golzern zur Windgällenhütte! Einmal mehr hat sich Ruedi als umsichtiger Tourenleiter bewährt.» Rechtschaffen müde erreicht man abends den Gasthof, «wo uns das feine Nachtessen mundete». Der Abend vergeht wie im Flug, man macht noch Bekanntschaft mit den Mitgliedern des Frauen- und Töchterchors Hinterfultigen oder den Turnerkameraden aus Birr-Lupfig. Die Männer höhlen natürlich, was das Zeug hält.

Nach kurzem Schlaf gehts am Sonntagmorgen weiter. Leider im Telegrammstil, denn der Verleger des Lokalblatts druckt nur siebzig Zeilen ab. Zudem muss – jedenfalls bei Damenvereinen – noch das Wichtigste abgehandelt werden: der Dank. Nur niemanden vergessen, sonst gibts Ärger. «Ganz herzlich danken wir unserer Präsidentin Sabrina Noser für die perfekte Organisation, dem Vorstand für die umsichtige Leitung, Helen Kalbermatten für die Wanderführung auf den Hohen Kasten, Ursi Läderach für die Meringues in der Bollenwies und Chauffeur Kari für die sichere Fahrt.» Männer sind offensichtlich weniger empfindlich; das abgekürzte Verfahren bietet sich an: «Ein Hoch unserem Präsidenten Röbi Keller für die Tranksame und all jenen, die zum Gelingen unseres Marsches beigetragen haben.»

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Auf diese Kraft spendende Lektüre über lustige und dankbare Menschen werde ich dieses Jahr verzichten müssen. Auch die Vereinsreise meiner Männerriege, der ich seit neunzehn Jahren angehöre, wird ohne mich durchgeführt. Ob meine langen Ferien diesen herben Verlust wohl auszugleichen vermögen?